Die Politik war zuerst da in seinem Leben
Von Michael Weber
Der am 12. Dezember 2025 verstorbene Schauspieler und Aktivist Rolf Becker bleibt weiter unbequem. Auf der Trauerfeier am vergangenen Mittwoch in der Hamburger Dreieinigkeitskirche kommen nicht nur Freunde, Genossen, Kollegen und Gewerkschafter zu Wort. Rolf lässt der anwesenden Ratsvorsitzenden der EKD, Bischöfin Kirsten Fehrs, durch die Pastorin Dorothea Frauböse mitteilen, dass er die neue Denkschrift der evangelischen Kirche (mit der Militärdienst, Atomwaffenbesitz und Erstschlagsdrohung als neue Wehrtüchtigkeit propagiert werden), scharf ablehne, dafür gibt es großen Beifall. Dem letzten Applaus, zu dem die Urne aus der Kirche getragen wird, schickt er allen Anwesenden über Rio Reiser die Aufforderung hinterher, alles dafür zu geben, dass der Traum von einer besseren Welt Wirklichkeit wird. Die Beisetzung seiner Urne im Friedhof Ohlsdorf auf dem Ehrenfeld für Verfolgte der Naziherrschaft beobachtet auch ein Vertreter des Staatsschutzes (ganz in der Nähe des Gedenksteins für Heinrich Brandler stehend). Denn offensichtlich hat Rolf Becker auch jetzt noch Möglichkeiten, wirkmächtig zu sein. Im Folgenden dokumentieren wir die Trauerrede des Schauspielers Michael Weber vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg. (dk)
Rolf ist gestorben. Er ist 90 Jahre alt geworden. Rolf war mein Lehrer (mein Lehrer in vieler Hinsicht), mein Kollege als Schauspieler und als Gewerkschafter, er war mein Genosse (auch das in vieler Hinsicht) und er war mein Freund. Er war Internationalist, Kommunist, er war überzeugter und überzeugender Antifaschist und Friedensaktivist. Aber vor allem war er für mich ein großartiger und besonderer Schauspieler. Die Stationen seiner Theater- und Filmkarriere sind überall nachzulesen: Kammerspiele München, die Theater in Darmstadt und Ulm, das Bremer Theater, das Schauspielhaus und das Thalia Theater in Hamburg, die Zusammenarbeit u. a. mit Claus Bremer und Peter Zadek; daneben seine Arbeit im neuen deutschen Film mit Volker Schlöndorff, Hark Bohm, Margarete von Trotta und vielen anderen, später mit Matti Geschonneck; seine umfangreiche Sprechertätigkeit, seine Lesungen, schließlich seine zahlreichen Arbeiten fürs Fernsehsehen und über lange Jahre seine Rolle in der TV-Serie »In aller Freundschaft«.
Aber nicht diese Karriere in unserem Beruf machte ihn außergewöhnlich (Karriere haben viele andere auch gemacht), sondern die Haltung, mit der er diesen Beruf ausgeübt hat und wie er ihn aufgefasst und verwirklicht hat. Rolf war als Schauspieler ein politischer Künstler; Kunst und politische Haltung waren untrennbar für ihn verbunden.
Die Politik war zuerst da in seinem Leben, und der Schauspielerberuf war für ihn eine der Möglichkeiten – in den 1950er Jahren – sich die Welt neu und anders anzueignen und sich persönlich und politisch anders zu entwickeln, als die vom Faschismus immer noch geprägte, stockkonservative Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik es vorsah. Wenn ich sage, die Politik war zuerst da in seinem Leben, meine ich: Am 4. August 1943 kam sein Vater um, als Wehrmachtsoffizier bei Belgorod, als der deutsche Angriffskrieg gegen die Sowjetunion absehbar schon verloren war – was sein Vater auch wusste, bzw. ahnte. Und sein Vater wusste auch von den unglaublichen deutschen Kriegsverbrechen dort. Rolf war damals acht Jahre alt, er war bei seinen Großeltern auf dem Land bei Rendsburg aufgewachsen. Und dieses Datum hat er nie vergessen: 4. August 1943. Noch kurz vor seinem Tod hat er resümiert: »Damit war alles, war an diese Figur (an meinen Vater) geknüpft war, mit einem Granatsplitter zerstört. Wenn man etwas als meine Lebensleistung bezeichnen kann, dann war es die, das bewältigt zu haben.« Das saß tief.
Und er hat es bewältigt und bearbeitet, zeit seines Lebens – mit den Mitteln der Kunst und den Mitteln des Theaters – immer nach der Maßgabe, die Brecht so formuliert hat: »Ändere die Welt, sie braucht es.« »Der dritte Mann«, der englische Film von Carol Reed aus dem Jahr 1949 mit Orson Welles – wir haben eben die Filmmusik gehört – hat ihn damals besonders beeindruckt. Der Film spielt im Nachkriegswien, im sich schon abzeichnenden sogenannten Kalten Krieg, und war für Rolf als junger Mann ein starker Hinweis darauf, wie Kunst imstande sein kann, Fragen aufzuwerfen, die die praktizierte Realität drumherum noch gar nicht zulässt. Jeder von uns hat so seine Wegmarken in diesen Beruf.
Aber, um Brecht noch einmal zu zitieren: »Die Wahrheit ist konkret.« Ich möchte deshalb ein kurzes Beispiel geben von Rolfs Art, unseren Beruf zu handhaben: Anfang der achtziger Jahre probte mein Jahrgang auf der Hamburger Schauspielschule ein Abschlussstück: »Krankheit der Jugend«, von Ferdinand Bruckner, 1928 geschrieben. Ein wirklich gutes Stück; es beschreibt das Leben und Denken, die Beziehungen sieben junger Erwachsener untereinander gegen Ende der Weimarer Republik. Rolf kam als befreundeter Lehrer in eine der letzten Proben. Wir waren natürlich nicht zufrieden mit uns, wie junge, ehrgeizige Schauspielschüler eben so sind. Rolf lobte uns aber – auf seine immer freundliche und wertschätzende Art – und sagte schließlich: »Es wäre doch interessant, sich mal zu überlegen, was aus all diesen Figuren, diesen jungen Leuten, die ihr da spielt, im Faschismus, also ab 33, also fünf Jahre später geworden ist.«
Und BANG! – damit wurde es plötzlich hell in unseren Köpfen, und wir wussten plötzlich wesentlich mehr über unsere Rollen als zuvor, und wie wir sie spielen könnten. Das heißt: Rolf hatte unsere Arbeit um eine riesige Dimension erweitert: um die politische, um die historische Dimension – und zwar jenseits der Beurteilung davon, wie toll oder wie schlecht wir unsere Rollen spielten, wie talentiert oder intensiv oder begabt – oder wie dieser ganze Quatsch sonst noch genannt wird.
Das hat mich nachhaltig beeindruckt, und es hat mich als Schauspieler geprägt. Ich glaube, Rolf und ich waren uns immer einig darüber, dass Theater als Theater und Kunst als Kunst einfach nur furchtbar langweilig und öde ist. Die wirklich interessanten Fragen sind doch: Was ist wann, wo und warum geschrieben worden und wird wann, wo und warum aufgeführt? In welchen Widersprüchen, mit welchen Widersprüchen? Und von wem? Und für wen? Das gilt von Aristophanes über Shakespeare bis zu Elfriede Jelinek. Diese politisch-analytische Dimension hat Rolf immer mitgedacht und mitgestaltet, in jeder Rolle, in jeder Rezitation, in jeder Lesung, mit jedem Text. Und damit auch immer die Funktion von Theater mit einbezogen, von Literatur, von Kunst überhaupt. Und das alles mit seiner erstaunlich großen Freundlichkeit und einer erstaunlich großen Beharrlichkeit.
Sehr oft habe ich es mit Bewunderung und Vergnügen erlebt: Rolfs komplettes Desinteresse an Hierarchien und sein komplettes Desinteresse an Konkurrenz. Das war und ist in unserem Beruf sehr, sehr außergewöhnlich, wie natürlich auch in unserer ganzen Gesellschaft überhaupt. Statt dessen: Rolfs Begeisterung für Diskussion und die ständige Bemühung um tätige Solidarität – hier im Viertel, in St. Georg, in Organisationen, in der Gewerkschaft, und auch international: in Nicaragua, in Serbien, in Griechenland, in den USA, z. B. mit seinem Eintreten für Mumia Abu-Jamal, für Christian Klar. Er sagte einmal, er spreche im Theater bevorzugt für die Leute, die in der letzten Reihe sitzen. Denn für Künstler, Intellektuelle und Schauspieler gelte allgemein: »Wer senden will, braucht eine Erdung, und die gibt es nur in der Realität.«
Auf einer Veranstaltung gegen das NATO-Manöver »Red Storm Bravo« Ende September 2025, also vor gut drei Monaten, rezitierte Rolf Wolfgang Borcherts Antikriegsgedicht »Dann gibt es nur eins«, 1947 von Borchert wie ein Vermächtnis geschrieben, mit der jede Strophe abschließenden Zeile: »Dann gibt es nur eins: Sag NEIN!« – ein Text gegen jede Form von Militarisierung und Kriegsertüchtigung. Es war Rolfs letzter öffentlicher Auftritt. Und damit, denke ich, schließt sich der Kreis, der mit dem Tod des Vater 1943 im russischen Belgorod begann. Danach habe ich ihn mehrmals im Krankenhaus St. Georg besucht. Es waren schöne Besuche, mit sehr guten Gesprächen, über verwirklichte Projekte, über Projekte, die noch zu verwirklichen wären, und auch darüber, dass er das wohl nicht mehr schaffen werde. Bei meinem letzten Besuch hatte er sich von seinem Sohn Anton eine Portion Pommes und Bratwurst mitbringen lassen, als Abwechslung zur Krankenhauskost. Er aß langsam und mit großem Genuss – für mich ein bleibendes Bild, wenn nicht das Bild überhaupt von purer Lebenszugewandtheit. Ich musste dann zur Vorstellung ins Schauspielhaus. Dieses Bild habe ich im Kopf mitgenommen. Ich verabschiedete mich von Rolf und dachte auf dem Weg zu meiner Arbeit: Was für tolles, langes, erfülltes, pralles Leben; was für erfüllte, pralle 90 Jahre!
Im Dezember ist Rolf gestorben.
Er ist gestorben, aber er ist nicht weg.
Er ist noch da.
He is dead, but he definetly is not gone.
Oder, um es mit Brecht zu sagen: »Schreiben Sie, dass ich unbequem war, und es auch nach meinem Tod zu bleiben gedenke. Es gibt auch dann noch gewisse Möglichkeiten.«
Vielen Dank.
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