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Großbritannien

Labour vor dem Fall

Wahlen in Schottland und Wales: Sozialdemokraten droht Absturz. Reform UK und Grüne profitieren. Unabhängigkeitsbefürworter bleiben stark

Foto: Jack Taylor/REUTERS
Polanski, Starmer, Farage: Keiner der Spitzenpolitiker vertritt die Interessen der Arbeiter (London, 3.5.2026)

Es ist der größte Wahlgang in Großbritannien seit den Parlamentswahlen im Sommer 2024, als Labour klar die meisten Sitze im Unterhaus holte. Mehr als 5.000 Mandate werden an diesem Donnerstag in 136 Gemeinderäten in England neu vergeben. Zusätzlich werden in Schottland und Wales die Regionalparlamente gewählt. Für Labour, aber auch für die konservativen Tories dürfte es herbe Schlappen geben. Laut Umfragen werden die rechte Reform UK und die unter ihrem im September gewählten Parteichef Zack Polanski deutlich nach links gewanderten Grünen erhebliche Zugewinne erzielen. In Schottland und Wales dürften die auf regionale Autonomie setzenden Parteien stark abschneiden.

Schwache Wirtschaftsdaten, fortwährende Probleme im Gesundheitssystem, steigende Inflation und zuletzt die Politaffäre um Peter Mandelson haben die Umfragewerte von Labour-Premier Keir Starmer und seinen Sozialdemokraten in den Keller fallen lassen. Behalten die Demoskopen recht, könnte es landesweit nur für Platz fünf reichen. Von den neu zu vergebenden Sitzen hält die Partei derzeit 2.196, Umfragen sagen voraus, dass Labour davon nur 450 bis 620 wird halten können. Aber auch den Konservativen und den Liberalen werden Verluste vorausgesagt. Den Durchbruch auf lokaler Ebene dürften Reform UK und die Grünen schaffen: Letztere könnten den Prognosen zufolge deutlich über 1.000 Gemeinderäte stellen, die Rechtspartei von Nigel Farage sogar mehr als 1.500.

In Schottland hatte der dortige Labour-Chef Anas Sarwar bereits im Februar den Rücktritt Starmers gefordert. Im Wahlkampf positionierte er sich als Kritiker der Regierung in London. Die Titelseite der schottischen Zeitung ­Daily Record lautete am Mittwoch: »Ihre Chance, Schottland zu verändern.« Das Blatt warb für den Sozialdemokraten mit der Behauptung: »Mit der Wahl von Labour unterstützen Sie keinen gescheiterten Premierminister, den selbst Sarwar abgelehnt hat.« Laut den Umfragen hat jedoch die regierende Schottische Nationalpartei (SNP) die Nase vorn. Die SNP hat sich nach innerparteilichen Turbulenzen der vergangenen Jahre erholt und kletterte in den Umfragen stetig in Richtung 35 bis 40 Prozent. Bei den vergangenen Wahlen hatte sie noch 48 Prozent erhalten, wird aber wohl die Nummer eins bleiben und ihre Sitze halten können. Labour liegt in den Umfragen abgeschlagen bei unter 20 Prozent. Verluste werden auch den Konservativen prognostiziert, während Grüne und Liberale ihre Mandate verdoppeln könnten. Derzeit halten sie acht beziehungsweise vier Sitze.

Neu ins Regionalparlament einziehen wird Reform UK. Alle Umfragen der vergangenen Monate sehen sie klar an zweiter Stelle. Das ist auch ein Ausdruck dafür, dass neben den wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Kriege in Westasien und Osteuropa besonders das Thema Migration den schottischen Wahlkampf geprägt hat. Doch genau in diesem Punkt hat das Regionalparlament keine Befugnis.

Die SNP setzt daher wieder verstärkt auf das Thema Unabhängigkeit. Denn die Unterstützung für eine Loslösung von London ist ungebrochen hoch. Mit dem Versprechen, erneut ein Referendum durchzuführen, versuchte die SNP daher zuletzt, Wähler zurückzuholen, die sich in den vergangenen Jahren angesichts der Sozial- und Gesundheitspolitik der SNP-Regierung enttäuscht abgewandt hatten. Denn auch in Schottland gab es zuletzt Kürzungen in diesem Bereich, was zu vermehrten Arbeitskämpfen der Gewerkschaften geführt hat.

In Wales erzielt die sich als walisisch-national bezeichnende sozialdemokratische Partei Plaid Cymru starke Umfragewerte. Seit der Gründung des Regionalparlaments Senedd 1999 wird es von Labour dominiert. Nun könnte es zu einem »politischen Erdbeben« kommen, sagte der Politikwissenschaftler Jon Tonge von der Universität Liverpool gegenüber Al-Dschasira. Umfragen deuten darauf hin, dass Plaid Cymru die meisten Sitze erhalten könnte – nur knapp vor Reform UK, die wie in Schottland erstmals ins Regionalparlament einziehen wird, ebenso wie die Grünen. Konservative und Liberale laufen dagegen Gefahr, aus dem Parlament zu fliegen. Ausgezählt wird in allen Landesteilen am Freitag. Dann könnte sich die politische Landschaft in Großbritannien grundlegend gewandelt haben – mit deutlichen Auswirkungen auf die Regierung in London.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.05.2026, Seite 6, Ausland

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