Abfall für alle
Reinigungspersonal der Plattformökonomie: Uta Briesewitz’ Spielfilmdebüt »American Sweatshop«
Im Internet hat sich schon lange eine unsichtbare Arbeitsteilung etabliert: Die einen produzieren Inhalte, Aufmerksamkeit und digitalen Dreck aller Art, die anderen (»Content Cleaner« bzw. »Moderatoren«) müssen den Abfall für alle prüfen, filtern, markieren, löschen oder wenigstens in seiner Reichweite begrenzen, um die sozialmediale Plattformökonomie (dys)funktional zu erhalten. So entstand ein Ausbeutungssystem, in dem Arbeiter aus dem globalen Süden einmal mehr den Großteil des traumatisierenden Drecks zu bewältigen haben.
Zwecks besseren Zuschnitts auf spezifische Sprachräume gibt es aber auch in Europa und den USA solche oft an internationale Dienstleister ausgelagerte Jobs, wie ihn Daisy Moriarty (Lili Reinhart) im »American Sweatshop« der fiktiven Internetinhaltsbereinigungs-firma Paladin zu durchleiden hat. Täglich starrt sie auf den irgendwann zurückblickenden Abgrund des Allzuunmenschlichen und moderiert gemäß der hohe Klickzahlen vor unzufriedenen Kunden oder gar Rechtsstreitigkeiten priorisierenden Richtlinien der Firma die als »Tickets« gemeldeten Bilder, Kommentare und Videos. Neun Minuten Auszeit gewährt die Firma ihren Mitarbeitern, denen der gesichtete Content die Schuhe auszieht.
Die Auszeit kann Daisy nicht nutzen. Beim Anblick eines Videos mit dem vielsagenden Titel »Nailed it«, in dem eine Frau, ein Mann, ein Nagel und ein Hammer vorkommen, kollabiert sie vor dem Monitor. Da kann der firmeneigene Therapeut so wenig helfen wie die abendliche Tinder-Routine. Die Bilder bleiben bei Daisy, die ohne Rückhalt durch Firma und Polizei die Macher des Videos ausfindig machen will, um – der Abgrund, der zurückblickt – ihrerseits Gewalt auszuüben.
Im Grunde ein ausgezeichneter Ausgangspunkt einer Erzählung über die zentralen Widersprüche kapitalistischer Plattformökonomie: Während die Produktion digitaler Hassrede, Gewalt und Spam durch unregulierte Nutzer und Bots als scheinbar freie Äußerung erscheint, wird deren »Beseitigung« Aufgabe maximal entfremdeter Lohnarbeit. Wenn oft in prekären Verhältnissen arbeitende Moderatoren die unsichtbare Reproduktionsarbeit der Plattform leisten, schaffen sie erst die Bedingungen für die Möglichkeit »sauberer« Oberflächen, auf denen Werbeeinnahmen und Nutzerbindung gedeihen können. Sie dienen ausschließlich den Gewinnen der Plattformbetreiber, die die Externalisierung psychischer Belastungen in Kauf nehmen.
Uta Briesewitz’ Debütfilm übersieht das nicht, legt in der wohl gewollten Synthese aus Mysterythriller und Kritik auf letztere aber leider zuwenig Gewicht. An Lili Reinharts respektabler Leistung wiederum liegt es nicht, sie spielt gut in der Rolle einer jungen Frau, die um die Absurdität ihres Jobs weiß: »Wir werden für unser Leid bezahlt.« Eigentlich will sie Sinnvolles tun, Krankenschwester werden, wären da nicht der schwere Eignungstest und die hohe Ambulanzrechnung wegen ihres Kollapses. Auch für das manchmal maue Drehbuch kann der »Riverdale«-Star nichts, das ist von Matthew Nemeth. Mehr als eine vage Ahnung davon, dass die bösen Seiten des Internets uns gefangenhalten und alltäglich zu den gleichen Abläufen zwingen, steht da nicht drin.
Von Schwächen wie diesen abgesehen, gelingt es der in den USA lebenden deutschen Kamerafrau Briesewitz, die zuvor vereinzelte Episoden hochgelobter Serien wie »Stranger Things« oder »Westworld« inszenierte, die Auswirkungen der dunklen Teile des Internets auf Gesellschaft und Individuum ansatzweise aufzuzeigen, ohne dabei ihrerseits auf Schock zu setzen. Das schon akustisch scheußliche Video, in dem einem Hund Schreckliches angetan wird, was einen davon schockierten Cleanerkollegen nach Hause zu seinem Hündchen eilen lässt, wird nicht gezeigt. Der im Film problematisierte Content wird insgesamt dankenswerter- wie klugerweise nur mittels Einblendungen einzelner Bilder und eingespielter Sounds vermittelt, allerdings auch nicht ausreichend problematisiert. Mit etwas mehr Feinjustierung und Vertrauen in Hauptdarstellerin und Sujet hätte durchaus ein fesselnder Film entstehen können. So ist es denn lediglich ein passabler deutsch-amerikanischer Psychothriller mit ungenutztem Potential geworden, dem überraschenderweise gar nicht anzusehen ist, dass er nicht in den USA, sondern in nur 21 Tagen in Köln und Bonn gedreht wurde.
→ »American Sweatshop«, Regie: Uta Briesewitz, USA/BRD 2025, 94 Min., bereits angelaufen
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