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1. Mai in Spanien

Wer ist der Hauptgegner Ihrer Bewegung?

Spanien: Das Movimiento Socialista mobilisierte erstmals aus eigener Kraft landesweit zum 1. Mai, erklärt Mario R.

Interview: Luca Antani
Foto: Matthias Oesterle/ZUMA Press Wire/IMAGO
Kommunistinnen und Kommunisten marschieren am diesjährigen 1. Mai durch die Straßen von Barcelona

Tausende junge Kommunisten folgten am 1. Mai in Madrid, Barcelona, Bilbao, Pamplona und Valencia dem Aufruf der Organisationen, die Teil des breiteren Movimiento Socialista, kurz MS, sind. In Madrid hieß es auf dem Frontbanner: »Gegen den imperialistischen Krieg! NATO auflösen! Zionismus zerstören!« hinter dem rund 4.000 Menschen marschierten. Sind Sie mit der Zahl zufrieden?

Ja! Selbst wir haben nicht so viele erwartet. Es ist das erste Mal, dass wir die Mobilisierungen zum 1. Mai eigenständig organisiert haben, eine riskante Entscheidung, aber die Fakten geben uns recht. Die Demonstration der großen Gewerkschaften hier in Madrid war wohl kleiner als die der MS-Mitgliedsorganisation vor Ort, die Coordinadora Juvenil Socialista. Das passiert, wenn man Parteien nahesteht, die Teil einer arbeiterfeindlichen Regierung sind.

Der sozialdemokratische Ministerpräsident Pedro Sánchez macht sich derzeit einen Namen damit, als einer der wenigen EU-Regierungschefs den Drohungen aus Washington nicht sofort nachzugeben und eine Unterstützung des Angriffskriegs gegen Iran sogar offen zu verweigern. Wie blicken Sie auf die Regierung in Madrid?

Wie wohl? Die Kaufkraft der Arbeiter stagniert, der Reichtum konzentriert sich weiter in wenigen Händen, und die Opposition gegen den Krieg bleibt bloß Gerede. Sánchez kann nur deshalb jemanden überzeugen, weil auf der anderen Seite Leute wie Donald Trump stehen. Aber das ist keine Alternative, der Kommunisten nachgeben sollten.

Wie ist Ihre Organisation aufgebaut, und wie wollen Sie sie weiterentwickeln?

Unsere Ursprünge sind vielfältig. Gemeinsam ist uns der Bruch mit dem Reformismus verschiedener Organisationen, etwa der Izquierda Abertzale (baskisch-nationalistische linke Gruppierung, jW). Ähnliches gilt für Katalonien und selbstverständlich für die Erfahrung mit Podemos (reformorientierte linke Partei, die 2014 gegründet wurde, jW). Daraus entstanden verschiedene Organisationen als Teil der MS, die offiziell 2019 im Baskenland gegründet wurde und sich erst 2024 im ganzen spanischen Staat ausbreitete. Ihr Ziel ist ehrgeizig: der Aufbau einer europäischen kommunistischen Partei.

Deren oberstes Ziel sei die Opposition gegen den imperialistischen Krieg. Worin sehen Sie dessen Ursachen?

Wir befinden uns in einer Phase der dauerhaften Krise des Kapitalismus, die die Konkurrenz zwischen imperialistischen Blöcken verschärft. Der westliche Imperialismus ist der stärkste und, weil er sich im Niedergang befindet, zugleich der aggressivste. Trotz innerer Spannungen bleibt er geeint in einer Achse aus USA, NATO, EU und dem zionistischen Staat.

Sehen Sie in den Vereinigten Staaten, der EU, Israel und der Kriegsallianz NATO also die Hauptgegner Ihrer Bewegung?

Der Hauptfeind steht im eigenen Land. Für uns in Europa ist der westliche Imperialismus der Gegner. Er kann seine Pläne nicht umsetzen, ohne seiner eigenen Bevölkerung Opfer abzuverlangen. Deshalb lautet unsere Losung: »Kein Mensch, kein Euro für den imperialistischen Krieg.« Das richtet sich auch gegen die opportunistischen Gewerkschaftsbürokratien, die faktisch Agenten des bürgerlichen Staates sind.

Soll das heißen, Sie streben den Aufbau eigener, kommunistischer Gewerkschaften an?

Nicht unbedingt. Es geht darum, die Hegemonie der Bürokratie über den Großteil einer Arbeiterklasse, die immer stärker verarmt und fragmentiert ist, zu brechen. Der Anteil migrantischer Arbeit wächst, die wir ebenfalls organisieren müssen, auch gegen faschistische Angriffe.

Fürchten Sie den Aufstieg des Faschismus in Europa?

Der Faschismus ist für alle sichtbar, aber man muss klären, was gemeint ist. Für uns ist Faschismus ein Instrument der Bourgeoisie in Krisenzeiten. Heute zeigt er sich in drei Formen: erstens im Wachstum extrem rechter Parteien wie der Fratelli d’Italia der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni oder der AfD; zweitens in der Verbreitung extremistischer Gruppen, oft von Oligarchen finanziert, die als eine Art Vorhut für faschistische Praktiken und Ideen fungieren; sowie drittens in den Bühnen, die ihnen Medien bieten – ihre eigenen oder liberale Medien, die ein Interesse daran haben, die Rechte aufzublasen, um ihre »verantwortungsvolle« Alternative zu fördern.

Und wie bekämpft man sie?

Sicher nicht in einer Volksfront mit bürgerlichen Kräften, wie sie heute die Sozialdemokratie vorschlägt. Derzeit besteht das Programm der Oligarchie, ob faschistisch oder liberal, in einem immer autoritäreren und militarisierten Staat sowie in der Verarmung der Arbeiterklasse. Deshalb setzen wir auf die Einheitsfront der Arbeiter, über ihre organisatorischen Spaltungen hinweg und quer zu ihren verschiedenen Strukturen. Diese gilt es in einem Kampf zu vereinen, um die politischen Rechte der Arbeiterklasse zu verteidigen, die für ihre politische Entwicklung notwendig sind.

Mario R. ist in Madrid aktiv im leninistisch orientierten Movimiento Socialista (MS), das landesweit zu den 1.-Mai-­Demonstrationen in Spanien aufgerufen hatte

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 07.05.2026, Seite 2, Ausland

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