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18.03.2026
- → Feuilleton
»In diesem Buch ist alles wahr«
Die Deutschen versteckten ihre Verbrechen nicht: Anatoli Kusnezows »Roman eines Augenzeugen« über Babi Jar liegt in einer neuen Übersetzung vor. Er ist ein Dokument des Grauens – und einer Umdeutung
Als die deutsche Wehrmacht im September 1941 Kiew eroberte, war Anatoli Kusnezow zwölf Jahre alt. In den folgenden gut zwei Jahren, bis zur Befreiung im November 1943, erlebte er einen Besatzungsterror, der Massenmorde, Lagerhaft und eine bewusst herbeigeführte Hungersnot einschloss. Wer sich die überlebensnotwendigen Nahrungsmittel beschaffen wollte, musste früher oder später gegen die von den Deutschen aufgestellten Regeln verstoßen; dies war zumeist mit Erschießen bedroht, so dass das Überleben oft eine Frage des Glücks oder der schnellen Beine war. Schließlich entzog sich Kusnezow der von den Deutschen angesichts der nahenden Roten Armee befohlenen »Evakuierung« der überlebenden Stadtbevölkerung und geriet so in die Kampfzone. Doch wusste man in Kiew damals schon sehr gut, dass die vorgebliche Rettung Deportation bedeuten konnte und wie die Lage sowjetischer Zwangsarbeiter im Deutschen Reich war.
Bereits als Vierzehnjähriger schrieb Kusnezow das gerade Erlebte auf, und Jahre später formte er die Notate zu einem Buch um. Er bezeichnete »Babyn Jar« als »Roman eines Augenzeugen«, und der erste Satz lautet: »In diesem Buch ist alles wahr.« Tatsächlich sind viele der Angaben (wenn auch nicht der Deutungen) überprüfbar, und als romanhaft lässt sich allenfalls die stark szenische und oft anekdotisch zugespitzte Erzählweise bezeichnen. Ausführliche Zitate deutscher Aushänge und ukrainischsprachiger Zeitungen demonstrieren das Ineinander von Repression und Propaganda. Dabei war erstere so hart, dass letztere keine Chance hatte und anfängliche Sympathien für die Deutschen schnell schwanden. Ausführlich schildert Kusnezow die Überlebensstrategien der Bevölkerung, und das heißt vor allem: die Versuche, an Essen zu kommen. Zugleich gelingen ihm prägnante Charakterbilder seiner Familie, seiner Jugendfreunde, aber auch von Leuten, die er nur kurz und zufällig traf.
Lange und eindrucksvolle Kapitel beschreiben deutsche Verbrechen. Einigermaßen bekannt ist von ihnen heute in Deutschland nur das Massaker an der jüdischen Bevölkerung. Doch richtete sich die genozidale Kriegführung gegen die gesamte slawische Bevölkerung. Bereits in den ersten Wochen der Besatzung wurden angesichts von Widerstandshandlungen Hunderte von Geiseln erschossen. Im Kiewer Stadtbezirk Darniza richtete die Wehrmacht ein Lager ein, in dem sowjetische Kriegsgefangene hungerten. Kusnezow gibt die Anzahl derjenigen, die dort an Entkräftung starben oder direkt ermordet wurden, mit 68.000 an. Nahe der Schlucht Babi Jar betrieben die Deutschen das Konzentrationslager Syrez – sie versteckten ihre Verbrechen nicht. Während der ganzen Besatzungszeit kam es zu weiteren Erschießungen in Babi Jar. Die Opfer waren sowjetische Kriegsgefangene, Partisanen, Sinti und Roma, aber auch Bewohner, die gegen einen der zahllosen deutschen Befehle verstoßen hatten.
Das Manuskript wurde in den sowjetischen Kulturinstitutionen mit großem Misstrauen aufgenommen und schließlich nur mit etlichen Kürzungen publiziert. 1969 setzte sich Kusnezow in den Westen ab. Bei sich hatte er den kompletten Text. 1970 erschien eine vervollständigte Fassung des Buchs in den USA. Nun konnten die Leser auf Wunsch des Verfassers drei Textschichten unterscheiden. Was 1966 in der sowjetischen Zeitschrift Junost erschienen war, stand in normaler Schrift; was dabei weggefallen war, wurde kursiviert; und was Kusnezow gar nicht erst vorgelegt oder später ergänzt hatte, war in Klammern gesetzt. Auch der nun von Christiane Körner neu ins Deutsche übersetzte Text weist diese Einteilung auf.
Das ist ganz im Sinne des Autors, und doch ist die Wirkung fragwürdig. Man achtet bei der Lektüre stets darauf, was gestrichen wurde. Auf diese Weise tritt das jedenfalls mindere Vergehen der sowjetischen Zensur gegenüber den deutschen Verbrechen unangemessen in den Vordergrund. Doch ist jedenfalls kulturhistorisch interessant, was man damals in der Sowjetunion dem Publikum nicht zumuten mochte.
Unmittelbar einleuchtend sind einige politisch motivierte Streichungen. Wenn etwa der Autor findet, dass die deutschen roten Fahnen mit Hakenkreuz in der Mitte den sowjetischen mit Hammer und Sichel unglaublich ähnlich sähen, ist das angesichts der Untaten der Hakenkreuzler schwer erträglich. Anschließend schreibt er noch über die ukrainische Flagge, die neben der deutschen hing: »Gelb ist der Weizen, blau der Himmel. Eine gute, friedliche Flagge.« Die Opfer der ukrainischen Nazikollaborateure dürften das anders gesehen haben.
Die Mehrzahl der Kürzungen ist aber anders zu erklären. Ein zentrales Verbrechen der Besatzungszeit, die Ermordung der Kiewer Juden in der Schlucht Babi Jar am 29. und 30. September 1941, hat der Erzähler nicht selbst gesehen. Er zitiert ausführlich den Bericht einer Überlebenden, Dina Mironowna Pronitschewa. Dieser Abschnitt wurde fast vollständig in der Sowjetunion gedruckt. Allerdings fiel der Satz weg, der die Beteiligung von Ukrainern an dem Massaker benannte. Ebenfalls fehlt die Formulierung, dass es »nach Fleisch, nach den Massen frischer Leichen« roch.
Dabei wird auch in der sowjetischen Druckfassung klar, dass etliche Bewohner Kiews zunächst die Wehrmacht begrüßten und dass es Kollaboration gab. Auch wird sowohl in Pronitschewas Bericht als auch von Kusnezow die Brutalität der Besatzer hinreichend deutlich. Was die Zeit von 1941 bis 1943 angeht, sind alle wesentlichen Inhalte noch vorhanden. Es fehlen manche Zuspitzungen: groteske oder grausige Einzelheiten. Die Vermutung, hier habe etwas verheimlicht werden sollen, dürfte kaum zutreffen. Gut zwanzig Jahre nach Kriegsende war die Erinnerung an das Geschehen, mit allen Details, in der sowjetischen Bevölkerung noch präsent gewesen. In Zeiten, in denen fast jeder Leser Erfahrung mit Kriegsleichen hat, kann man sich den Hinweis darauf sparen, wie diese riechen. Die in der Sowjetunion gedruckte Fassung des Buchs gibt die Wahrheit über den Krieg wieder, wobei offenkundig kaum vernarbte Wunden nicht aufs Neue aufgerissen werden sollten.
Gestrichen sind Passagen – auch in Figurenrede –, in denen die Sowjetmacht in den Zusammenhang von Diktaturen gestellt wird. Es besteht zwar auch in dieser Fassung kein Zweifel daran, dass der Großvater des Erzählers die Bolschewisten hasst und die Deutschen als Befreier begrüßt. Aber: »Lenin hat mehr Leute zugrunde gerichtet als alle Zaren vor ihm« – so beginnt eine lange antikommunistische Tirade des Großvaters, die ebenso komplett gestrichen ist wie die Rückblicke Kusnezows auf die 1930er Jahre.
Was sich bei letzterem nur andeutet, wird in den Ergänzungen für die US-Fassung explizit. Zunächst war nun vom »finsteren Hirn der Nazisten« die Rede; 1970 sind an dieser Stelle »NKWDler, Royalisten, Marxisten, Chinesen, Marsbewohner« ergänzt worden. Auch wenn Kusnezow die Aufzählung ins Absurde steigert, wird an dieser und vielen anderen Stellen klar, dass die letzte Version von »Babyn Jar« der westlichen Totalitarismustheorie folgt. Kusnezow hat seinem Buch über die deutsche Besatzung seinen Hass auf die Sowjetunion aufgepfropft. Im Exil heuerte er dann beim US-finanzierten Radio Liberty an, was schlecht zu seiner ausgestellten Ablehnung von Unterdrückung und Gewalt passte. Vom Vietnamkrieg dürfte auch er gehört haben. Ästhetisch sind die Hinzufügungen in der Letztfassung zumeist kein Gewinn. Als intellektuell dürftige Gedankengebäude überlagern sie passagenweise die Stärken des Buchs, die in der genauen und anschaulichen Schilderung des Besatzungsalltags liegen.
Die Neuübersetzung bei Matthes & Seitz verwendet im Gegensatz zu den früheren Ausgaben, auch der von Kusnezow im Westen verantworteten, als Titel »Babyn Jar«. Die Übersetzerin begründet das damit, dass die ukrainische Bezeichnung ihren »Platz im internationalen Sprachgebrauch gefunden« habe und es unmöglich sei, »jetzt hinter den Status quo zurückzugehen«. Dagegen ist einzuwenden, dass Kiew bis über das Ende der Sowjetunion eine mehrsprachige Stadt war und es im privaten Bereich wohl bis heute noch ist, dass also eine nachträgliche Ukrainisierung anachronistisch ist. In Nachworten behaupten sowohl die Übersetzerin als auch in einem kurzen Beitrag die ukrainische Essayistin Kateryna Mishchenko Parallelen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem gegenwärtigen Konflikt in der Ukraine. Doch kann zum Glück heute auf keiner Seite von einem genozidalen Vernichtungskrieg die Rede sein. Solche Vergleiche drohen die deutschen Besatzer und ihre ukrainischen Hilfstruppen zu entlasten. In einem weiteren ergänzenden Beitrag gibt der Historiker Bert Hoppe grundlegende Informationen zu dem Massaker von 1941 und seiner über viele Jahre hinweg fehlenden Aufarbeitung.
Anatoli Kusnezow: Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2026, 526 Seiten, 32 Euro
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