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Aus: Ausgabe vom 03.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Alle Fragen offen

Die Hamburger Kammerspiele adaptieren Maxim Billers Roman »Mama Odessa«
Von Eileen Heerdegen
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»Ich bin sicher, dein Vater hat hier immer mit seiner deutschen Nutte gelegen, wenn ich nicht da war.«

Das kleine Souterraingeschäft im Grindelhof, in dem ich als 17jährige die ersten Cowboystiefel erstand, existiert tatsächlich immer noch; das legendäre »Arbeiterbuch« hingegen, Pflichtadresse für politische Literatur und Musik, hat sich dem Zeitgeist entsprechend längst in eine Pizzeria aufgelöst.

Maxim Billers Roman »Mama Odessa« ist eine sentimentale Zeitreise ins Hamburger Grindelviertel, in dem er ab 1970 aufwuchs, nachdem die russisch-jüdische Familie des damals Zehnjährigen seine Geburtsstadt Prag verlassen hatte, und in dem Mutter Rada noch bis 2019 lebte. Es ist auch für mich ein Stück alte Heimat. Abaton-Kino, Unicampus, das Mosaik am früheren Bornplatz, wo eine der größten Synagogen Deutschlands stand – aber zuerst bewegt sich der kleine Trupp zum ehemaligen Wohnhaus der Billers in der Bieberstraße 7, das sich einen Hinterhof mit den Hamburger Kammerspielen teilt. So entstand die Idee der Dramaturgin Anja Del Caro, den Pressetermin für die Bühnenadaption an den Hamburger Kammerspielen mit Regisseur Kai Wessel und Adriana Altaras und Florian Lukas (als Mutter und Sohn Grinbaum) nach draußen in das ehemals jüdisch geprägte Viertel zu verlegen (diese Spaziergänge werden übrigens auch für angemeldete Besuchergruppen angeboten).

»Mama? Etwas zu sagen … dafür ist es jetzt zu spät. Alle Fragen, die man hatte, werden für immer unbeantwortet bleiben. Alle Gedanken, die nie ausgesprochen wurden, werden nicht mehr gehört werden.« Eine weitere Erinnerungsebene innerhalb des Stückes, die autobiographisch geprägte Mutter-Sohn-Geschichte von Aljona und Mischa Grinbaum beginnt mit ihrem Ende und bitteren Erkenntnissen.

»Die Wohnung, in der meine Mutter fast 50 Jahre gelebt und ich meine Kindheit verbracht habe, ist jetzt leblos. Ich blätterte durch die zahllosen Unterlagen meiner Mutter. Und immer wieder neue, alte Briefe, auch an mich. Frankiert und nie abgeschickt. Warum? – ›Übrigens‹, hatte sie mit der Hand unter den maschinengeschriebenen Brief gekritzelt, ›überlege ich schon lange, ob ich dieses scheußliche riesige Möbelstück, auf dem ich hier gerade liege und dir schreibe, endlich wegwerfen und mir etwas schönes Neues fürs Wohnzimmer kaufen soll. Ich bin sicher, dein Vater hat hier immer mit seiner deutschen Nutte gelegen, wenn ich nicht da war.‹«

Die Nachmieterin der Wohnung in der Beletage der Bieberstraße erzählt, dass Rada Biller in manchen Nächten zurückkehrt und dort herumspukt, und schon sitzt auch Aljona Grinbaum wieder auf der roten Ledercouch und raucht ihre dünnen Kim-Zigaretten.

Die »Yiddische Momme«, ein gern bedientes Klischee, man denke nur an Anne Bancroft, die sich mit einem Riesenbolzenschneider Zugang zur Wohnung ihrer Filmtochter Barbra Streisand verschafft, oder den Witz über den Unterschied zwischen der italienischen Mamma und der jüdischen Mamme: »Die italienische Mamma sagt zum Kind: ›Wenn du die Suppe nicht isst, bring ich dich um.‹ Die jüdische Mamme hingegen droht mit den Worten: ›Wenn du die Suppe nicht isst, dann bring ich mich um!‹«

Die gebürtige Kroatin Adriana Altaras, Tochter ehemaliger jüdischer Partisanen und selbst mit filmreifer Familiengeschichte ausgestattet, spielt diese schwierige Mutter zwischen Affenliebe und Konkurrenz (Mutter und Sohn sind beide Schriftsteller), zwischen Zärtlichkeit, Wut und Härte, und später auch im Wandel von Lebenslust zu Gebrechlichkeit, umwerfend. Beste Besetzung, ein Glücksgriff.

Florian Lukas schafft es perfekt, sich zurückzunehmen, den Raum der Mutter zu überlassen, für die dieser Text geschrieben wurde. Und dabei keineswegs farblos zu werden, sondern, oft mit trockenem Humor und dem leisen Witz der Verbitterung, große Gefühle und Verletzungen unter der Oberfläche sichtbar zu machen. »Wie konnte überhaupt jemand Mama hassen, der sie nicht wenigstens so gut kannte wie ich?«

»Mama Odessa« ist aber weit mehr als eine Beziehungsgeschichte, es geht um jüdische Geschichte und jüdische Identität, um Pogrome, Verfolgung und den Verlust von Heimat. Ein Sammelsurium eigenartiger Personen, als seien sie von Isaac Bashevis Singer erdacht – skurrile Nachbarinnen, der dicke Lassek aus dem Abendrothsweg, die bösartige Jüdin Martha oder der armenische Großvater: »Er dachte genauso oft an Selbstmord wie andere Leute an Liebe und Essen. Oder vielleicht sogar noch öfter.«

Tragikomisch, mit einer zarten, unaufdringlichen Sentimentalität, hinterlässt dieser Abend das Gefühl, etwas Wunderbares erlebt zu haben.

Nächste Vorstellungen: 4., 5., 6., 7. und 8. Februar

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