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Kampftag der Arbeiterklasse

Bratwurst und Klassenkampf

1. Mai: Hunderttausende auf gewerkschaftlichen Demonstrationen in der Bundesrepublik, die mit wenigen Ausnahmen ziemlich sozialpartnerschaftlich ausfielen. Von

Foto: HärtelPRESS/IMAGO
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Pünktlich zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse hat die NGO Oxfam den weltumspannenden Widerspruch von Kapital und Arbeit abermals empirisch untermauert: »Während die Spitzengehälter seit 2019 um 54 Prozent in die Höhe geschnellt sind, verzeichnen die Reallöhne von Beschäftigen einen Rückgang um 12 Prozent.« Reich wird reicher, arm wird ärmer: Erstere gewinnen – vorerst – den Klassenkampf.

Dagegen blies der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die größte Organisation Lohnabhängiger, am 1. Mai zum Protest mit der recht zahmen Parole: »Erst unsere Jobs, dann eure Profite«. Auf die Knechtschaft durch Lohnarbeit hat man sich längst eingelassen. Indes seien zu insgesamt 413 Kundgebungen rund 367.000 Menschen mobilisiert worden, hieß es am frühen nachmittag. Bundesweit waren jW-Korrespondenten vor Ort.

»Es wird fast schon vergessen, worum es geht«, zeigte sich ein Tankwart, der leider arbeiten musste, in Hamburg nahe der Auftaktkundgebung erfreut, dass auf rotem Grund auch Hammer und Sichel in der Mittagssonne funkelten. Man marschierte zum Fischmarkt und wurde dort vom Chef der Lebensmittelindustriegewerkschaft NGG, Guido Zeitler, empfangen: »Mitbestimmung, Lohnfortzahlung, nichts ist geschenkt, alles wurde hart erkämpft.« Die Kosten von Krieg und Krise dürften nicht auf Beschäftigte abgewälzt werden. Zentral sei für die Gewerkschaften, den Achtstundentag zu verteidigen.

Sozialpartnerschaftlicher hielt es der Vorsitzende der IG BCE, Michael Vassiliadis, in Augsburg: Begründbar seien Rüstung und Sicherheitspolitik, jedoch sollten die Reichen mittels Rüstungsabgabe zu einer fairen Verteilung beitragen. Die Sorgen der Bevölkerung habe er dem Kanzler bereits mitgeteilt, dessen arbeiterfeindliche Position er immerhin geißelte. Der Betriebsratsvorsitzende des örtlichen Rüstungskonzerns Renk schloss mit einem Loblied auf seine Branche an – und wurde dafür ausgepfiffen.

In Fürth protestierte ein bei Verdi organisierter Erzieher vor allem für »friedliche Entwicklung«. Die Militarisierung laufe darauf hinaus, dass »die Kinder, auf die wir aufpassen, in die Kriege der Reichen verwickelt werden«. Der Kontrast von Gewerkschaftsführung und -basis war auch dieses Jahr zu spüren. »Essen wird teurer, Wohnen wird teurer, Energie wird teurer; unsere Ampeln sind kaputt, unsere Brücken marode, alles zerfällt«, fasste ein städtischer Mitarbeiter das Resultat von galoppierenden Lebenshaltungskosten bei gleichzeitigem Sparkurs zusammen. Aber: »Das Geld ist da, wir müssen es uns nur holen«.

Realsatirische Züge nahm der Klassenkampf in Köln an. Die Demo unter dem Motto »Mensch vor Marge« führten Exminister Karl Lauterbach und Oberbürgermeister Torsten Burmester, beide SPD, an. Um so lauter jubelten die Arbeiter, als der Kölner DGB-Vorsitzende Witich Roßmann endlich Klartext redete: »Man kann nicht über Sozialabbau reden und über Aufrüstungskosten schweigen!« Keine Sicherheit habe der Krieg gebracht, nur Zerstörung, vor allem im Iran, im Sudan und in Palästina.

Dass derlei Dissens zur deutschen Außenpolitik im DGB nicht der Regelfall ist, wurde in Dresden deutlich. Vergeblich sei versucht worden, klagte eine palästinasolidarische Aktivistin, »uns mit Hochtransparent und durch langsames Laufen abzudrängen«. Es ginge am 1. Mai einzig und allein um Arbeit, habe man dieses Manöver zu begründen versucht. Der DGB Sachsen braucht offenbar Nachhilfe in internationaler Solidarität.

Dass Widerstand sich lohnt, haben die Lohnabhängigen in Venezuela am Freitag feiern dürfen. Dessen Regierung hat nach wochenlangen Protesten am Donnerstag bekanntgegeben, den Mindestlohn um satte 26,3 Prozent auf umgerechnet knapp 205 Euro pro Monat anzuheben. Zudem soll die staatliche Rente um rund 60 Euro steigen. Die deutschen Gewerkschaften wären gut beraten, die Angriffe des deutschen Kapitals nicht nur abzuwehren, sondern mit eigenen Angriffen zu beantworten.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.05.2026, Seite 1, Titel

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