Zum Inhalt der Seite
Ölpreis und Iran-Krieg

Tropfen auf heißem Stein

Iran-Krieg und Folgen: 400 Millionen Barrel Erdöl aus Reserven zum Verkauf freigegeben. Gemessen am globalen Verbrauch eine eher geringe Menge

Foto: Xinhua/IMAGO
Die Ölkrise wird auch durch den Beschluss der IEA anhalten (Tanker im Suezkanal, Ägypten, 11.3.2026)

Die in Paris installierte Internationale Energieagentur (IEA) hat am Montag per Presseerklärung mitgeteilt, dass ihre Mitglieder demnächst damit beginnen werden, einen Beschluss umzusetzen, dem sie am vorigen Mittwoch zugestimmt haben: Vor dem Hintergrund der durch den Iran-Krieg der USA und Israels ausgelösten Ölkrise wollen sie insgesamt 400 Millionen Barrel aus ihren Reserven zum Verkauf freigeben. Das entspricht dem globalen Verbrauch von weniger als vier Tagen.

Zur Einschätzung dieser Nachricht: Zunächst, was ist die IEA? Man kann sie als ein Informations- und Koordinationsbüro westlich-kapitalistischer Staaten für den globalen Energiebereich bezeichnen. Gegründet wurde die Stelle 1974 als Reaktion auf die Ölkrise nach dem arabisch-israelischen Oktoberkrieg 1973. Gegenwärtig sind der IEA 32 Länder als Mitglieder und weitere 13 als »Assoziierte« angeschlossen. Angeblich repräsentieren diese zusammen rund drei Viertel des Weltverbrauchs an Energie.

Was ist der Inhalt der Presseerklärung vom Montag? Am vorigen Mittwoch wurde nur ein allgemein gehaltener Beschluss der Mitgliedstaaten gefasst, der weder ein genaues Schema zur Aufteilung der freizugebenden 400 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte noch einen Zeitplan enthielt. Das reichte zwar, um den Ölpreis, der am Montag vergangener Woche vorübergehend auf mehr als 120 US-Dollar pro Barrel in die Höhe geschossen war, bei plus/minus 100 US-Dollar zu stabilisieren, löste aber keine wirkliche Wende der Preisentwicklung aus. Kein Wunder: Es handelt sich zwar um die größte Menge, die jemals aus den Reserven der IEA-Mitglieder freigegeben wurde – insgesamt war es das sechste Mal in der Geschichte der Agentur, dass von diesem Mittel Gebrauch gemacht wurde –, aber 400 Millionen Barrel sind, gemessen am globalen Verbrauch, der ungefähr bei 105 Millionen Barrel pro Tag liegt, in einem Krisenfall wie dem gegenwärtigen eben doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Außerdem war durch den Beschluss vom vorigen Mittwoch kein einziger Liter Öl mehr auf dem Weltmarkt; seine praktische Umsetzung war noch weitgehend ungewiss.

Das soll sich nun, der Presseerklärung der IEA vom Montag zufolge, ändern. Und zwar so: Die Mitgliedsländer in Asien und im Pazifik – konkret sind das nur Japan, Südkorea und Australien – wollen ihren Teil an der Gesamtsumme »sofort« zum Verkauf freigeben, die Mitgliedsländer in Europa und auf dem amerikanischen Doppelkontinent – USA, Kanada und Mexiko – erst ab Ende März, und dies offenbar nur schrittweise. Zusammen addieren sich die einzelnen konkreten Zusagen bisher nicht etwa auf 400 Millionen Barrel, sondern nur auf knapp 272 Millionen. Die erste Wirkung an den Börsen war gering. Die international wichtigste Notierung Brent lag am Montag mittag unserer Zeit um etwa ein Prozent unter dem Vortag, die für Nordamerika maßgebliche Orientierungsmarke WTI um 3,6 Prozent.

Eine weitere Maßnahme, die etwas Entspannung auf dem Ölmarkt bringen soll, ist die Entscheidung der US-Regierung vom Donnerstag voriger Woche, das in rund 30 Tankern auf den Weltmeeren schippernde russische Erdöl für einen kurzen Zeitraum, bis zum 11. April, von den geltenden Strafmaßnahmen auszunehmen. Das hat den deutschen Kanzler am Freitag zu mannhaftem, also törichtem Widerspruch veranlasst (»Jetzt Sanktionen zu lockern, aus welchen Gründen auch immer, das halten wir für falsch«), ist aber angesichts der tatsächlichen Menge, um die es geht, nämlich »mindestens« 19 Millionen Barrel, praktisch irrelevant.

Auf der anderen Seite der Bilanz steht, dass die Fahrt von Tankern durch die Meerenge von Hormus, über die normalerweise etwa ein Fünftel des internationalen Ölhandels läuft, fast völlig eingestellt ist. Ob das daran liegt, dass die Straße von Hormus durch den Iran »geschlossen« ist – die Auskünfte aus Teheran zu dieser Frage wechseln von Tag zu Tag –, ist angesichts der feststellbaren wirklichen Lage so gut wie bedeutungslos. Militärische »Befreiungsschläge«, nach denen manche Politiker und andere Hitzköpfe im Westen rufen, würden voraussichtlich kaum etwas ausrichten.

Themen:
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 17.03.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→Leserbriefe
  • Istvan Hidy aus Stuttgart 17. März 2026 um 10:09 Uhr
    Angriff auf Iran – harter Schlag für den Welthandel: Die militärischen Erfolge der USA und Israels im iranischen Luftraum ändern wenig an den grundlegenden strategischen Realitäten. Entscheidender für die Weltwirtschaft ist, dass der Iran weiterhin die Straße von Hormus kontrolliert, über die ein erheblicher Teil des globalen Ölhandels verläuft. Die Erwartungen eines schnellen politischen Umbruchs in Teheran haben sich bislang nicht erfüllt. Gleichzeitig hat sich der Konflikt regional ausgeweitet – wobei viele der beteiligten Golfstaaten zwar gegen den Iran auftreten, aber keineswegs ein unmittelbares Interesse an einem demokratischen Wandel in der Islamischen Republik haben.
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!