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02.05.2026
- → Inland
Was läuft bei solchen Einsätzen falsch?
Ante P. starb 2022 in Mannheim während einer psychischen Krise infolge von Polizeigewalt. Marija P. kritisiert auch die Justiz
An diesem Sonnabend jährt sich der Tod von Ante P. zum vierten Mal. Ihr Sohn starb nach einem brutalen Polizeieinsatz in Mannheim. Bevor wir auf den Fall zu sprechen kommen: Was war Ante für ein Mensch?
Marija P.: Ein sehr liebenswürdiger. Er hat viel gelächelt, gerne Basketball gespielt. Er hat nie irgend jemandem was Böses getan. Er hat auch stets Vertrauen zur Polizei gehabt.
Was war Anlass des Polizeieinsatzes?
M. P.: Meinem Sohn ging es psychisch nicht gut. Er war im Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim, um sich Hilfe zu holen. Aber Ante wollte nicht stationär aufgenommen werden, er wollte raus. Der behandelnde Arzt hat die Polizei verständigt. Die sollte Ante zurückbringen, nicht umbringen. Ante war auch nicht, wie es oft hieß, schizophren. Er hatte eine Psychose, die er aber unter ärztlicher Begleitung gut im Griff hatte. Er wurde von den Polizisten zu Boden gerissen und geschlagen, bis er nicht mehr geatmet hat.
Was läuft falsch im Umgang der Polizei mit Menschen in psychischen Krisensituationen?
Chana Freundlich: Experten sind sich einig, wie das abzulaufen hat: Große Distanz halten, Ausgänge nicht zustellen, ruhig sprechen, Maßnahmen ankündigen usw. Dieses Wissen existiert. Es gibt auch entsprechende Schulungen bei der Polizei, aber an der Umsetzung hapert es. Letztlich ist die Polizei vor allem darauf geschult, sich selbst zu schützen und mit Gewalt vorzugehen.
Woran liegt das?
C. F.: An einer Überforderung der Institution Polizei. Polizisten sind keine Ärzte oder Sozialarbeiter, sie werden immer Laien bleiben im Umgang mit Menschen in psychischen Krisen- oder Ausnahmesituationen. Angesichts der unglaublich hohen Opferzahl sollte man alternativ auf medizinisch sowie sozial geschultes Personal setzen und auf mobile Interventionsteams zurückgreifen. Studien belegen, dass rund 75 Prozent der Opfer tödlicher Polizeigewalt in einer psychischen Krisensituation waren. Da braucht es politischen Willen, um daran etwas zu verändern. Statt dessen gelten der Polizei Menschen in psychischen Krisen per se als gefährlich, wie es auch in dem Urteil hieß. Und bei Gefahr kann die Polizei eigentlich alles machen. Das ist ein Freifahrtschein.
Die beiden am Tod von Ante P. beteiligten Beamten standen 2024 vor dem Landgericht Mannheim. Einer wurde freigesprochen, der andere wegen einfacher Körperverletzung – statt wie angeklagt, wegen Körperverletzung mit Todesfolge – zu einer Geldstrafe verurteilt. Wie haben Sie den Prozess erlebt?
M. P.: Ich war an jedem Verhandlungstag dabei. Ich habe das alles nicht glauben können. Wären die Täter keine Polizisten, sie wären beide scharf verurteilt worden. Doch die Polizisten können weiterarbeiten, als sei nichts geschehen.
Im Urteil hieß es, Ante sei herzkrank gewesen und es sei nicht auszuschließen, dass er an plötzlichem Herzstillstand gestorben sei.
M. P.: Mein Sohn war nicht herzkrank. Ein rechtsmedizinischer Gutachter aus Heidelberg sagte im Prozess aus, Ante sei an seinem eigenen Blut erstickt. Die Gegenseite brachte andere Gutachten vor, die sie bezahlt hatten. Eines kam zu dem Schluss, mein Sohn wäre wegen einer Herzschwäche auch gestorben, wenn er am Strand gelegen hätte. Mein Sohn ist aber geschlagen worden von Polizisten, von denen nicht einmal Bedauern geäußert wurde.
In der Revision vor dem Bundesgerichtshof wurde 2025 nicht zu Ihren, sondern zu Gunsten des verurteilten Polizisten entschieden. Das Urteil wurde aufgehoben, der Fall muss neu verhandelt werden. Die Begründung: Die Faustschläge des Beamten gegen Antes Kopf könnten von Notwehr gedeckt sein.
M. P.: Das Urteil war noch schlimmer, als das erste. Bei der Urteilsverkündung habe ich gedacht, ich höre nicht richtig. Mein Sohn hatte, als er auf dem Boden lag, den Kopf gehoben, um nach Hilfe zu rufen. Der Generalbundesanwalt hat gesagt, Ante hätte den Polizisten auch beißen können, darum seien die Schläge womöglich Notwehr gewesen. Er ergänzte zudem, man habe nicht ausschließen können, dass Ante eine übertragbare Krankheit gehabt habe. Das ist weder tatsächlich noch rechtlich überzeugend.
Die »Initative 2. Mai« und Antes Familie laden an diesem Sonnabend zum Gedenken in die Marktplatzkirche St. Sebastian in Mannheim. Anschließend sollen am Tatort Blumen niedergelegt und ein leerer Stuhl installiert werden. Was hat es damit auf sich?
C. F.: Der Ort, an dem Ante gestorben ist, ist kein würdiger Ort, mitten auf dem Gehweg vor einem Schaufenster. Der derzeitige Gedenkort wird jede Woche wegrandaliert. Und die Stadt will keinen würdigen Ort einrichten. Da hatten wir die Idee, einen weißen Stuhl mit Blumen zu versehen und aufzustellen, ähnlich wie die weißen Geisterräder, die an Straßenrändern an Radfahrer erinnern, die von Auto- oder Lkw-Fahrern getötet wurden. So ein leerer Stuhl braucht keinen Text. Das versteht jeder, dass da jemand fehlt.
Marija P. ist die Mutter von Ante P.
Chana Freundlich ist Mitglied der »Initiative 2. Mai«. Sie hält die Erinnerung an Antes Tod wach und kritisiert Polizeigewalt gegen Menschen in psychischen Krisen
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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