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Ein Notbehelf

Europäische Politische Gemeinschaft

Foto: Sean Kilpatrick/Canadian Press via ZUMA Press/dpa
Letztes Reinemachen vor der Ankunft der Staats- und Regierungschefs in Jerewan am Montag

Wer wissen will, welche Bedeutung die Bundesregierung dem Treffen der Europäischen Politischen Gemeinschaft beimaß, das am Montag in Armeniens Hauptstadt Jerewan stattfand, muss sich nur eines vor Augen führen: Der Bundeskanzler schwänzte. Friedrich Merz habe leider, leider »andere Verpflichtungen«, teilte ein Regierungssprecher eher gelangweilt mit. Bekannt war nur eine Präsidiumssitzung der CDU; ihr maß Merz also mehr Gewicht bei als einem Treffen der Staats- und Regierungschefs von rund vier Dutzend fast durchweg europäischen Ländern. Nun ja.

Die Europäische Politische Gemeinschaft ist, seit sie im Oktober 2022 in Prag zum ersten Mal zusammenkam, eigentlich immer nur ein dünner Notbehelf gewesen. Nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs kam es für die Staaten Westeuropas darauf an, auch über die EU hinaus mit möglichst allen Ländern des Kontinents die Reihen gegen Russland und Belarus zu schließen. Da ein EU-Beitritt insbesondere der Ukraine und Moldawiens nicht in absehbarer Zeit kam, schufen die Staaten Westeuropas ein neues Format, in das sie die beiden genannten Länder sowie weitere, Georgien und Armenien etwa, einbinden konnten. Seitdem trifft man sich zweimal pro Jahr, um etwa über die gemeinsame Energieversorgung – ohne Russland – oder über Fragen der Sicherheit – gegen Russland – zu diskutieren. Hinsichtlich der wirklichen politischen Bedeutung dieser Gipfeltreffen liegt Merz gar nicht so falsch.

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Das heißt nicht, dass Zusammenkünfte wie diejenige am Montag in Jerewan völlig nutzlos wären. Man kann sie, da letzten Endes – außer Merz – dann doch meistens viele kommen, für Absprachen nutzen. Großbritanniens Premierminister Keir Starmer etwa verhandelte am Rande des Treffens in Jerewan über eine Beteiligung seines Landes am 90-Milliarden-Euro-Kredit der EU für die Ukraine: London ist, nicht zuletzt mit Blick auf Donald Trump, zur Zeit bemüht, bei allem, was mit Außen- und Militärpolitik zu tun hat, möglichst eng mit der EU zu kooperieren. Darüber hinaus bieten die Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft einen Rahmen für allerlei Symbolisches. Dass die Türkei mit Vizepräsident Cevdet Yılmaz zum ersten Mal seit fast zwei Jahrzehnten einen ihrer Spitzenrepräsentanten zu einem Besuch nach Armenien entsandte, stellte klar: Ankara ist derzeit zu einer gewissen Entspannung gegenüber Armenien bereit.

Der vielleicht wichtigste Auftritt in Jerewan war derjenige des kanadischen Premierministers Mark Carney. Carney wurde – als Gast, bislang erhebt kein Staat Europas Ansprüche auf Kanada – in Gespräche darüber eingebunden, wie man gemeinsam »Sicherheit und Resilienz« stärken könne. Gemeint war damit die gemeinsame Abwehr der üblichen Aggressionen der Trump-Regierung. Er sei nicht der Auffassung, dass es Europas »Schicksal« sei, sich in »eine abgeschottete und brutale Welt zu fügen«, bekräftigte Carney anschließend. Will sagen: Es geht auch ohne, und das heißt: auch gegen Trump. Beschlüsse dazu gab es in Jerewan natürlich nicht. In diesem Fall haben aber auch schon Gespräche Gewicht.

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.05.2026, Seite 3, Ansichten

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  • Onlineabonnent*in Volker R. aus H. 5. Mai 2026 um 07:28 Uhr
    Was mich bei diesem EU-Treffen aushorchen ließ, war vor allem die Wahl des Tagungsortes. Das EU-gestützte Kapital versucht immer deutlicher, die Überproduktionskrise durch eine Expansion in den postsowjetischen Wirtschaftsraum zu kompensieren. Dies bereits über das gescheiterte Assoziierungsabkommen mit Kiew 2013. Das hätte die Ukraine deindustrialisiert und den gewünschten Markt geschaffen. Nach dem Scheitern wurde bekanntlich der Putsch faschistischer Milizen 2014 ideologisch und finanziell unterstützt. Mit der Folge von acht Jahren Bürgerkrieg, bei dem Russland lediglich seine strategische Position auf der Krim sicherte und die Unterstützung der Aufständischen im Donbass lediglich substaatlich durch russische Ultranationalisten erfolgte. Seit 2022 haben wir auch den klassischen imperialistischen Stellvertreterkrieg zwischen russischem und EU-Kapital. Wobei die DKP sicher noch debattiert, ob Russland schon im imperialistischen Stadium ist. Der Griff der EU nach dem Kaukasus lag allerdings länger zurück. Schon 1999 gab es Wetten, ob die Grünen nach Jugoslawien als nächstes in Georgien bombardieren wollen. Seit der letzten Wahl dort und den erschwerten Bedingungen für Prodagandakampangnen der EU schien dieses Projekt auf Eis zu liegen. Nun soll Armenien nach der Niederlage gegen Aserbeidschan offenbar neue Chancen bieten. Die Wehrmacht zog für »Neuen Lebensraum« zum Kaukasus und scheiterte zum Glück an der Wolga in Stalingrad. Die EU folgt dem Weg für neuen Investitionsraum. Hoffentlich scheitert sie bereits am Dnepr. Aber ihr Gegner ist nicht die Sowjetunion, sondern ein kapitalistischer Konkurrent. 1914 läßt grüßen! Und es gibt diesmal offenbar kein organsisiertes internationales Proletariat, das ruft: Der Feind steht im eigenen Land. Volker Ritter
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