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04.05.2026
- → Politisches Buch
Engagement und Isolation
Sinéad Morrisseys Buch über ihre Kindheit und Jugend in einer kommunistischen Familie in Nordirland
Die nordirische Dichterin Sinéad Morrissey wurde 1972 in Portadown geboren. Sie wuchs zunächst in der Kleinstadt Craigavon, später in Belfast auf. Sie hat nun ein Buch mit Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend vorgelegt. Von den bekannten Eckdaten des Nordirlandkonflikts ist darin nur am Rande die Rede – obwohl Morrissey in einer sehr politischen Familie aufwuchs. Ihre Eltern hatten sich auf einem Treffen kommunistischer Aktivisten in England kennengelernt. Morrisseys Mutter stammte aus Sheffield. Ihr Vater soll sie eingeladen haben, mit ihm über »die Negation der Negation zu plaudern«. Ihrer Mutter gefiel dies; sie zog nach Nordirland, und beide wurden Mitglieder der Kommunistischen Partei Irlands (CPI).
In diesem Umfeld wuchs Morrissey auf. Sie war Mitglied der Parteijugend und nahm als Neunjährige an Vorträgen von Genossen aus Chile und aus der Sowjetunion teil. Ihrer Mutter half sie bei der Vorbereitung eines Bertolt-Brecht-Abends, und bald tauchte sie erstmals in einem Foto auf der Titelseite des Belfast Telegraph auf: Ihre Familie stand bei einem Protest der »Campaign for Nuclear Disarmament« vor dem Belfaster Rathaus. Der Kampf gegen die Gefahr eines Atomkriegs prägte Morrisseys Kindheit und Jugend.
Die CPI war damals gerade wieder als einheitliche Partei auf der ganzen Insel entstanden. 1970 vereinigten sich die Kommunistische Partei Nordirlands (CPNI) und die Irish Workers League/Party in der Republik. 1941 hatte sich die Partei gespalten, weil die nordirischen Genossen einen Kriegseintritt Irlands bzw. die Kriegsanstrengungen der Alliierten unterstützten, während die in der Republik das ablehnten (und im Juli 1941 die selbständige politische Arbeit vorerst einstellten). Eine solche Unterstützung für die ehemalige Kolonialmacht war für die Partei im Süden nicht vorstellbar: Sie weigerte sich, sich für den Kriegseintritt Irlands an der Seite Großbritanniens einzusetzen. Das war der Standpunkt, der näher an der Stimmung der Bevölkerung war. Die probritische Haltung der nordirischen Kommunisten isolierte diese von der (katholischen) Arbeiterklasse, und Ende der 40er Jahre soll die Partei nur noch rund 170 Mitglieder gehabt haben. Davon hat sie sich nicht mehr erholt.
Während Morrisseys irische Großeltern Nationalisten waren, waren für ihre Eltern die DDR und die Sow-jetunion der Bezugspunkt. Morrissey wuchs in einer kommunistischen »Blase« auf. Während andere Teenager sich als Straßenkämpfer gegen die Polizei betätigten oder von der IRA rekrutiert wurden, fuhr Morrisseys Vater mit ihr am Wochenende nach London, um Eier auf den Amtssitz des Premierministers zu werfen. Für sie spielten sich »die ›Troubles‹ ausschließlich im Fernsehen ab«, schreibt sie. Und der Hungerstreik der IRA-Gefangenen von 1981 sei »genauso rätselhaft und fern« gewesen wie irgendein Vermisstenfall in Australien. Morrisseys Jugendjahre in einer kommunistischen Familie hätten so in den 80ern auch in vielen anderen vergleichbaren Familien in westeuropäischen Städten stattfinden können. Sie wuchs in einer internationalistischen und politisch aktiven Familie inmitten des Nordirlandkonflikts auf, ohne diesen Krieg vor der eigenen Haustür zu »bemerken«.
In der Entwicklung dieser Perspektive von Engagement und Isolation liegt die besondere Stärke des Buches. Während unzählige Abhandlungen über Nordirland in den vergangenen Jahrzehnten erschienen sind, die sich an den großen Linien des Konflikts orientieren, bietet Morrissey einen originären Einblick in die jüngere Geschichte der kommunistischen Bewegung Irlands, der auch für Kenner der Geschichte und Politik Irlands viel Neues bereithält.
Sinéad Morrissey: Among Communists. A Memoir. Carcanet, Manchester 2026, 304 Seiten, 22 Euro
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