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08.06.2026
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Geregelte Eskalationsdynamik
Krieg gegen Iran: Washington greift weiter iranische Ziele an, Teheran reagiert. Golfstaaten sollen eingefrorene Mittel erhalten
Raketen auf Kuwait und Bahrain, iranische Radaranlagen in Trümmern an der Straße von Hormus, ein pakistanischer Vermittler im Landeanflug auf Teheran – und das alles an einem einzigen Wochenende, 100 Tage nach Kriegsbeginn und zwei Monate nach einem Waffenstillstand, den beide Seiten unterschrieben haben. Was die USA und Iran seit dem 8. April als Waffenruhe bezeichnen, ist in der militärischen Realität eine Niedrigintensitätsphase eines Krieges mit geregelter Eskalationsdynamik – beide Seiten kämpfen weiter, aber unterhalb einer undefinierten Schwelle. Das US-Zentralkommando schoss am Sonnabend iranische Drohnen über der Meerenge ab und griff Radaranlagen im Küstenstreifen um Keschm und Sirik an. Teheran antwortete mit sieben ballistischen Raketen auf US-Stützpunkte in Kuwait und Bahrain – sechs wurden abgefangen, Kuwait meldete Materialschäden. Nach iranischen Angaben hätten zunächst Tanker versucht, Hormus ohne Koordinierung mit dem Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) zu passieren – der Beschuss sei die Antwort darauf gewesen, nicht der Auslöser.
Die Rechnung für Irans Gegenwehr soll Teheran nun selbst begleichen. Washington plant, iranische Vermögenswerte an die betroffenen Golfstaaten umzuleiten, wie Reuters am Sonntag unter Berufung auf eine mit der Sache vertraute Quelle berichtete. Welche Vermögenswerte genau herangezogen werden sollen, ließ Washington offen – die Maßnahmen sollen sich jedenfalls nicht auf eingefrorene Guthaben beschränken. Mohsen Rezaei, Berater des neuen Obersten Führers Modschtaba Khamenei, hatte kurz zuvor gegenüber CNN erklärt, die Freigabe von 24 Milliarden US-Dollar eingefrorener iranischer Mittel sei Voraussetzung für jede Einigung. Washingtons Antwort darauf ist die Ankündigung, genau dieses Geld an Dritte umzuleiten.
Auch wie groß die Schäden sind, für die Teheran aufkommen soll, lässt Washington offen – welches Ausmaß jene haben, die Iran seinerseits an US-Einrichtungen angerichtet hat, ebenso. Dabei waren die iranischen Vergeltungsschläge der vergangenen Woche erheblich umfangreicher als in westlichen Medien berichtet. Am 3. Juni traf Iran nach Angaben der Militäranalystin Patricia Marins ein US-Drohnenlager auf der Ali-Al-Salem-Basis in Kuwait und die US-5.-Flotte in Bahrain (beide waren am Sonnabend erneut Ziel iranischer Angriffe) sowie Ölinfrastruktur in den Vereinigten Arabischen Emiraten, den Luftwaffenstützpunkt Al-Udeid in Katar sowie US-Einrichtungen im Nordirak – der schwerste iranische Angriff seit Beginn der Waffenstillstandsphase. Für den Einschlag im internationalen Flughafen Kuwait wiesen die IRGC die Verantwortung der Luftabwehr zu, ein US-»Patriot«-System habe versagt und den Schaden verursacht. Die USA dementierten das und gaben wiederum an, dass die Einrichtungen der 5. Flotte in Bahrain unversehrt geblieben seien.
Eine Auswertung von Satellitenbildern mehrerer Anbieter durch die BBC zeigt hingegen, dass iranische Angriffe seit Kriegsbeginn mindestens 20 US-Militärstandorte in acht Ländern der Region getroffen haben – darunter Flugabwehrsysteme, Aufklärungsflugzeuge, Treibstofflager und Kommunikationsinfrastruktur. Analysten schätzen die tatsächliche Zahl betroffener Standorte auf bis zu 28. Mindestens drei THAAD-Batterien wurden beschädigt – Systeme, von denen die USA weltweit nur acht betreiben. Das Pentagon hat den Satellitenbildanbieter Planet unterdessen um eine unbefristete Sperrung neuer Aufnahmen aus Iran und weiten Teilen des Nahen Ostens gebeten.
Der Libanon-Konflikt macht das tatsächliche Ausmaß des Krieges noch schwerer greifbar – und ist längst mehr als ein Nebenschauplatz der Eskalation zwischen Washington und Teheran. Israels Truppen stehen weit jenseits des Litani – des erklärten Operationsziels. Damit wird aus einer sogenannten Sicherheitszone faktisch eine Besatzungszone. Teile des Kabinetts in Jerusalem, allen voran Finanzminister Bezalel Smotrich, sprechen offen von dauerhafter Ausdehnung israelischer Grenzen und verwenden dabei unumwunden den Begriff »Großisrael«. Die Waffenruhevereinbarung zwischen Israel und der libanesischen Regierung ist dabei nicht das Papier wert, auf dem sie steht: Am Sonnabend töteten israelische Streitkräfte in ihrem vorgeblichen Kampf gegen die Hisbollah zwei libanesische Offiziere und einen Soldaten. Präsident Joseph Aoun verurteilte den Angriff und bezeichnete ihn als eklatanten Verstoß gegen die Souveränität des Libanon und das Völkerrecht. Gleichzeitig warf Aoun ausgerechnet Iran vor, das Land als Verhandlungspfand gegenüber Washington zu benutzen. Irans Außenminister Abbas Araghtschi entgegnete, nicht Iran besetze ein Fünftel des Libanon – das tue Israel.
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