Ein schmaler Grat
Von Florian Osuch
Das Verhältnis Nazistaat und christliche Kirchen ist umfassend, wenn nicht abschließend, erforscht. Nach der Befreiung gab es insbesondere in der BRD die Lesart, die Nazis hätten die Kirchen bekämpft, was beispielsweise mit den inhaftierten und ermordeten Geistlichen in den Konzentrationslagern begründet wurde. Bereits 1955 sprachen Vertreter der evangelischen Kirchen in der BRD von einem »Kirchenkampf«¹. Der Begriff war für die Kirchen äußerst vorteilhaft, weil er so unbestimmt blieb. Je nach Lesart war damit beispielsweise der christliche Widerstand gegen die Nazis gemeint, den es zweifelsohne gab. Zu den bekanntesten Persönlichkeiten gehören der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906–1945, hingerichtet im KZ Flossenbürg) oder der Gründer der Oppositionsbewegung »Bekennende Kirche« und KZ-Überlebende Martin Niemöller (1892–1984). Mit »Kirchenkampf« konnte aber auch die Zurückdrängung christlicher Organisationsstrukturen durch die Nazis gemeint sein.
Für die großen Kirchen war klar, sie waren – bis auf wenige Ausnahmen – kein Teil von Hitlers Rassenstaat. Gewiss konnte nach 1945 eine Mitschuld an Krieg und Völkermord nicht geleugnet werden, was etwa in der »Stuttgarter Erklärung« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 19. Oktober 1945 festgehalten wurde. Oftmals wurde angeführt, die Christen unter den Nazis hätten ihren Glauben verraten.
Von Wissenschaftlern ist diese Darstellung widerlegt worden. Der Historiker Olaf Bleschke von der Universität Münster weist den angeblichen Widerspruch zurück: »Als guter Protestant konnte man sehr wohl guter Nationalsozialist sein. Unüberbrückbar war der Widerspruch zwischen beiden Weltanschauungen nicht. Auch genügend vaterländische Katholiken hielten ihr Christentum für NS-kompatibel.«² Laut Manfred Galius, Historiker am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, feierten die beiden Großkirchen 1933 »das Ende der Weimarer Republik«, und zwar »die Protestanten mit deutlich mehr (…) Euphorie als die emotional weniger bewegten Katholiken«³. Endlich war die verschmähte »Gottlosenrepublik« Geschichte.
Religiöse Randgruppen
Wie verhielten sich die kleineren religiösen Gemeinschaften? Zwischen den drei großen weltanschaulichen Blöcken der Protestanten, Katholiken und Nazis zogen sich Methodisten, Mormonen oder die Pfingstbewegung oftmals auf ein isoliertes Eigenleben zurück – mit zwei Ausnahmen: die jüdischen Gemeinden und die Zeugen Jehovas. Erstgenannte wurden früh und umfassend diskriminiert. Die Entrechtung wurde zu systematischer Verfolgung, erzwungenem Exil und Holocaust gesteigert. Die Zeugen Jehovas wurden schon im Juni 1933 verboten. Die Gestapo richtete ein eigenes Sonderkommando zur Bekämpfung der konservativen Glaubensgemeinschaft ein. Von den damals in Deutschland lebenden 25.000 bis 30.000 Gläubigen wurde rund ein Drittel in Zuchthäusern und KZ inhaftiert, dort trugen sie als »Bibelforscher« einen lila Winkel. Knapp 1.500 Zeugen Jehovas starben oder wurden ermordet.
Die Glaubensgemeinschaft der Mormonen hatte im Deutschen Reich sowie in Österreich in den 1930er Jahren rund 15.000 Mitglieder, verteilt auf zwei Distrikte. Das Missionsgebiet West umfasste etwa das Gebiet der BRD vor 1990 sowie das des heutigen Bundeslandes Thüringen und von Österreich. Eine ostdeutsche Mission war das übrige Reichsgebiet: Mecklenburg, Pommern, Brandenburg, Sachsen, Schlesien und Ostpreußen. Die Kirche mit dem etwas sperrigen Namen »Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage« hat ihren Ursprung in den USA, ihr Hauptsitz liegt in Salt Lake City im Bundesstaat Utah. Aufgrund ihrer englischen Bezeichnung »The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints« wird sie gemeinhin mit LDS abgekürzt. Sie ist eine konservative und vergleichsweise junge christliche Kirche, gegründet 1830 in den USA. Ihre Mitglieder glauben, sie gehören einer von Jesus veranlassten Wiederherstellung der christlichen Urkirche an.
Um das Verhältnis zwischen den Mormonen und dem Nazistaat nachzuzeichnen, kann auf verschiedene Quellen zurückgegriffen werden: Berichte und Aufzeichnungen von Mitgliedern, Äußerungen von Angehörigen der Führungsebene der Mormonengemeinschaft in Deutschland und in den USA sowie auf Akten von Gestapo und SS, die die Kirche umfassend beobachteten.
Mutiger Widerstand
In der ausführlichen Veröffentlichung »Moroni and the Swastika« hat ein US-amerikanischer Historiker 2015 interessante Details zusammengetragen.⁴ David Conley Nelson zeigt, wie beispielweise der Vorsteher der Gemeinde in Hannover, Max Reschke, mehrere vom Naziregime Verfolgte unterstützte. Während der Novemberpogrome 1938 habe er zwei jüdische Nachbarn vor einem SA-Schlägertrupp gerettet und sie in die Schweiz in Sicherheit gebracht. Später soll Reschke einem jüdischen Bankier, dessen inhaftierter Ehefrau sowie zwei Zwangsarbeitern geholfen haben. Man erfährt auch von einem LDS-Mitglied in Hamburg: Der Mann hatte sich abschätzig über Hitler geäußert und war deshalb einige Monate ins KZ Neuengamme verschleppt worden; kurze Zeit nach seiner Entlassung starb er.
Ein ganzes Kapitel widmet der Autor dem wohl bekanntesten deutschen Mormonen jener Zeit: Helmuth Hübener. Als Verwaltungslehrling lernte er junge Leute aus kommunistischen Familien kennen. Er erfuhr vom Schicksal zahlreicher Antifaschisten, die in den KZ saßen. Von den Jugendlichen lernte er das Abhören von Auslandssendern wie der BBC. In der LDS-Gemeinde in Hamburg war der Teenager ehrenamtlicher Sekretär des ersten Gemeindepräsidenten Arthur Zander, der sich als überzeugter Nazi herausstellte. Über diesen Dienst konnte Hübener heimlich eine Schreibmaschine der Kirche nutzen.
Ab 1941 hörte Hübener selbst »Feindsender« ab, was streng verboten war. Zusammen mit seinen Glaubensbrüdern Rudolf Wobbe und Karl-Heinz Schnibbe bildete er eine kleine Gruppe. Sie erstellten illegale Flugblätter. Erste Schriften enthielten nur kurze Parolen, wie »Nieder mit Hitler«. Die Texte wurden dann aber immer länger. Sie informierten über den tatsächlichen Kriegsverlauf, alliierte Vorstöße, den U-Boot-Krieg und die Propaganda der Wehrmacht.
Später zog Hübener den gleichaltrigen Gerhard Düwer in sein Vertrauen. Dieser befand sich ebenfalls als Lehrling in der Hamburger Sozialverwaltung. Rückblickend legte Düwer die Vorgehensweise der Gruppe dar. Zunächst seien die Schriften im Bekanntenkreis verteilt worden, so lange, bis man mehr Zettel erstellt hatte. »Wir hefteten die Flugblätter an die Anschlagstafeln der NSDAP, warfen sie in Briefkästen oder steckten sie den Gästen auf Veranstaltungen und Tanzvergnügen in die Manteltaschen.«⁵
Helmuth Hübener wurde von einem Vorgesetzten denunziert und im Februar 1942 verhaftet. Das Quartett wurde vor dem Volksgerichtshof angeklagt und verurteilt, unter anderem wegen »landesverräterischer Feindbegünstigung«. Während Düwer, Schnibbe und Wobbe zu Gefängnisstrafen zwischen vier und zehn Jahren verurteilt wurden, erhielt Hübener die Todesstrafe. Der Vorsitzende Richter war SS-Oberführer Karl Engert, der den 17jährigen kurzerhand für volljährig erklärte, weil die Todesstrafe für Minderjährige nicht vorgesehen war. Helmuth Hübener war der jüngste Widerstandskämpfer, an dem ein Todesurteil des Volksgerichtshofs vollzogen wurde. Er wurde am 27. Oktober 1942 in der Hinrichtungsstätte in Berlin-Plötzensee ermordet.
Seit Ende der 1950er Jahre befasst sich der Journalist, jW-Autor und langjähriger Bundessprecher der VVN-BdA, Ulrich Sander, mit dem mutigen Mormonen. Er hat zahlreiche Bücher zu dem Widerstandskämpfer veröffentlicht. Im Jahr 2011 erläuterte er vor Schülern der »Stadtteilschule Helmuth Hübener« in Hamburg, wie schwer die ersten Recherchen Anfang der 1960er Jahre waren. »Drei lange Jahre dauerte es, bis ich Helmuths Akten kennenlernen durfte. Die Behörden in Hamburg und in Berlin/West, wo die Akten lagerten, weigerten sich zu helfen. Es war die Zeit, da hohe Nazis noch in allen Ämtern saßen. Da war man nicht daran interessiert, dass Namen bekannt würden – nicht von Opfern, schon gar nicht von Tätern.«⁶ Heute ist die Hübener-Gruppe fester Bestandteil der offiziellen Gedenkkultur in Hamburg und deutschlandweit. Ihre Geschichte wurde als »Truth & Treason« (USA, 2025) verfilmt.
Zurück zu Arthur Zander, Hübners damaligem Gemeindevorsteher der Mormonen in Hamburg. Er war NDSAP-Mitglied und sorgte dafür, dass der Widerstandskämpfer exkommuniziert wurde. Der Teenager habe gegen den 12. Glaubensartikel der Kirche verstoßen, der besagt, Mormonen haben den Regierungen eines Staates »untertan zu sein und dem Gesetz zu gehorchen«. Auch habe Zander am Gemeindehaus ein Schild mit der Aufschrift »Juden ist der Eintritt verboten« angebracht. Nach der Befreiung durch die Alliierten rehabilitierte die Kirche Hübener umgehend.
Ein Mitglied der LDS in Berlin stand unmittelbar im Dienst der Nazis. Wie in »Moroni and the Swastika« zu lesen ist, hat sich der Mann 1928 der SA angeschlossen und war zwischen März und Dezember 1933 im SA-Gefängnis Papestraße tätig. Dort soll er Dutzende Inhaftierte gefoltert und ermordet haben. Später war er bei der Feldpolizei eingesetzt, unter anderem in Łódź in Polen sowie in Jugoslawien und der Ukraine. Angehörige des Mannes fanden nach dem Krieg entsprechende »Feldpostkarten«.⁷
Überzeugter Nazi
Insgesamt dürfte es unter den Mitgliedern ähnlich viele Nazis und Sympathisierende gegeben haben wie im Rest der Bevölkerung, mit zwei Besonderheiten: Erstens dürfte der erwähnte Glaubensartikel für eine grundsätzlich unterstützende Haltung zum Regime gesorgt haben, auch weil immer wieder auf die weltanschauliche Nähe zwischen Faschismus und Mormonentum hingewiesen wurde. Dagegen geht zweitens aus Akten der Gestapo und des Sicherheitsdienstes (SD) hervor, dass die Mehrheit der Mormonen »kein Interesse an politischen Ereignissen« hätte. Die Unterlagen aus dem Bestand des Bundesarchivs in Berlin wurden systematisch erstmalig im Jahr 2024 von einem Forschungsteam der LDS-nahen »B. H. Roberts Foundation« aus den USA gesichtet und auch veröffentlicht.⁸
Josh Coates, Direktor der Stiftung, fasste in Deseret News (eine Tageszeitung aus Salt Lake City, die von einem Mormonen-Verlag herausgegeben wird, jW) zusammen: Die Unterlagen zeigten »das Misstrauen und die Verachtung der NS-Regierung gegenüber deutschen Heiligen«. Diese hätten sich »zwar gesetzestreu (verhalten), aber meist sorgfältig vom Nationalsozialismus distanziert«. In einem Memorandum für das »Amt Rosenberg« vom August 1938 wurde umfassend dargelegt, weshalb die Lehren der »jüdisch-christlichen Sekte« im »krassen Gegensatz zur nationalsozialistischen Weltanschauung« stünden. Obendrein sei »die Sekte international eingestellt« und vertrete »pazifistische Tendenzen«.
Insgesamt wird deutlich, wie ambivalent sich Gestapo und SS gegenüber den Mormonen positionierten. Weiter heißt es in den Akten: »Von seiten des deutschen Leiters der Mormonen wird ständig behauptet, dass die Sekte den NS-Staat anerkenne und auch im Ausland für ihn eintrete, die Lehren der Mormonen und der NS seien zwei Weltanschauungen, die sich sehr ähnlich sind.« Damit dürften insbesondere Äußerungen des Präsidenten des Ostdeutschen Distrikts zwischen 1938 und 1939, Alfred Cornelius Rees, gemeint sein. Der gebürtige US-Amerikaner war leidenschaftlicher Nazi und sah in den »neuzeitlichen Entwicklungen Deutschlands eine eindrucksvolle Parallele« zu seiner Kirche. Das schrieb er in einem ausführlichen Beitrag im Völkischen Beobachter vom April 1939 (siehe Kasten). Deutliche Kritik an Rees äußerte der Historiker und Experte für das Mormonentum im Nachkriegsdeutschland, der Universitätsprofessor Alan Keele. Er ist ebenfalls LDS-Mitglied und leitet den Lehrstuhl für Germanistik und Geisteswissenschaften an der kircheneigenen Brigham Young University in Provo, Utah. Keele polterte 2022 in einer Rezension für »Moroni and the Swastika«: Rees’ Artikel »heute zu lesen, ohne zu kotzen, verlangt, daß man viel Nachsicht für einen Missionspräsidenten aufbringt, der eifrig ein Regime befreunden wollte, von dem er offensichtlich begeistert glaubte, Gott habe es etabliert, um das Millennium einzuführen«.
Bei der Gestapo nahm man Rees dessen Unterstützung jedoch nicht ab, vielmehr vertrat man die Ansicht: »Es handelt sich hier um bewusste Verdrehung der Tatsachen. Wie bereits aus verschiedenen Punkten ersichtlich, ist die Lehre der Mormonen mit der nat.soz. Weltanschauung unvereinbar. (…) Erwiesen ist weiterhin, dass gerade die amerikanische Sektenleitung heute noch unverschämterweise gegen das n.s. Deutschland hetzt. Von einer deutschfreundlichen Einstellung kann daher keine Rede sein.«
Die Autorin Merit Petersen weist darauf hin, dass »kaum eine andere religiöse Gemeinschaft ihre Parallelen mit dem NS-Regime so vehement nach außen betonte« wie die Mormonen. »Dies war nicht nur vom Wunsch getrieben, die Existenz der eigenen Organisation zu sichern, sondern resultierte aus der Vorstellung, die weltanschaulichen Schnittpunkte seien Zeichen einer gottgewollten Entwicklung.«⁹ Zu solchen göttlichen Zeichen gehörte etwa die auf viele Kinder zielende Familienpolitik Hitlers oder die Idee Joseph Goebbels’, einmal monatlich zugunsten der Armen zu fasten.
»Unerwünschte Sekte«
Vielerorts, aber nicht flächendeckend wurden die Aktivitäten der Gemeinden überwacht. Ein Offizier vom SS-Oberabschnitt Elbe etwa sammelte Informationen zu zwei Missionaren aus den USA, die in Zeitz tätig waren. Es sei festgestellt worden, dass ein Mormone aus Idaho »sich sehr positiv zum Nationalsozialismus« geäußert habe. Bei dessen Kollegen aus Utah sei »bisher eine staatsfeindliche Betätigung gleichfalls nicht festgestellt« worden. Die zweijährige Missionstätigkeit junger Männer im Alter zwischen 18 und 25 Jahren gehört zu den wichtigen Aufgaben gläubiger Mormonen. Damals kamen sie in der Regel aus den USA. Ihr Einsatz endete jedoch abrupt im Sommer 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Die Kirchenleitung aus Salt Lake City wies alle im Reichsgebiet tätigen Missionare an, das Land umgehend zu verlassen. Auch die Flucht der Missionare wurde kürzlich unter dem Titel »Escape from Germany« (USA, 2024) verfilmt.
Beim »Sicherheitsdienst der SS« (SD) erwog man, die Kirche müsse eingeschränkt werden. Pflichtgemäß wurde ein Brief an die Gestapo verfasst. Zwar könne »der Sekte der Mormonen keine direkte Staatsfeindlichkeit nachgewiesen werden«. Trotzdem müsse die LDS aufgrund »ihrer internationalen Bindungen sowie weltanschaulichen Gegnerschaft als äußerst unerwünscht angesehen werden«.
Im Gegensatz zu den Zeugen Jehovas wurde die mormonische Kirche allerdings nicht verboten. Einzelne Gemeinden wurden jedoch derart drangsaliert, dass ein normales Gemeindeleben nicht mehr möglich war. Darüber hinaus mussten einige regionale Leiter kontinuierlich Auskunft geben über kirchliche Rituale, Gebetspraxis etc. In den 1950er Jahren blickte Richard Ranglack, damaliger Leiter im Missionsgebiet Ost, zurück: Er habe sich »fast jeden oder alle zwei Monate zum Polizeipräsidium Berlin, Abteilung Geheime Staatspolizei (begeben müssen), um Fragen in Kirchenangelegenheiten zu beantworten«.¹⁰ Insbesondere sei er zur Position seiner Kirche zur NSDAP, zur Hitlerjugend etc. befragt worden. »Das Singen von Liedern, die das Wort ›Zion‹ enthielten, wurde verboten.« Ranglack habe zusichern müssen, »dass alle Predigten rein religiöser Natur waren«. Die Gestapo bestand darauf, die Kirche müsse beim örtlichen Amtsgericht registriert werden, was auch geschah. Der enge Kontakt zur Gestapo in Berlin bewirkte mitunter, dass in anderen Städten, wo die örtliche Polizei mormonische Versammlungen verboten hatte, nach Bitten und Drängen die Versammlungen wieder stattfinden konnten.
Im Gegensatz zu Gestapo und SD erhoffte man sich bei der NSDAP auch Vorteile durch eine Zusammenarbeit mit der LDS. So hieß es im Januar 1939 in Der Hoheitsträger, einem Organ für die »Politischen Leiter« der Partei, »das Mormonentum (ist) ein für uns wertvoller Faktor in der Bildung der öffentlichen Meinung in Nordamerika«.¹¹ Mittler seien vor allem die im Reich tätigen jungen Missionare, »die (…) mit freundschaftlichem Verständnis für das neue Deutschland in die Heimat zurückgehen«.
Ambivalenz auch in den USA
Wie positionierte sich nun die Mutterkirche in den USA? Deren Führung leitete nicht nur die zwei Missionsgebiete im Deutschen Reich, sondern auch die Gemeinden in den von den Nazis überfallenen bzw. besetzten Ländern wie in Frankreich, den Niederlanden oder in Dänemark – und da war man auf die Deutschen nicht gut zu sprechen. In Salt Lake City gab es unterschiedliche Positionen. Deutliche Kritik an Hitler äußerte 1936 John A. Widtsoe aus dem Führungskreis der Kirche: »Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus können nach dem Grundsatz beurteilt werden: Alles, was auch nur im geringsten das Recht des Menschen gefährdet, für sich selbst zu handeln, ist nicht von Gott und muss von den Heiligen der Letzten Tage bekämpft werden.« Widtsoe kannte Deutschland gut, da er sich dort um die Jahrhundertwende als junger Mann selbst auf Mission befunden hatte. Ende der 1920er Jahren leitete er die LDS in Großbritannien und von 1929 bis 1933 oblag ihm die Leitung für ganz Europa. Als Mitglied im »Kollegium der Zwölf Apostel« gehörte Widtsoe dem zweithöchsten Gremium der Kirche an. 1937 besuchte der oberste Kirchenführer Heber J. Grant (1856–1945) Europa. Er kam auch nach Deutschland. Bei einer großen Versammlung vor Gläubigen in Frankfurt am Main hing im Hintergrund eine riesige Hakenkreuzfahne. In einer Studie der Brigham Young University heißt es, die Nazis hätten die Mormonen zum Aufhängen der Flagge »genötigt«.¹²
Eine ideologische Nähe zu den Nazis gab es dagegen bei Joshua Reuben Clark, der ab 1934 der »Ersten Präsidentschaft«, dem dreiköpfigen Führungsgremium der LDS, angehörte. Der US-amerikanische Historiker und Mormonenexperte Michael Quinn hat sich intensiv mit Clark befasst und bei ihm antisemitische, rassistische sowie antikommunistische Positionen herausgearbeitet, so habe er das Traktat »Die Weisen von Zion« verteilt. In Utah herrschte damals noch »Rassentrennung«, und Schwarzen war der Zugang zum mormonischen Priesteramt untersagt. LDS-Führer Clark widersetzte sich einem gleichberechtigten Zusammenleben von Schwarzen und Weißen und lehnte laut Historiker Quinn »Mischehen« entschieden ab. Noch 1949 soll Clark vom »Umgang mit der schwarzen Bevölkerung« abgeraten haben, »da ein solcher Umgang zu einer Heirat führt und die Nachkommen schwarzes Blut besitzen und daher den in unseren heiligen Schriften festgelegten Verboten unterliegen«. Das war der Rassenideologie der Nazis nicht unähnlich. Mitte der 1930er Jahre reiste Clark zweimal nach Deutschland und lobbyierte gegenüber dem Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht für die Interessen US-amerikanischer Kleinanleger. Später soll er Bitten zur Unterstützung von österreichischen Juden, die zum Mormonentum konvertiert waren, abgelehnt haben.¹³ In Utah existierte damals eine größere Gemeinschaft eingewanderter deutscher Mormonen. Unter ihnen gab es auch bekennende Nazis, wie Fotos in »Moroni and the Swastika« belegen. Einige Mormonen in Utah gehörten auch dem faschistischen »Amerikadeutschen Bund« an.
Wie kann das Verhältnis von Mormonen zum Nazistaat zusammengefasst werden? Das Spektrum war breit: Von der Anbiederung eines Alfred C. Rees über Mittäterschaft bis zur öffentlichen Verurteilung, wie durch Kirchenführer Widtsoe, und zum mutigen Widerstand der Gruppe um Helmuth Hübener. Insgesamt, so formulierte es Josh Coates, Forschungsleiter der »B. H. Roberts Foundation«, wandelte die Kirche in der Nazizeit auf einem »schmalen Grat zwischen vorsichtiger Unterwerfung und stillem Widerstand«.¹⁴
Anmerkungen
1 Ausführlich zur Begrifflichkeit »Kirchenkampf« bei Olaf Blaschke: Die Kirchen und der Nationalsozialismus, Reclam 2014, S. 135–145
2 Vgl. ebd., S. 247
3 Manfred Gailus: Gläubige Zeiten, Religiosität im Dritten Reich, Herder Verlag 2021, S. 15–20
4 David Conley Nelson: Moroni and the Swastika: Mormons in Nazi Germany, University of Oklahoma Press, 2015
5 Zitiert nach Ulrich Sander: Jugendwiderstand im Krieg. Die Helmuth-Hübener-Gruppe 1941/42. Pahl Rugenstein, Köln 2002, S. 18
6 Vgl. https://nrw-archiv.vvn-bda.de/texte/0865_schule.htm
7 Vgl. Nelson (wie Anm. 4), S. 265–271
8 Das Material (R 58/5686) ist veröffentlicht unter: https://bhroberts.org/projects/gestapo
9 Merit Petersen: Zeugen Jehovas und Mormonen im »Dritten Reich«. In: Galius/Nolzen (Hg): Zerstrittene »Volksgemeinschaft«. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, S. 134
10 Raymond Kuehne: Mormonen und Staatsbürger. Eine dokumentierte Geschichte der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in der DDR. Leipziger Universitätsverlag 2010, S. 18–19
11 Zit. nach Petersen (wie Anm. 9), S. 144
12 Vgl. »A Long-Awaited Visit: President Heber J. Grant in Switzerland and Germany, 1937«, BYU Studies, Volume 42, Issue 3, S. 14
13 Vgl. Nelson (wie Anm. 4), S. 154
14 Josh Coates: Newly published Nazi archives reveal the regime’s disdain for the Church of Jesus Christ. In: Deseret News, 12.11.2024, online: www.deseret.com/faith/2024/11/12/nazis-disliked-latter-day-saints/
»Eine eindrucksvolle Parallele«
»Das deutsche Volk, das seit dem Weltkriege ja selbst durch die Tiefe ging und das ebenfalls gezwungen war, sich auf seine eigenen Kräfte, auf die ihm innewohnende Entschlusskraft und auf seinen nie erlöschenden Glauben an die eigene Fähigkeit zu bauen, um seine Selbstachtung und den ihm gebührenden Platz unter den Nationen zu sichern, offenbart diesen gleichen vorwärtsstrebenden und vor keinen Widerständen zurückschreckenden Charakter. Darum offenbaren sich dem Schüler des Mormonismus die neuzeitlichen Entwicklungen Deutschlands als eine eindrucksvolle Parallele. (…)
Die Mormonen sind sprichwörtlich bekannt als praktische Gläubige und Vertreter der Heiligkeit des Heimes sowie der Gründung kinderreicher Familien. Unverändert sind sie schärfste Gegner der Geburtenbeschränkung, in der sie einen der Hauptfaktoren für den Untergang einer Rasse erblicken.
Der Arbeitsfleiß der Männer und Frauen Deutschlands erinnert an die ebenfalls sprichwörtlich gewordene Einstellung der Mormonen zur Arbeit. Brigham Young (nach Kirchengründer Joseph Smith die zweitwichtigste Persönlichkeit der Mormonen, F.O.) war es, der erklärte, daß der Müßiggänger nicht des Schaffenden Brot essen solle. (…)«
Auszug aus »Im Land der Mormonen« von Alfred C. Rees, Präsident der Ostdeutschen Mission zwischen 1938 und 1939, erschienen im Völkischen Beobachter, 14. April 1939
Florian Osuch schrieb an dieser Stelle zuletzt am 21. Januar 2026 über christlich-fundamentalistische Freikirchen: »Toxischer Glaube«
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