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05.05.2026
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Home alone
Angst essen nicht nur Seele auf, auch Verstand gehört zu ihren Fressfeinden. Feinde übrigens ist das Stichwort. Seit Trump im Weißen Haus haust, weiß man diesseits des Teichs nicht mehr, wer noch Freund oder doch schon Feind sei. Ein kritisches Wort, und schon ist man Anti-Trumpist. Sogar Merz, bislang nicht als Trump-Kritiker auffällig, hat sich den Zorn des Oval Office zugezogen. Moderate Kritik an der Iran-Politik wurde mit Abzug von Truppen beantwortet.
Womit wir bei der Angst sind. »Trump«, schreibt die Augsburger Allgemeine, »erinnert die Bundesregierung« – natürlich »brachial« – »daran, wie sehr die Sicherheit Europas noch immer an seiner persönlichen Laune hängt«. Fakten sind beim Angsthaben eher hinderlich, hier wären ein paar: Kaufkraftbereinigt und abzüglich der USA gaben die NATO-Staaten 2024 umgerechnet 430 Milliarden US-Dollar für ihre militärischen Komplexe aus. Russland, das sein Potential kriegsbedingt ausgeschöpft hat, während in Europa noch reichlich Luft nach oben ist, nicht mehr als 300. Die europäische NATO übertrifft Russland zudem in sämtlichen Waffengattungen, wobei Russlands Waffensysteme auch technologisch einen so schnell nicht aufzuholenden Rückstand haben. In puncto Truppenstärke und Mobilisierung ist die NATO Russland ebenfalls mit und ohne USA überlegen, gleiches gilt vom Rüstungsumfeld. Von den 100 weltweit größten Rüstungskonzernen kommen 42 aus den USA, 30 aus den restlichen NATO-Staaten, aus Russland: drei.
Die Frankfurter Rundschau weiß, was aus dem eingebildeten Bedrohungsszenario folgt. Man müsse »den eingeleiteten Prozess der Europäer unterstützen, verteidigungspolitisch unabhängiger von den USA zu werden«. Um eine Sicherheitslücke zu schließen, die nicht existiert. Die vielmehr noch zu weiterer Eskalation führen dürfte. Denn der Angst im Westen vorm Feind im Osten entspricht die Angst im Osten vorm Feind im Westen. Zumindest auf der massenpsychologischen Ebene, die von interessierter Seite in Moskau, Berlin oder Brüssel bedient wird, einen Konflikt zu befeuern, in dem sich tatsächlich die Dynamik imperialistischer Konkurrenz entfaltet.
Das nicht wissen zu wollen, mithin nicht, dass der Überfall Russlands eine Vorgeschichte hatte (auch wenn das den Angriffskrieg nicht weniger zum Angriffskrieg macht), ist der Job der Süddeutschen Zeitung. Hier nennt man die Stationierung der US-Truppen »ein handfestes Signal der Abschreckung« und ihren Abzug eine »Einladung an den Kreml«. Etwas klarer sind dagegen die Nürnberger Nachrichten, die Trumps Kronprinzen Vance für gefährlicher halten. Dem sei es »ernst damit, Amerikas endlose Kriege zu beenden«. Horribile dictu. (fb)
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