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Sagaland

Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Der Typ da rechts soll den Märchenonkel geben, dann wird's schon wieder. Bundespräsident Steinmeier empfängt Kanzler Merz im Schloss Bellevue

Ein ehemaliger Minister setzte zuletzt den Ton, um die Debatte noch ein wenig schriller weiterführen zu können. »Ich befürchte«, hatte Peter Altmaier von der CDU zu Bild gesagt, »dass wir in eine Staatskrise schlittern können«. Mag sogar sein, der Mann hat recht. Zerbricht die amtierende Regierung, die nun fürwahr auch nach bürgerlichen Maßstäben eine fürchterliche Performance abgibt, ist unwägbar, ob es danach stabile Mehrheitsverhältnisse geben wird. Das Altmaier-Szenario: »Handlungsunfähigkeit der Staatsorgane« gepaart mit einer wirtschaftlichen Rezession, »die das übersteigt, was wir in der Banken- und Börsenkrise und auch in der Coronapandemie erlebt haben«.

Das bedrohliche Wort von der Staatskrise findet sich in den Kommentaren der großen Blätter noch nicht; es herrscht dort wenig Klartext und ein bisschen Zweckoptimismus. Im Walde wird gepfiffen. Der wirtschaftslibertäre Wirtschaftsteil der FAZ kreidet der Regierung vor allem an, es sei ihr »nicht gelungen, die Investitionsneigung der Unternehmen in Deutschland zu heben«. In dieser »wichtigsten wirtschaftlichen Frage« falle das Urteil »verheerend aus«. Man kennt die Leier von diesen Leuten: Weniger Staat wagen, schon fühlt sich Kapital wieder wohl, und allen geht’s gleich besser. Nicht die Wirtschaft sei zu verankern und zu vertäuen. »Mehr Wirtschaft erfordert vom Kapitän einen anderen Befehl: Leinen los!«

Der Kollege von der FAS kann aber keinen entfesselten und entfesselnden Kanzler erkennen. Statt dessen regiere bei dem das Lamento, wie überhaupt dessen »Koalition sich längst vom allgemeinen Defätismus mitreißen« lasse. Nicht einmal die Regierungsparteien glaubten daran, »dass sie die Kraft für den Umbau des Landes haben«; dabei will die FAS wissen, was angeblich jeder wisse: »Deutschland muss sich neu erfinden«.

Unabhängig davon, dass man besser nicht wissen möchte, wie diese Neuerfindung aussehen soll, hat der Tagesspiegel eine Idee, wer hier anzupacken berufen wäre: »Da kommt der Bundespräsident ins Spiel«. Die Verzweiflung muss sehr groß sein, wenn einem dieser Typ als Retter in der Not einfällt. Warum nur? Zwar kein »Ersatzkanzler«, könne er »an den Maßstab erinnern: das Wohl des Landes«.

Er soll, anders gesagt, eine Geschichte erzählen. Die braucht es nämlich, wenn die »Leute« dazu bewegt werden sollen, »Opfer zu bringen und Einschnitte zu akzeptieren«, hat die Süddeutsche Zeitung herausgefunden. Hat schon bei der Wiedervereinigung und bei Corona geklappt.

Wenn der kauzige Onkel von Schloss Bellevue nur überzeugend den Märchenerzähler gibt, dann wird’s schon wieder mit dem kranken Land. Wunschdenken als Ausdrucksform der Resignation. (brat)

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.05.2026, Seite 2, Ansichten

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