Die Tür der Stille
Von Matthias Reichelt
Das Gemälde zeigt eine bürgerliche Wohnung: An einem runden Tisch sitzt eine ältere Frau, ihren Kopf in die linke Hand gestützt, und blickt sorgenvoll auf ausgebreitete Papiere. Eine deutlich jüngere Frau beobachtet durch die geöffnete Doppeltür zwei SA-Männer im Hintergrund, die einzelne Porzellanfiguren aus einer Glasvitrine nehmen und verpacken. Urplötzlich erinnerte sich 1995 die damals 79jährige Hildegard Basch gegenüber ihrer 1946 in England geborenen Tochter, der Malerin und Filmemacherin Barbara Loftus, an diese bedrückende Szene aus dem Jahr 1938.
Hildegard Basch wurde 1915 als erstes Kind von Herta und Sigismund Basch in Elbing geboren. Der Großvater mütterlicherseits, Felix Berlowitz, betrieb in Elbing an der Ostsee eine Hutfabrik. Nach dem Ersten Weltkrieg zogen Herta und Sigismund nach Berlin in eine großzügige Sechs-Zimmer-Wohnung im Bezirk Schöneberg. Die Insolvenz von Sigismunds Firma aufgrund der Hyperinflation und der Wirtschaftskrise Anfang der 20er Jahre zwang ihn, sich als Vertreter für Feuerlöscher zu verdingen, während die Mutter ihr bürgerliches Leben mit Bridge-Nachmittagen im Salon weiterzuführen versuchte. Barbara Loftus hat bereits früh eine schmerzhafte »Leerstelle« im Leben der Mutter erahnt, ohne Näheres zu wissen. Hildegard Basch nutzte den Trubel an »Führers Geburtstag« am 20. April 1939, um ausgestattet mit einem Affidavit eines englischen Geschäftsfreundes des Vaters unbehelligt nach England ausreisen zu können. Die Ausreisen von Eltern und Bruder scheiterten. Hildegard war die einzige der jüdischen Familie, die den Nazis entkam und überlebte.
Das Trauma verhinderte, dass sie ihrer Tochter von der »Enteignung« respektive »Arisierung« der jüdischen Besitztümer durch den Nazistaat berichtete. Als sie dann doch darüber zu sprechen vermochte, war das die Initiation für Barbara Loftus künstlerische Erforschung ihrer Familiengeschichte. Zunächst befragte sie die Mutter und nahm deren Erzählungen auf Band auf. Sie ließ sich von ihr Szenen des bürgerlichen Lebens, das Wohnhaus, die Zimmerflucht und das Mobiliar schildern und entwarf danach Zeichnungen und Gemälde. Loftus Annäherung erfolgte in einem mehrstufigen Prozess. Das Ergebnis war ein figurativen Gemäldezyklus, der nun in Berlin im Haus am Lützowplatz zu sehen ist. Die Künstlerin durchforschte die Kunstgeschichte und fand passende Körperhaltungen, die sie zur Darstellung der Mitglieder der bürgerlich-jüdischen Familie Basch und Berlowitz nutzte. Wenige Fotografien hatte ihre Mutter am 20. April 1939 mit ins Exil genommen, Loftus verarbeitete sie in Collagen und übertrug sie anschließend in Malerei. Die Arbeit war auch eine therapeutische Notwendigkeit für Loftus, denn: »Die Tür der Stille, die während meines früheren Lebens sicher verschlossen war, öffnete sich jetzt.«
Teile des Zyklus waren bereits 2013/14 im Rahmen des Projektes »Zerstörte Vielfalt« im Museum Ephraim-Palais des Stadtmuseums Berlin zu sehen und wurden für dessen Sammlung erworben. Die gedeckten und blassen Farbtöne sowie die Stilisierung der Körper und Gesichter unterstreichen den Illustrationscharakter. Sie geben den Bildern etwas Entrücktes, wie aus einem alten Kinderbuch. Dieser Stil soll die »Erinnerungsbilder« vermutlich als Annäherungsversuche markieren. Ein völlig anderer Zyklus kleiner Gemälde in leicht bräunlichen Tönen erinnert auch formal historisierend an Chamoi-Fotopapier und zeigt fotografische Motive aus der Nazizeit.
Hildegard Baschs Eltern hatten keine glückliche Ehe geführt. Die Tochter erinnerte sich an einen Streit, den sie versteckt unter dem Tisch miterlebt hatte. In dieser Szene malte Loftus die kleine Hildegard umgeben von Spielsachen und mit einem eigenartig illuminierten Gesicht, welches das Erschrecken des Kindes verdeutlicht. Die Mutter riss dem Vater seine Taschenuhr aus der Weste, warf sie auf den Boden und zertrümmerte sie mit dem Schuh. Hildegard fühlte mit dem Vater, wollte ihn schützen und empfand Antipathie gegenüber der Mutter.
Diesen Streit gemalt zu haben, ist mutig, denn Mutter, Vater und der Bruder von Hildegard hatten ja nicht überlebt. Sie waren wahrscheinlich vom Bahnhof an der Putlitzbrücke am 14. Dezember 1942 nach Auschwitz deportiert worden, wo sie ermordet wurden. Vor dem Haus in der heutigen Keithstraße 14 in Schöneberg, damals die Lutherstraße 51, finden sich Stolpersteine für Sigismund Basch (Jg. 1883), Herta Basch, (Jg. 1894, geb. Berlowitz) und Heinz Hermann Basch (Jg. 1920).
Der Historiker Lutz Winckler vermutet, dass dieses Gebäude, das bis 1939/40 in jüdischem Besitz war und dann »arisiert« wurde, als »Judenhaus« fungierte, in das andere Jüdinnen und Juden nach dem Verlust ihrer Wohnungen einziehen mussten – in eine extreme Enge. Die »Judenhäuser« dienten als letzte Station vor der Deportation. In den 60er Jahren wurde das Gebäude an die jüdischen Erben restituiert.
Neben Gemälden, Zeichnungen und zwei Büchern entstand der Dokumentarfilm »Across the Land and the Water: The Two Journeys of the Family Basch«. Die Stimme von Hildegard Basch ist im Film aus dem Off zu hören. Das Bild einer ihr Netz knüpfenden Spinne ist hier die Allegorie für die allmähliche Ausgrenzung der jüdischen Menschen durch die antisemitische Nazipolitik bis hin zur Vernichtung.
Barbara Loftus: »Eine Enterbung«. Haus am Lützowplatz, Berlin, bis 25. Mai 2026
Künstleringespräch und Buchvorstellung auf Englisch, Mi., 22.4.2026, 19 Uhr
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