In den Abgrund gleiten
Von Eileen Heerdegen
Im »Hungerwinter« 1990/1991, mit schwieriger Versorgungslage nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, haben wir im Hamburger Schauspielhaus für die Kollegen eines Theaters der Hamburger Partnerstadt Leningrad (seit 1991 St. Petersburg) tagelang Pakete gepackt. Ein selbstverständlicher Akt internationaler Menschlichkeit, der nicht nach Herkunft fragt. Eine glückliche Zeit, »der Russe« endlich auch ein Mensch.
Ob die Gesellschaft lernfähig ist, muss von Tag zu Tag deutlicher mit »Nein!« beantwortet werden, die Frage eines Journalisten an Yana Ross, Regisseurin der aktuellen Inszenierung von Tschechows »Die Möwe« am Hamburger Schauspielhaus, erstaunt trotzdem: »Ist es nicht problematisch, angesichts der aktuellen geopolitischen Situation einen russischen Klassiker zu inszenieren?« – »Es kommt darauf an, welchen.« – Die in Moskau geborene, im Baltikum aufgewachsene Tochter einer ukrainisch-polnisch-jüdischen Familie spricht Tschechow frei: »Tschechow als Person und Schriftsteller hat einen sehr komplexen ukrainischen Hintergrund. Seine Großeltern väterlicherseits waren Ukrainer. Als Kind sprach er Ukrainisch.«
Da haben wir alle und Tschechow noch mal Glück gehabt, etwas, das die titelgebende Möwe verließ, als sie abgeschossen wurde. Ein Vogel, Sinnbild der Freiheit, sein Ende symbolhaft für die gescheiterten Lebensentwürfe der handelnden Personen. Der Sinn des Lebens – wie so oft bei Tschechow konzentrieren sich Überdruss, Unglück, Monotonie auf den isolierten Mikrokosmos eines Landgutes in der Provinz. Wenig Außen-, viel Innenleben.
Zentraler Konflikt ist das Verhältnis der gefeierten Schauspielerin Arkadina zu ihrem Sohn Kostja, der zu einem existentiellen Kampf um Anerkennung und Bedeutung gerät. Yana Ross geht hart ins Gericht mit dieser Mutter, nach der Pause ein Text von Wolfgang Herrndorf: »Traum: Ich gehe an einer Reihe von Hunden vorbei mit schönem Fell. Eine Stimme sagt mir, die Hunde hörten nur auf meine Mutter. Ich befehle ihnen, zu verschwinden, aber sie rühren sich nicht. Ich gehe einen Hügel hinauf und schaue mich nach den Tieren um, von denen ich weiß, dass sie gleich jemand auf mich hetzen wird. Ich verstecke mich in einem Kellereingang, und die Stimme sagt mir, dass dort der größte, schrecklichste Hund wohnt. Ich sehe dort meine Mutter vor mir stehen. Sie schaut mich an und lächelt. Dieses Lächeln macht mir Angst.«
Bettina Stucky setzt diese Sichtweise hervorragend um, ihre Arkadina ist komödiantisch und oberflächlich, Theatralik statt tiefer Gefühle. Kostjas wenig erfolgreiche erste Schritte als Autor und Regisseur werden belächelt oder als persönliche Kränkung aufgefasst.
Ein kühler, holzgetäfelter Konferenzraum mit großem offenem Rund nach oben als einzigem Fluchtweg bildet die Bühne für Mascha, die stets schwarz trägt (»Ich trauere um mein Leben«) und Kostja liebt, der Nina liebt, die berühmt sein möchte und von Schriftsteller Trigorin, dem jungen Liebhaber von Arkadina, träumt, deren Bruder Pjotr vielleicht der einzige ist, der sie wirklich liebt. Arzt Jewgeni liebt alle und keinen, Lehrer Medwedenko schließt den Kreis mit unglücklicher Liebe zu Mascha.
Pascal Houdus spielt den Lehrer als Mischung aus dummem August und tragischem Pierrot, der die ersten Publikumslacher sicher hat. »Mein Leben ist viel härter. Ich bin Lehrer.« Menschen sind leicht zu erheitern, aber genau das hat Tschechow auch gewollt. Mit Abstand beobachten, um die Komik im Tragischen zu erkennen. Erfolgreich wurden seine Stücke allerdings erst in den emotionaleren Stanislawski-Inszenierungen im Russland des frühen 20. Jahrhunderts.
Es wird viel gesungen im Schauspielhaus, Sinn ergibt das aber nur in der Karaokeszene anlässlich von Maschas Hochzeit. Sehr schön Josef Ostendorf, der ein berührendes »She« für seine Schwester Arkadina singt. Als unglückliche Lehrersbraut ist Henni Jörissen tatsächlich richtig lustig, auch Josefine Israel kann als Nina sehr komisch sein, in der Tragik aber nicht überzeugen.
Am Ende ist der Fluchtweg nach oben geschlossen und zum schwarzen Loch geworden. »Ich will mein Leben tanzen«, sagt Kostja. Das Ensemble wiegt sich, in einer fast gleitenden Choreographie, traumverloren, gedankenlos am Abgrund. Jeder auf sich konzentriert, niemand merkt, dass Kostja springt.
Nächste Vorstellungen: 24.2., 1.3., 7.3.
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