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29.04.2026
- → Feuilleton
Talking ’bout a revolution?
»Hundeherz« von Armin Petras nach Michail Bulgakow – Uraufführung im Hamburger Schauspielhaus
Die gute Nachricht: Wer ein Hörgerät benötigt, kann das gern zu Hause lassen, und Freunde der Atmosphäre im Fun-for-Kids-Erlebniscenter mit 97 gleichzeitig stattfindenden Geburtstagspartys für Sechsjährige werden im Hamburger Schauspielhaus mit »Hundeherz« ihren Spaß haben.
Dabei hat alles so schön angefangen. Ein grandioses Bühnenbild von Andreas Auerbach, spärlich beleuchtete Hochhaussilhouetten in düsterem Grau, weit hinten Schneefall, vorne Rußflocken, eine elektronische Anzeigetafel warnt vor »Schwarzsturm« bei minus zehn Grad. Menschenleer, nur ein Skelett spielt Cello. Schöner kann dystopische Poesie kaum sein.
Wir haben Bulgakows Moskau der 1920er Jahre verlassen und sind in Gotham City, home of Batman. Apocalypse now oder schon gewesen, statt Stalin herrscht Big Brother, äh, Big Daddy und verfolgt uns statt mit minütlichen »Truth Social«-Einträgen mit permanter On-Screen Präsenz. Nur Robert de Niro und Cher haben alles überlebt, vor allem dank der verjüngenden OP-Kunst von Professor Truman-Lomonossow, Bettina Stucky kann wieder einmal beweisen, dass sie einfach alles spielen kann.
Während de Niro (Felix Knopp) einen Song übers Glücklichsein performt, wird Hund Belka, eine von Oscar Olivo sehr gelungen bewegte Großpudelpuppe, ohne jeden Grund von einem Koch mit siedendem Wasser bis auf die Knochen verbrüht. Inzwischen ist das Celloskelett endgültig verstorben, DIE Gelegenheit für Frau Professor Bettina Frankenstein mit ihrem Assistenten Dr. Blumenthal (Maximilian David Scheidt), der als Mensch »mit Neigungen« beschrieben wird und wahrscheinlich deshalb Deppenfrisur und 80er-Anzug tragen muss, den sterbenden Hund mit Hilfe von Hoden und Hypophyse des verblichenen Musikers zu »retten«, um schon mal für die Transplantation von Schimpanseneierstöcken in den Cher-Körper zu üben. Leider wird Belka dabei zum Menschen (ebenfalls von Oscar Olivo gespielt), ob es nun ausgerechnet die tierischen Gene sind, die ihn zu einem besonders mordlustigen Exemplar machen, das Jagd auf Andersartige macht, sei dahingestellt.
Bulgakows Satire auf den Versuch, den neuen Sowjetmenschen zu schaffen, versinkt in dieser Inszenierung der vielgelobten Claudia Bauer in einem überfrachteten Text und einem Konzept, das unfertig wirkt, obwohl oder gerade weil es so viel zeigt. Tolle Kostüme und Schauspieler, tausend Ideen, von denen einige richtig gut sind, aber am Ende entsteht das Gefühl, bei einem Brainstorming anwesend zu sein.
Thelma und Louise muss auch noch zitiert werden, und wenn Holosekretärin Harriet (Angelika Richter) und Cyborg Sina (Sandra Gerling) die trotz lautstarker Hyperaktivität doch sehr langen zwei Stunden um sich schießend beenden, passt das immerhin zum »Chor der solidarischen rebellierenden Unberechtigten (Proles)«, die eigentlich zu keiner Zeit rebellieren, sondern nur gelegentlich singen und dabei immer leiser werden. »Avanti o popolo« – die Bandiera rossa wird nicht geschwungen, sondern so zaghaft besungen wie Tracy Chapmans »Talking ’bout a revolution«. Aber daran glaubt auch niemand mehr.
→Nächste Vorstellungen: 6., 17., 25.5.
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