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Literatur

Muckel, die fiese Sau

Foto: Werner Otto/IMAGO
Kinder an die Macht? Auf keinen Fall

Hinter dem Neubaugebiet, einfache Vierfamilienhäuser mit ein paar Sandkisten, öden Rasenflächen und schmalen asphaltierten Wegen, auf denen man mit Rollschuhen auf und ab fahren konnte – als Junge mit besserverdienenden Eltern vielleicht sogar mit einem Kettcar –, lagen direkt am Waldrand zwei oder drei ältere Straßen mit schlichten bis pompösen Einfamilienhäusern der 20er bis 60er Jahre. Dort wohnte meine Freundin Nati. »Ihr Vater ist Psychiater«, erwähnte meine Mutter gern, und wie sie es sagte, machte mir Angst, jedenfalls war ich froh, dass ich ihn nie zu Gesicht bekam.

Wenn im Frühjahr die Rhododendronbüsche in Natis Garten blühten, konnte man sich darunter verstecken und mit Barbie-Puppen spielen oder mit dem Taschenmesser alte Holzstückchen bearbeiten. Meins hatte einen Fix-und-Foxi-Schriftzug, Nati durfte kein eigenes haben, also wechselten wir uns ab beim Schnitzen.

Im Sommer lagen wir unter den Beerenbüschen, erzählten uns Geschichten, während die von der Sonne ganz warmen Stachelbeeren im Mund zerplatzten und von den Ribiseln nur noch ein Häufchen abgenagter Rispen übrig war.

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Das einzige Schlechte an Nati und ihrem Garten war ihr zwei Jahre älterer Bruder Muckel. Eigentlich hieß er Richard oder Rainer oder Rudolf, ich erinnere mich nicht, aber jeder Name hätte besser zu ihm gepasst als ausgerechnet Muckel.

Er muss schon im Grundschulalter an die zwei Meter groß und entsprechend schwer gewesen sein, Nati und ich konnten ihm nur entgehen, wenn er im Keller mit seiner Eins-a-Modelleisenbahnanlage beschäftigt war. Sogar an Natis Geburtstag war er dabei, bekam sogar auch Geschenke. Wenn ihm danach war, fing er die Hummeln aus den Rhododendronbüschen und zwang uns zuzusehen, wie er sie grinsend aufspießte.

Als ich in der zweiten Klasse war, zog die Grundschule in einen Neubau um. Auf dem alten Schulhof hatte es Mauern und Ecken und Treppen und rostige Geländer gegeben, hier war nichts außer grauen ­Waschbetonplatten. Einige Viertklässler machten in der Pause Wettläufe, immer paarweise, wir anderen standen Spalier. ­Muckel prahlte und gab sich siegesgewiss, verlor dann aber um Längen gegen einen halb so großen Mitschüler. Als einige Jungs ihn auslachten, zeigte er plötzlich auf mich und schrie, ich hätte ihm ein Bein gestellt. Nati hatte neben mir gestanden, traute sich aber nicht, mir beizustehen. Lehrer kamen dazu, und als ich aus lauter Enttäuschung und Wut über die gemeine Ungerechtigkeit heftig weinen musste, wurde das als Schuldeingeständnis ausgelegt. Ich wurde zur Wiedergutmachung aufgefordert, und da ich nichts anderes hatte, musste ich Muckel mein Fix-und-Foxi-Messer schenken.

Ich war dann nie wieder bei Nati, trotz der Ribiseln und Stachelbeeren, und obwohl man nirgendwo anders als auf ihrer großen Sonnenterrasse so gut die »Tongefäße«, meist Aschenbecher und Zigarettenhalter, brennen konnte, die wir aus dem Lehm der vielen Straßenbaustellen gefertigt hatten, in denen neue Leitungen für neue Zeiten verlegt wurden.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.04.2026, Seite 10, Feuilleton

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