Feuer in der Eiszeit
Von Eileen Heerdegen
»So a Oaschloch-Stück – dafür bin ich extra aus Berlin weg, ich hasse diese Rolle!« Das Öffnen der vierten Wand, die Ansprache an die Zuschauer, gerät bei Stefanie Reinsperger brachial und deftig. Auf Wienerisch grantelt es sich besonders gut, und so schimpft sich Dienstmädchen Lily-Sabina in einen Wirbel, der beim Publikum Lachstürme erntet.
Die Besucher sind guter Dinge, die Aufführung wartet mit einer Riege von Publikumslieblingen auf, und in einem auf alte Wochenschau getrimmten Vorfilmchen taucht sogar ihr echter, von bösen Menschen als »Schnitzelg’sicht« diffamierter, Wiener Bürgermeister Ludwig auf! So a Gaudi.
Eine Mischung aus Farce und Lehrstück ist das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Theaterstück des US-Amerikaners Thornton Wilder (1897–1975), geschrieben 1942 kurz vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Eine theatralische Durchhalteparole, die am Beispiel der Familie Antrobus (Ähnlichkeiten mit anthropos, Mensch, sind ausdrücklich erwünscht) eine Geschichte der Erdbevölkerung durch Eiszeit, Sintflut und Krieg beschreibt, offenbar mit dem erklärten Ziel, zu beweisen, dass uns stärker macht, was uns nicht umbringt.
Nicholas Ofczarek, der als George Antrobus die große Aufgabe hat, von Adam an all die großen Männer der Weltgeschichte zu vertreten, die für uns das Rad, das Einmaleins und das Alphabet erfunden haben, bleibt die ersten zwei Akte hindurch leider ein bisschen farblos, wie auch Gattin Caroline Peters, die sich als Eva mit der herumfluchenden Haushaltshilfe und zwei ungeratenen Kindern plagt. Eigentlich waren es mal drei, aber Kain hat den armen Abel längst erschlagen. Warum Mehmet Ateşçi erst zum Ende hin zum Bösen wird und anfangs mit langem Goldhaar im goldenen Anzug einen ständig lächelnden, tänzelnden Bill Kaulitz gibt, erschließt sich so wenig wie der Rest der orgiastisch edelmetallglänzenden Gewandungen.
Zum Ausgleich spielt das Ganze in einem kaltgrauen Raumschiff, das für Zeitreise und Arche Noah stehen kann. Die schräge Ebene am Ende verlangt den Schauspielern körperlich einiges ab, insbesondere die Reinspergerin kann hier mit jeder Faser ihres Körpers die riesige Lust am Spielen beweisen. Vielleicht schreit sie ein bisschen zu oft, aber egal, die Steffi ist ein Ereignis, die darf das.
Wilders Groteske ist bei Licht besehen eher fad, man hätte das Stück eine ganze Ecke anarchischer inszenieren sollen. Ansprachen ans Publikum, vermeintliche Texthänger, Schimpfen über Stück und Rolle, das war in den 1940er Jahren aufregend und generiert auch heutzutage noch erstaunlich viele Lacher. Regisseur und Burgtheater-Intendant Stefan Bachmann verlässt sich sehr auf die lustigen Momente, und wenn die Furie Lily-Sabina den Herrschaften in den ersten Reihen Sitze unterm Arsch wegreißt, um das Feuer in der Eiszeit am Leben zu halten, ist das tatsächlich sehr vergnüglich.
Aber letztendlich siegt die Langeweile, spätestens, wenn die Burgtheater-Altstars, der wunderbare Branko Samarovski, Hans Dieter Knebel, Elisabeth Augustin und Barbara Petritsch, als Krippenspiel in absurden silberschillernden Fummeln als Symbiose aus Sternsingern und Transenparty im Altersheim alte Griechen darstellen und Martin Reinke nicht enden wollende Homerische Hexameter im Original rezitiert.
Seit einem Besuch bei »Cats« im Hamburger Operettenhaus Anfang der 90er hatte ich nicht mehr so stark den Wunsch, in der Pause zu fliehen, zumal die Dame hinter mir das Motto des Abends etwas eigenwillig interpretierte und wohl meinte, wer der Pandemie entkommen sei, dürfe seinen Mitmenschen ungestraft Keuchhustenviren in den Nacken spucken.
Im Gegensatz zum Autor habe ich keine Hoffnung, dass die Menschheit aus Krisen lernt. Die Befürchtung, alles könne nur schlimmer werden, hat sich leider auch für den dritten Akt bewahrheitet. Mit triefendem Pathos werden all die wunderbaren Bücher und Philosophen zitiert, die uns retten werden. Vielleicht werden sie aber auch bald wieder verbrannt und verboten, wäre nicht das erste Mal.
»Bei der nächsten 250-Jahr-Feier erinnert sich niemand an diese Inszenierung«, prophezeit Lily-Sabina Reinsperger. Ich erinnere mich jetzt schon nicht mehr, aber der Wiener weiß eh: »Es wird a Wein sein, und wir wer’n nimmer sein«.
Nächste Aufführungen: 25.4., 8.5., 18.5.
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