Zum Inhalt der Seite
»Justice for Pedro«

Wie konnte die Situation so eskalieren?

Köln: Pedro Corona liegt seit einem Polizeieinsatz im Koma. Von ihm ging keine Gewalt aus, sagt Julia Sorouri

Foto: Zoonar/IMAGO
Erst kam der psychiatrische Dienst, dann die Polizei, dann lag der Patient im Koma (Symbolbild)

Am 8. April kam es in einer Wohnung in Köln-Deutz zu einem Polizeieinsatz. Die Beamten wollten Pedro Corona, einen 30jährigen Venezolaner, aufgrund einer akuten psychischen Belastungssituation in ein psychiatrisches Krankenhaus zwangseinweisen. Doch seither liegt Pedro auf einer Intensivstation im Koma. Was ist passiert?

An diesem Tag ging es Pedro nicht gut. Er telefonierte mit seiner Mutter, die in Venezuela lebt, und sagte ihr, dass er Angst habe und sich Sorgen mache. Kurz darauf kamen zwei Freunde vorbei. Gemeinsam wurde entschieden, einen Krankenwagen zu rufen. Leider kam auch die Polizei – das ist bei psychischen Ausnahmesituationen oft so. Die Beamten schickten Pedros Freunde, seine einzigen spanischsprachigen Vertrauenspersonen, aus der Wohnung. Was dann geschah, ist unklar. Es gibt ein Video von außen, auf dem man hört, wie Pedro verzweifelt um Hilfe ruft. Nach 90 Minuten wurde er gefesselt, in Bauchlage und mit einer Spuckmaske über dem Gesicht nach unten getragen. Laut Aussage der Freunde war er da bereits blau-grau angelaufen. Auf der Straße musste er 23 Minuten lang reanimiert werden. Er ist nicht, wie behauptet, »aus heiterem Himmel« kollabiert. Im Krankenhausbericht steht: »Hirnschäden aufgrund von Sauerstoffmangel im Rahmen einer Fixierungsmaßnahme.« Er hat das Bewusstsein bis heute nicht wiedererlangt.

Wie konnte die Situation so eskalieren?

Laut den Freunden war Pedro die ganze Zeit höflich, ruhig und geduldig. Warum die Polizei die Situation so eskaliert hat, ist mir unerklärlich. Die Gewalt ist definitiv nicht von Pedro ausgegangen. Die Situation hätte ganz anders und ohne Gewalt gelöst werden können. Erschwerend kommt hinzu, dass Pedro unter Zwang nasal Midazolam verabreicht wurde – ein Beruhigungsmittel, das in Kombination mit einer Fixierung zu Atemdepression führen kann. Und dann noch die Spuckmaske, deren gesundheitliche Risiken bekannt sind. Es gibt mindestens einen dokumentierten Fall aus den USA von 2020, bei dem eine Person darunter erstickt ist.

Anzeige

Warum lernt die Polizei im Umgang mit Menschen in psychischen Krisen offenbar nicht dazu?

Es ist schlicht nicht Aufgabe der Polizei, Menschen in psychischen Ausnahmesituationen zu »helfen«. Ein Mensch, dem es gerade nicht gut geht, steht plötzlich einer Gruppe bewaffneter Beamter gegenüber – wie soll das helfen? Doch statt solche Einsätze grundsätzlich zu hinterfragen, werden Budget und Befugnisse der Polizei ständig ausgebaut, während gleichzeitig Angebote in den Bereichen Therapie und Sozialarbeit drastisch gekürzt werden. Hier ist ein Umdenken längst überfällig.

Hat Rassismus bei diesem Einsatz eine Rolle gespielt?

Pedro ist schwarz und war in einer psychischen Krise – damit ist die Wahrscheinlichkeit, bei einem Polizeieinsatz Opfer von Gewalt zu werden, um ein Vielfaches höher. Wir sehen bei diesem Fall dasselbe Muster wie bei Bilel G. (2023 in Herford von der Polizei angeschossen und seither querschnittgelähmt, jW), Lamin Touray (2023 in Nienburg von Polizisten erschossen, jW), Nejib Boubaker (2025 in Dortmund von einem Polizisten erschossen, jW) und vielen anderen: Trotz Zeugenaussagen und unplausibler Hergänge wird das Opfer zum Täter gemacht. Auch in der ursprünglichen Polizeimeldung wurde behauptet, Pedro habe unter Drogeneinfluss gestanden – ein toxikologisches Gutachten hat das inzwischen widerlegt. Aber Justiz, Medien und Politik halten der Polizei in der Regel den Rücken frei.

Was fordert die Initiative »Justice for Pedro«?

Wir sind Freunde von Pedro, Aktivistinnen und Aktivisten sowie Menschen, die seit Jahren zu Polizeigewalt arbeiten. Wir fordern vollständige Aufklärung: Was ist an diesem Tag in der Wohnung passiert? Pedros Fall darf nicht als tragischer Einzelfall abgetan werden, sondern muss in einer Reihe mit den vielen Fällen von Polizeigewalt sowie im Kontext von strukturellem Rassismus und der Stigmatisierung psychisch kranker Menschen betrachtet werden. Pedro ist kein Einzelfall! Und er ist nicht ohne Grund »kollabiert«.

Julia Sorouri ist eine Sprecherin der im April gegründeten Initiative »Justice for Pedro«

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 08.06.2026, Seite 3, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!