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Deutschrock

Stiefel lecken

Konformistische Rebellen im Ruhestand: Die Toten Hosen verabschieden sich mit einem Doppelalbum

Foto: Jens Büttner/dpa
Ach was, jetzt schon? – »Trink aus, wir müssen gehen«

Es ist üblich, dass in Zeitungen Neuigkeiten zu stehen haben. Manchmal aber auch die Kunde, dass Regen dabei bleibt, von oben nach unten zu fallen: Am selben Tag, als die autoritätshörige Hufeisennase Nicholas Potter ihren Wechsel von der Taz zu Springer verkündete, brachten Die Toten Hosen das Abschiedsalbum raus, das von ihnen zu erwarten war.

Wenig ist zu berichten von der Musik: Ein Stadionpunkrock, der in Zeitenwenden wie diesen dazu anhält, sich auf das Knalltrauma im Weltkrieg 3.0 zu freuen. Wer derlei Radioschrott mag, hebt freiwillig die Hände und klatscht bei Konzerten über Kopf, wählt also – alte Festivalweisheit – CDU.

»Meine Grundeinstellung ist: Lieber etwas zu früh aufhören als zu spät«, sagt Bundes-Campino der Welt im großen Interview zum Doppelalbum »Trink aus, wir müssen gehen« / »Alles muss raus!«. Selbst die Titel also sollen wörtliche Rede sein – was nicht wunder nimmt, wenn Welt und Welt an sich einem suggerieren, alles, was man herausposaune, sei auch hörenswert. Andreas Frege, Dauertalkshowgast im Öffentlich-Rechtlichen und 2024 Gastdozent der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität, weiß Worte zu schätzen. Nicht nur seine, wie er Potters Kollegen, gefragt nach seinem Dinnerauftritt im Bellevue beim Deutschlandbesuch des neuen britischen Königs, erklärt: »Ich fand Charles schon immer okay, auch als er noch Prinz war, weil ich seine Reden zu gesellschaftlichen Themen oft verfolgt hatte.« God Save the King! »Beim Staatsbankett im Bellevue hielt er auch eine großartige Rede, sprach über deutsch-britische Freundschaft und Versöhnung, Erinnerungskultur sowie den Krieg in der Ukraine, und zwar zur Hälfte auf Deutsch – für ihn gar kein Problem.« Punk, hört man da, ist gewiss nicht tot. Denn Tote können keine Stiefel lecken. »Und seine Reden, die er zuletzt bei seinem Besuch der USA zuerst vor dem Kongress und später beim Dinner vor Donald Trump hielt, als er über die Bedeutung von Demokratie und Gewaltenteilung sprach, vor Isolationismus und Nationalismus warnte – die waren meisterhaft.« Szepter raus, mit Krone da – Buckinghamer Antifa! »Das war politisch brisant, aber er hat da gewissermaßen mit dem Florett gefochten, und zwar so brillant, dass er damit all die Zweifler, die ständig nörgeln, wozu ein britischer König gut sein soll, eines Besseren belehrt. Er hat auf diese Weise gezeigt, warum die britische Monarchie als Vertretung ihres Landes durchaus wichtig sein kann. Das hat mich mit Freude erfüllt.« Und das ist ja dann nun mal die Hauptsache, dass der Campino was zum Freuen hat!

Sei’s auch zum Leidwesen aller anderen. Als hätten Fortuna-Fans nach dem Abstieg der Flingeraner in die dritte Herrenfußballliga nicht schon genug gelitten, gibt das 1982 gegründete Quintett ihrer Heimatstadt mit »Düsseldorf« ein Ständchen, das sich auch mit noch so viel Alt nicht schönsaufen lässt.

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Im Roman »Der Granatapfel« (1986) des Anfang dieses Jahres verstorbenen Autors Hermann Peter Piwitt findet sich der so gut geschriebene wie schlecht gemeinte Rat: »Den Zeitgeist orten. Und ihm dann wie eine Fahne voraus sein im Wind, den er macht. Nur so läuft es. Nur Narren verfehlen ihr einmaliges Leben im Kampf mit dem Geist der Zeit. Alle Schandtaten im Einklang mit ihm begehen, das ist das Geheimnis des Ruhms.« Von solchem Ruhm haben die Hosen einen Haufen, da kann man schon mal in Ruhestand gehen.

Sind sie dadurch »Schlechte Nachbarn«? Die Gated Community, die sie im Song beschreiben, ist fest in der Hand der AfD: »Es riecht nach Kaffee und nach frischen Waffeln / Das ganze Viertel ist zum Fest gekommen / Opa steht am Schießstand, er kann gut mit Waffen / Und ein Clown verteilt Luftballons / Auf der Bühne steht ein Heino-Double / Mama hat schon einen im Tee / Die Kleinen sind glücklich, sie kreischen und toben / Auf der Hüpfburg von der AfD.« Die Nachbarschaft mit Garagen voller BMWs, Mauer drum und Sicherheitsdienst begeht ein Dorffest? Gesponsert von einer Partei, die ihr zu schmuddelig und standortverschandelnd ist, weshalb sie grüne, rote und schwarze Parteien wählt, die lupenrein demokratisch die Politik der Blauen fahren? Solche, die wollen, dass auch die Kleinen, zumindest die der anderen, »gut mit Waffen« können?

Zu den Milieuwirren kommt die ungeklärte Deutschlandfrage in »Was ist mit uns los«: »Du sagst, du willst dein Land zurück, hast du vergessen, wie es war? / Mit all den Militärkonvois auf jeder Autobahn.« Es gibt historischen Präsens, aber wieso der Schmu, die Gegenwart im Präteritum zu schildern? »Du sagst, du willst dein Land zurück, ich versteh’ nicht, was du meinst / Das Dritte Reich von Hitler oder Deutschland in zwei Teilen?« Zwei Teile, könnte man meinen, sind zwei Länder. Und als das eine das andere auffraß, war der Weg zur Berliner Republik dieser Tage, mit ihrem Militarismus und den Hitlerfangemeinden allüberall.

Weil Charles III. gerade damit beschäftigt ist, in einem Akt der royalen Subversion die NATO beisammenzuhalten, richten es, so es »der liebe Gott« (Frege) will, andere Freiheitskämpfer des Westens: »Alles muss raus!« ist ein Album voll der Features. Vicky Leandros ist dabei, auch Alphaville, BAP, Hannes Wader, die unvermeidlichen Feine Sahne Fischfilet, Bettina Wegner und der uns an seiner Selbstliebe teilhaben lassende Wolf Biermann natürlich auch.

In aller lyrischen Grausamkeit trefflich ist, dass Thees Ullmann seinen Song »Junkies und Scientologen« mit Campino hierfür neu aufgenommen hat. Ullmanns »ungebrochenes Unverständnis gegenüber der Welt« ist königsgleich schon fast »zur Hälfte auf Deutsch« und gibt das konformistische Rebellentum der Hosen als Kapelle des meschuggenen Linksliberalismus von außen wieder: »Aber die Zukunft ist ungeschrieben / Die Zukunft ist so schön vakant / Und ich komme dich besuchen / Egal ob Stammheim oder Bundeskanzleramt.« Sofern Luisa Neubauer noch ein paar Jahre weiter Sachbücher schreiben will, könnten wir in letzterem auch Andreas Frege einziehen sehen, als über Kopf beklatschter Regierungschef der allseits schlechten Nachbarin BRD.

→ Die Toten Hosen: »Trink aus, wir müssen gehen« / »Alles muss raus!« (Jochens kleine Plattenfirma)

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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