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Theater

Ein Mann wie ein Ballon

Hereinspaziert: »Hard Times« von Charles Dickens in der Regie von Antú Romero Nunes hatte Premiere im Hamburger Thalia-Theater

Von Eileen Heerdegen
Foto: Krafft Angerer/Thalia Theater
Im Einklang mit der Widrigkeit: Interessant gekleidete Schauspieler

Tod und Verderben will das Publikum! Will Lachen, um nicht an den eigenen Untergang denken zu müssen. Will Staunen, um kurz die Enttäuschung des eigenen Lebens zu vergessen. Die bunte, friedliche Welt unterm Zirkuszelt? Ich glaube nicht.«

Der Clown ist kein dummer August. Er ist auch gar kein Clown, der gemeinsame Sohn von Struwwelpeter und Pumuckl ist Zirkusdirektor Mr. Sleary, dessen verblichener Glitzeranzug von hard times erzählt. Mit der Würde des Losers, der nie aufgibt, begleitet er das Publikum als Erzähler, Conférencier und Zeremonienmeister durch die Welt von Charles Dickens. In diesem Fall eine so phantastische wie reale Märchenwelt zwischen Elend und Glück, Unrecht und Liebe, eine Welt von 1854, deren schwere Zeiten 2026 anders, aber nicht unbedingt leichter sind.

Cino Djavid verkörpert Sleary mit begeisternder Natürlichkeit, ein gutmütiger Kobold mit Hang zu touretteartigen Wutausbrüchen, aber niemals lächerlich. Der Sprachfehler mit Lispeln und deutlichem Sch-Problem ist sozusagen einfach »menchlich«, möglicherweise merkt so mancher Besucher erst beim blitzschnellen Umschalten in den Politsprech eines Gewerkschafters und – grandios – einer kurzen Abhandlung über das Wesen des Hundes im Stil von Loriots Grzimek-Steinlaus-Satire, dass Cino Djavid auch den Thlick auf der Zunge nur spielt.

Nicht spielen, »Tat-sachen, Tat-sachen, Tat-sachen, Fak-ten, Fak-ten, Fak-ten«, das ist die Welt des Thomas Gradgrind, Politiker, Schulleiter und Vater von Tom und Louisa, mit deren Schicksal Dickens den Beweis antreten will, dass strenge viktorianische Erziehung unglücklich und, im Fall von Tom, sogar kriminell machen kann.

Dickens, der selbst als 12jähriger in einer Fabrik Hilfsarbeiten verrichtete, wollte nicht nur die brutalen Arbeitsbedingungen in den Fabriken englischer Industriestädte aufzeigen, sondern auch das krasse Missverhältnis zwischen wachsendem Wohlstand und Moral.

So stellt er dem selbstgefälligen Fabrikanten Josiah Bounderby (»ein Mann wie ein Ballon, jederzeit bereit zum Aufstieg«) den von Lisa Hagmeister zart und verzweifelt gespielten Arbeiter Stephen Blackpool gegenüber, der sich gegen entsprechende Summen von seiner alkoholkranken Frau scheiden lassen könnte, als armer Schlucker aber an die Verpflichtung der »guten wie schlechten Tage« erinnert wird.

Bounderby hingegen, einer der ärgsten Luftverschmutzer des fiktiven »Coketown«, nimmt den Menschen nicht nur die Luft zum Atmen, er tut es gern: »This is a place / such a paradise / Leben da oben / in den orange skies / building an empire of Schornsteins. / Isle of smoke / das ist alles meins.« Verdienter Szenenapplaus für den inmitten von Rauchschwaden von oben, unten, hinten und vorn tanzenden, singenden Julian Greis, dessen Bounderby nicht nur in Hinsicht auf zynische Sozial- und Umweltpolitik deprimierende Parallelen zum Heute aufweist. Den Pussy-Grabscher kennen wir alle, und »In meiner Welt haben wir Sex dann, wenn ich Sex möchte«, schrieb angeblich ein leitender Vertreter des öffentlich-rechtlichen Österreichischen Rundfunks einer Mitarbeiterin – Bounderby lässt der jungen Louisa immerhin durch ihren Vater ausrichten: »Du wurdest Ziel eines Heiratsantrags.«

Regisseur Antú Romero Nunes lässt seinen Schauspielern viel Raum zur Entfaltung und bietet perfekte Bedingungen. Alle nutzen das, man mag niemanden bevorzugt erwähnen, aber Cathérine Seifert ist in ihrer Doppelrolle als aufrechte Arbeiterin und Hund des Zirkusmädchens Sissy (Lisa-Maria Sommerfeld als süße Pippi Langstrumpf) besonders als Hund Merrylegs ganz wunderbar. Das zurückhaltende Bühnenbild von Matthias Koch (neben verschiedenen bemalten Vorhängen gibt es nur eine veränderbare, halbhohe Multifunktionsbretterwand) erlaubt und fordert vielfältige Aktionen. Schauspieler agieren als Tische und Bänke, sogar als loderndes Feuer mit allen dazugehörenden Geräuschen.

Apropos, entgegen des Bonmots von Wilhelm Busch tragen die schrägen bis gefälligen Töne zwischen Weill und Zirkusmusik der Band von Arne Bischoff, Laila Nysten, Timon Schempp und Johannes Wennrich wesentlich zum Gelingen dieser Aufführung bei.

Und dennoch bleibt mein Highlight der begabte Mr. Sleary. Die Bedeutung, die Djavid der Rolle verleiht, erinnert an den charismatischen Dominique Horwitz im legendären »Black Rider« vor ziemlich genau 36 Jahren auf dieser Bühne. Und so soll nach dem poetischen, versöhnlichen Ende, das ich hier nicht spoilern werde, der weise Zirkusdirektor das Schlusswort bekommen: »Der Zirkus, er will auch nur den nützlichen Menschen, den Menschen, der eine Maschine ist. Arbeit steht hinter der Leichtigkeit, für mehrere Stunden am Tag muss der Körper gezüchtigt sein, um eure Idee eines in Freiheit sich wähnenden Menschen zu nähren. Drum sitzen hier Tag für Tag Hunderte Menschen, auf Bänke gepfercht, und sie strahlen! Es leuchtet ihr ganzes Gesicht, so als sähen sie etwas, das grundlegend anders sei als ihre eigene Arbeit in einer Fabrik. Dabei schauen sie auch nur sich selbst zu: Dem Menschen im Einklang mit Widrigkeit.«

Nächste Aufführungen: 8., 9., 10. Mai

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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