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Krieg gegen Iran

Aggression schöngerechnet

US-Regierung unterschlägt Kosten für völkerrechtswidrigen Krieg gegen Iran. Internationale Energieagentur warnt vor beispielloser weltweiter Krise

Von Lars Lange
Foto: IMAGO/NurPhoto
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Anti-Trump-Propaganda am Mittwoch in Teheran

Zwei Monate nach Kriegsbeginn und 18 Tage nach der Sperrung der Straße von Hormus zeichnet sich ab: Die US-amerikanische Seeblockade verfehlt ihre erklärten Ziele. Eine der jüngsten Behauptungen von Präsident Donald Trump, Irans gesamte Ölinfrastruktur werde explodieren, »wenn sie ihr Öl nicht in Umlauf bringen«, wird von unabhängigen Energieexperten klar widerlegt. Iran verfüge über Wochen, nicht Tage an Speicherkapazität, erklärten Fachleute gegenüber der Washington Post vom Donnerstag – leere Tanker innerhalb des Blockaderaums könnten allein bis zu 45 Millionen Barrel aufnehmen. Irans Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf kommentierte auf X lakonisch: Drei Tage nach Trumps Ankündigung sei keine einzige Ölquelle explodiert.

Auch die Blockade selbst zeigt Risse: Pakistan hat nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur Fars sechs Landkorridore entlang der 900 Kilometer langen Grenze zu Iran geöffnet – bereits 3.000 Container sollen in Transit sein. Damit gelingt es Teheran zumindest teilweise, die Auswirkungen der maritimen Abriegelung zu umgehen.

Ein weiterer, kaum einkalkulierter Effekt: Iranischen Angaben zufolge konnten mehrere nicht explodierte US-Waffensysteme geborgen und zur Analyse weitergegeben werden – ein ungewollter Technologietransfer moderner Militärtechnik. Die Erbeutung US-amerikanischer Hochtechnologie durch Iran ist dabei nur eine der mittelbaren Kriegskosten, die in der offiziellen Rechnung Washingtons nicht auftauchen. Vor dem Streitkräfteausschuss des US-Kongresses bezifferte Verteidigungsminister Pete Hegseth die Kosten der »Operation Epic Fury« am Mittwoch mit rund 25 Milliarden US-Dollar. Eine Zahl, die nach Angaben von mit internen Schätzungen vertrauten Offiziellen gegenüber CBS News die tatsächlichen Kosten um die Hälfte unterschreitet, wie der US-Sender am Donnerstag berichtete. Intern gehe man von bis zu 50 Milliarden US-Dollar aus, wobei allein der Ersatz verbrauchter Munition Jahre in Anspruch nehmen werde.

Hinzu kommen Schäden an der US-Luftwaffe, die das Washingtoner Strategieinstitut CSIS auf 2,3 bis 2,8 Milliarden US-Dollar allein für Flugzeuge und Radarsysteme beziffert – darunter ein zerstörtes AWACS-Aufklärungsflugzeug im Wert von 700 Millionen Dollar. Den weitaus größten Schaden jedoch tragen die Golfstaaten. Die brasilianische Militäranalystin Patricia Marins kommt auf einen regionalen Gesamtschaden von mindestens 280 Milliarden US-Dollar in 40 Kriegstagen – ohne die Schäden innerhalb Irans oder globale Folgewirkungen. Teheran hatte Mitte April ersten Schätzungen zufolge die direkten und indirekten Schäden für das angegriffene Land auf etwa 270 Milliarden US-Dollar beziffert.

Allein die Energieinfrastruktur am Golf hat nach Berechnungen des Analyseunternehmens Rystad Energy Schäden von mindestens 25 Milliarden US-Dollar erlitten. Der LNG-Komplex Ras Laffan in Katar, weltgrößter seiner Art, benötige drei bis fünf Jahre für eine vollständige Wiederherstellung. Die Aluminiumhütten der Region – darunter Emirates Global Aluminium in Abu Dhabi und Aluminium Bahrain – haben nach Marins’ Schätzungen Schäden von über 20 Milliarden Dollar erlitten, bei einer Wiederanlaufzeit von bis zu zwei Jahren. Darüber hinaus wurden Entsalzungsanlagen getroffen, Hafenanlagen zerstört und Luftfahrt und Tourismus sind eingebrochen. Der Ölpreis hat mit über 120 US-Dollar pro Barrel den höchsten Stand seit 2022 erreicht, die Lebensmittelpreise steigen weltweit infolge explodierender Düngemittelpreise. Der Chef der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, warnte am Donnerstag erneut, dass die Welt vor der größten Energiekrise ihrer Geschichte steht.

Ungeachtet all dessen, setzen die USA weiter auf Eskalation. Trump ließ sich am Donnerstag abend in einer 45minütigen Sitzung mit Militärvertretern neue Angriffsoptionen gegen Iran vorlegen. Die US-Streitkräfte haben unterdessen den Einsatz des Hyperschallsystems »Dark Eagle« beantragt – eine Waffe, die noch nicht einmal offiziell einsatzbereit ist, von der lediglich acht Exemplare existieren und die ursprünglich für einen Konflikt mit Russland oder China konzipiert wurde. Der Antrag wird damit begründet, dass Iran seine Raketenwerfer so weit ins Landesinnere verlagert habe, dass sie außer Reichweite bisheriger US-Präzisionssysteme liegen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.05.2026, Seite 6, Ausland

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