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Wie wird sich das auf die Klinik auswirken?
Weil er eine Kufija getragen hat, wurde seine therapeutische Neutralität angezweifelt und er nach der Probezeit nicht übernommen, berichtet der angehende Assistenzarzt André Lerner
Sie haben in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der DRK-Klinik Westend eine sechsmonatige Probezeit als Assistenzarzt absolviert. Dort hatte man an Ihrer Fachkenntnis keine Zweifel. Trotzdem wurden Sie nicht übernommen. Warum?
Generell kann man in der Probezeit grundlos gekündigt werden. Da reicht es aus, dass dem Chef ein Pups querliegt. Das ist leider so. Ich wurde im zweiten oder dritten Monat darauf angesprochen, dass die Kufija, die ich trage, ein antisemitisches Symbol sei, das meine therapeutische Neutralität einschränken würde. In der Psychiatrie tritt man per se in Zivil auf. Ob es jetzt christliche Kreuze sind oder ein Hidschab oder was auch immer, das ist dort alles okay. An meiner Kufija hat man sich aber festgebissen und mich dafür abgestempelt. Die Rede war immer vom »Palästinenserschal«.
Das allein ist Ausdruck der deutschen Staatsräson. Da musste ich die Leute erst mal aufklären, dass es dieses Symbol auch anderswo gibt und dass ich selbst semitischen Ursprung habe. Klar, heute ist sie auch ein politischer Ausdruck. Aber das heißt nicht, dass ich meine Patienten damit missioniere. Für die bin ich da als Therapeut, als Arzt und nicht als Freund. Ich habe dann das Gespräch mit meinem Chefarzt gesucht, der die Kufija sogar als terroristisches Symbol wertete. Denselben Gedankensprung macht er beim Hidschab, den er in seiner Logik mit dem Islamischen Staat gleichsetzen müsste, nicht. Warum reihenweise kulturelle Ausdrücke geduldet werden, meine Kleidung aber nicht, konnte er mir nicht beantworten.
Ein Doppelstandard. Ist der Vorwurf also einfach an den Haaren herbeigezogen?
Es gab nicht einen Moment, in dem meine Kleidung irgendwas kompromittiert hätte. In der Jugendpsychiatrie arbeitet man mit einem breiten Helfersystem zusammen, darunter Sozialarbeiter, die Eltern oder das Jugendamt. Niemand hatte mit der Kufija ein Problem. Jedenfalls wurde ich nicht negativ darauf angesprochen. Vereinzelt meinten Eltern, es sei schön zu sehen, dass auch im Krankenhaus auf den Genozid in Gaza hingewiesen wird. Meine Patienten und Patientinnen haben wie alle anderen auch politische Meinungen. Die sind aber nicht Thema meiner therapeutischen Gespräche.
Die Arbeit haben Sie also nicht beeinträchtigt und die Patienten nicht gestört. Gab es noch andere Vorwürfe?
Da ich mich dem Druck nicht beugen wollte, kam mir der Chefarzt noch auf einer anderen, äußerst fragwürdigen Schiene: Es sei doch sehr ungewöhnlich für einen Mann, einen Schal zu tragen; das täten eigentlich nur Frauen. Das spricht meiner Ansicht nach Bände darüber, wie in diesen Räumen sonst gesprochen wird. Auf diese Diskussion habe ich mich aber gar nicht erst eingelassen. Einmal wurde gefragt, ob ich auch ein T-Shirt von Thor Steinar zur Arbeit tragen würde. Die Person hat sich zwar entschuldigt, aber der Schaden war entstanden. Ich bin Jude und muss mir vorwerfen lassen, Antisemit zu sein – oder gleich Nazi. Da habe ich auf jeden Fall ein paar mehr Geheimratsecken bekommen, zumal ich als Assistenzarzt in der Probezeit am unteren Ende des betrieblichen Machtverhältnisses bin. Eine Kollegin wandte noch ein, dass jüdische Patientinnen und Patienten sich an meiner Kufija stören könnten. Wäre dem so, würde ich sie natürlich für jene ablegen. Das erfordert die therapeutische Neutralität.
Wie hat sich dann die restliche Belegschaft zu Ihrem Konflikt mit der Leitung positioniert?
Nach diesem Gespräch mit dem Chefarzt war Ruhe. Ich habe ganz normal weitergearbeitet. Alles schien geklärt. Der Oberarzt hatte keine Zweifel daran, dass ich übernommen werde: Super Arztbriefe, glückliche Patienten, Nachtdienste laufen tipptopp, im Team läuft es gut. Drei oder vier Tage vor Ende der Probezeit rief er mich morgens ganz aufgebracht an und bat mich zu sich ins Büro. Da hab ich direkt einen Herzkasper bekommen: O Gott, habe ich jemanden getötet? Es sei nicht auf seinem Mist gewachsen, meinte er, aber die Klinik werde mich doch nicht übernehmen.
Ich bin sofort zum Chefarzt. Der wollte mit der Begründung erst nicht rausrücken und schob, als ich nachgebohrt habe, Kommunikationsprobleme im Team vor. Mehr könne er mir nicht sagen, das wäre dem Team gegenüber unfair. Ich kam mir so verarscht vor. Meine Kollegen sind aus allen Wolken gefallen, als ich in der Mittagspause aufgelöst von der Kündigung erzählt habe. Dann habe ich mir riesige Vorwürfe gemacht. Alle habe ich kontaktiert, meine direkten Kollegen gefragt, die Leitung der Pflege angerufen, die Ärzteschaft und so weiter. Niemand konnte mir sagen, warum ich gekündigt wurde.
Das Kollegium hätte durchaus widersprechen können. Aber es denkt halt jeder nur an seinen eigenen Arsch. Ich kann das sogar verstehen. Hätte ich Kinder, müsste ich stetig Geld nach Hause bringen, dann würde ich auch zweimal überlegen, ob ich jetzt meinen Job aufs Spiel setze für irgendeinen Berufsanfänger. Der größte Witz an der ganzen Sache ist übrigens, dass der Vorwurf gegen mich in die Wege geleitet wurde von einer Empfangsdame, die mutmaßlich AfD wählt.
Und was war nun der Grund?
Letztlich hat mich die Sekretärin des Chefarztes aufgeklärt: der Schal. Damit habe ich ihn konfrontiert und bekam zu hören, dass all meine Kollegen mich anlügen würden. Auf Nachfrage, wann und von wem diese Entscheidung gefällt wurde, verwies er auf einen Kollegen, der während meiner Krankschreibung wegen einer Operation Feedback eingeholt habe. Nur arbeitet der nicht am selben Klinikum wie ich, sondern in Spandau. Überhaupt ist es aber ein Unding, wenn ich krank bin, rumzugehen und hinter meinem Rücken irgendwelche Sachen zu erfragen. Mein Oberarzt war auch ziemlich sauer, weil er einfach übergangen wurde. Da mir klar war, dass ich in der Klinik nicht länger arbeiten würde, habe ich dem Chefarzt noch die Meinung gegeigt. Der ist wirklich ein richtiger Duckmäuser. Faselt von therapeutischer Neutralität, Transparenz oder Authentizität und macht das genaue Gegenteil. Das wollte er so nicht gelten lassen und erwiderte, er sei nur feige.
Cherry on top: Letzter Tag, letzte Mittagsbesprechung; ich dachte mir, er würde den Kollegen sagen, dass ich nicht mehr da sein werde. Irgendwas muss kommen. Nichts. Ich musste mich melden, um mich bei allen zu verabschieden und denen zu danken, die mir geholfen, mich eingearbeitet und unterstützt hatten. Das war wirklich der absurdeste Tag meines Lebens. Ich schrieb noch meine letzten drei Arztbriefe und blieb schließlich zweieinhalb Stunden länger bei der Arbeit, da alle halbe Stunde ein Kollege mit einem Abschiedsgeschenk oder -gruß reinkam und ich gar nicht arbeiten konnte. Das war schon ermutigend: Ich solle den Job weitermachen, weil ich gut darin sei, war der Tenor. Reinstes Gefühlschaos.
Im Endeffekt wurden Sie diskriminiert. Werden Sie gegen die Entscheidung klagen?
Das bringt nichts, weil ich in der Probezeit war. Jetzt arbeite ich wieder auf dem Bau als Industriekletterer. Andere beklagen derweil den Ärztemangel.
Wissen Sie von anderen Beschäftigten, die aufgrund von Palästina-Solidarität eingeschüchtert oder gar gefeuert wurden?
Eine Kollegin hatte mich anfangs gewarnt: Die Wände haben Ohren. Wie üblich wurde intern viel getuschelt, und wie üblich drang manches durch. Ich weiß von einer Sozialarbeiterin, die wohl wegen Mobbing seit einem Dreivierteljahr krankgeschrieben war. Das ist auch meine größte Kritik an dieser ganzen Abteilung. Wie soll man Kinder therapieren und ihnen Authentizität und Selbstwirksamkeit vermitteln, wenn das im eigenen Team nicht gegeben ist?
Sie hinterlassen eine vakante Stelle. Wie wird sich das auf die Klinik auswirken?
Ich war für die Tagesklinik zuständig. Da gab es dann erst mal keinen Arzt. Das heißt, mein Kollege, der den stationären Teil betreut, muss beides übernehmen. Oder der Oberarzt springt ein, aber der hat eigentlich anderes zu tun. Je nach Monat müssen drei bis sechs Nachtdienste besetzt werden. Als ich gefeuert wurde, ist eine Kollegin aufgrund von Schwangerschaft vorläufig ausgeschieden. Wird noch ein Kollege in der Grippewelle krank, dann hat man den Salat. Man will sich gar nicht vorstellen, wie therapeutisch neutral jemand arbeitet, der in der Woche statt acht Stunden pro Nacht nur zwei geschlafen hat. Dadurch sehe ich die gesunde therapeutische Haltung und den Gesundheitssektor weitaus mehr gefährdet. Von mir wurde unter der Hand verlangt, dass ich doch bitte um acht Uhr wieder da sein soll, obwohl ich bis drei oder vier Uhr Nachtdienst hatte.
Klingt anstrengender als Bau.
Hundertpro. Ein Schmankerl noch. Ich wurde gekündigt, weil ich eine Kufija trage. Gleichzeitig erzählte mir ein Kollege bei einem außerklinischen Assistenzarzttreffen, er würde gerne schießen lernen, falls »die Russen« wiederkommen. Das hat mich als Mensch aus dem russischen Kulturkreis verletzt. Wer denn bitte »die Russen« seien, habe ich ihn gefragt. Da sagte er mir grinsend: »Ist mir doch scheißegal.« Solche Leute dürfen Kinder therapieren, während die, die sich gegen Genozid stellen, gekickt werden.
André Lerner ist studierter Assistenzarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und nunmehr einer von vielen Juden, denen Antisemitismus vorgeworfen wurde.
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