Zungenrede: Der Basilisk
Geraune
Für wüste Beschimpfungen (»Idiot«) und Zensur sorgte vor fast 16 Jahren eine in einem Debattierclub der neuen Technorechten erschienene Vision. Wenn die Weltherrschaft einer unerreichbar klugen Intelligenzmaschine heraufdämmert, wird sie schon im Voraus all jene zur Verantwortung ziehen, die ihr auf dem Weg zur Weltherrschaft im Weg stehen, mutmaßte ein Nutzer namens Roko (bürgerlich Roko Mijic). Der »Basilisk«, also die Superintelligenz, würde alle, die von ihr wüssten und ihr nicht nutzbringend wären, in einer Simulation gefangenhalten und schädigen. Deshalb, so Rokos Folgerung, die ihm die Beschimpfungen einbrachte, solle man sich besser frühzeitig vorsehen.
Die Denkfigur ähnelt der berühmten Wette von Pascal: Auch wenn wir nicht wissen können, ob es Gott gibt oder nicht, sei es sicherheitshalber allemal besser, an ihn zu glauben und sich an seine Regeln zu halten. Was für Gott gilt, gilt für die Superintelligenz sowieso.
Der Glaube an die kommende »Singularität« der Denkmaschinen gehört zum festen Inventar der »KIdeologie«. Darunter versteht man die Annahme, dass Maschinen irgendwann so schlau werden, dass sie sich selbst erschaffen können, was unmittelbar eine Intelligenzexplosion auslöst. Die Parallele zu messianischen Heilsversprechen ist unübersehbar.
Popularisiert wurde die Denkfigur des sich selbst erzeugenden Technodemiurgen 2005 von Ray Kurzweil, aber in den Diskussionen geisterte sie herum, seit die ersten Computer zum Einsatz kamen. Mittlerweile schwelt ein großer Streit um die Frage, wann die Intelligenzbombe zündet (wir empfehlen hier John Carpenters Film »Dark Star«, jW).
Kurzweil meinte, es geschähe um das Jahr 2045 herum. Vernor Vinge peilte 1993 den Zeitraum zwischen 2005 und 2030 an. Die Gründer diverser KI-Unternehmen nannten bis vor kurzem Jahreszahlen zwischen 2028 und 2030. Elon Musk hatte es mit 2025 am eiligsten. Hätte er recht behalten, würde das bedeuten, dass die allmächtige KI schon unter uns weilt, aber schlau genug ist, sich vor den Augen der sterblichen Humanoiden zu verstecken – in einer Art Umkehrung von Rokos Basilisk.
Wenn sich all diese Gedankenspiele nur in ideellen Höhen abspielen würden, wäre das nicht weiter bemerkenswert. Aber für die Jagd nach der Superintelligenz werden im Jahr 2026 in den USA geschätzt eintausend Milliarden Dollar investiert. Der Energieverbrauch der Rechenzentren allein in den USA dürfte nach vorsichtigen Schätzungen bis 2028 um die 250 Terawattstunden liegen, also etwas mehr als bei der Hälfte der gesamten in Deutschland verbrauchten Energiemenge im Jahr 2025. Der materielle Einsatz für den Bau der großen Denkmaschine ist gigantisch. Durch Gewinnerwartungen lässt sich dieser Aufwand nicht decken. Wohl aber durch Heilserwartung.
»Die Nebelbildungen im Gehirn der Menschen sind notwendige Sublimate ihres materiellen, empirisch konstatierbaren und an materielle Voraussetzungen geknüpften Lebensprozesses«, heißt es in Marxens »Deutscher Ideologie« (1845/46). Was die materiellen Voraussetzungen betrifft, gibt es derzeit zwei parallele Entwicklungen. Einmal die Maschine selbst mit ihrer ansteigenden Rechenkapazität und ihrem ungeheuren Investitionsbedarf. Dazu kommt die Lebensform einer mit Risikokapital hochfinanzialisierten kleinen Gruppe von Techno-Oligarchen. Die grassierenden »KIdeologien« und ihre quasi-religiösen Heilserwartungen liefern dieser Gruppe die passenden Denkfiguren, um ihre Macht und Verschwendungsexzesse zu rechtfertigen.
Einen Spitzenplatz hat in diesem Ideenwettbewerb zweifellos Peter Thiel erreicht, deutschstämmiger Großinvestor, Trump-Fan und Gründer von Palantir. Im letzten Herbst belehrte er Investoren in New York über die nahende Ankunft des Antichristen. Wer sich gegen die Ankunft der Superintelligenz stelle, sei des Teufels, behauptet er wie in einem theologischen Echo auf Rokos Basilisken. Nun gelte es, die Macht des Antichristen aufzuhalten, bis sich die gute Seite im Wettrennen der Denkmaschinen durchgesetzt habe. Dahinter steht eine ganz reale Sorge. Auf gar keinen Fall darf der Messias der Singularität im Reich der Kommunistischen Partei Chinas erscheinen. Das wäre der Untergang des Abendlandes.
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