Die Herkunft der Gerüchte
Geraune
Dass die Regierung in Teheran, wenn sie nur halbwegs rational handelt, die Bombe baut, ist unter den Politikwissenschaftlern der sogenannten realistischen Schule unumstritten. Die Überfälle der Amerikaner und Israelis ließen dem Land keine andere Wahl, so der Konsens von Leuten wie John Mearsheimer oder Robert Pape. Schon länger wurde gerätselt, warum das Land die Nordkorea-Option nicht früher gezogen hat. Vielleicht lag es tatsächlich an der persönlichen Überzeugung des alten Khamenei. Ende Februar schafften Trump und Netanjahu dieses Hindernis aus dem Weg. Nun geht das Gerücht um, dass der Iran die Bombe bereits gebaut habe.
Im Krieg gibt es drei Arten von Informationen: die der einen Seite, die der anderen und zwischen den Fronten eine Grauzone. Die einseitigen sind zuverlässig gefärbt bis rundheraus falsch. Als zutreffend kann nur gelten, was von beiden Seiten bestätigt wird. Trotzdem halten sich Agenturen und offizielle Presse an die einseitige Nachrichtenlage. Alles andere gilt als Spekulation.
Auch auf die Nachrichten aus der Grauzone ist unter den Bedingungen von sozialen Medien und nun auch KI kein Verlass. Jeder Versuch, Signal von Rauschen zu unterscheiden, begibt sich in den Bereich der Spekulation. Trotz allem gibt es drei Kriterien, um Fakten von Unfug wenigstens ein wenig zu trennen: Konsistenz, Plausibilität und Provenienz. Konsistent ist, was zum Bild im Ganzen passt. Als plausibel gilt, was Sinn ergibt. Gute Provenienz hat, was aus einer zuverlässigen Quelle stammt.
Das in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch verbreitete Nachrichtenbündel enthält drei Behauptungen. Erstens habe der Iran mit Hilfe eines ungenannten befreundeten Landes die Bombe bereits gebaut. Zweitens wird sich das Land auf keine weiteren Verhandlungen über den Verbleib des »nuklearen Staubs« einlassen, sich aus dem Atomwaffensperrvertrag zurückziehen und, sollte das Signal nicht verstanden werden, im eigenen Land einen Atomtest durchführen. Drittens wird Katar die USA zum Abzug aus ihren Basen auffordern, und Saudi-Arabien wird dasselbe tun. Würde all das zutreffen, wäre die geopolitische Landkarte Westasiens neu gezeichnet.
Das Problem der Gerüchte liegt in ihrer Herkunft. Konsistent wären die Informationen durchaus, passen sie doch zu der Tatsache, dass Saudi-Arabien kürzlich Soldaten aus Pakistan auf seinem Territorium hat stationieren lassen, was für Erstaunen gesorgt hat, im Licht der neuen Lage aber Sinn ergeben würde. Hinter Pakistan steht in Sicherheitsfragen China, was dem Vorgang noch zusätzlich Gewicht gibt. Plausibel wären die Nachrichten ohnehin, als Ergebnis des Krieges. Das Problem liegt bei der Quelle.
Ein Pakistani namens Zulfiqar Ali, mit glaubwürdig guten Kontakten zum Militär, hat den ehemaligen CIA-Analysten Larry Johnson und den Journalisten Pepe Escobar kontaktiert, um an die beiden weiterzugeben, was er von einem Admiral der pakistanischen Flotte erfahren haben will.
Larry Johnson hat sich in jüngster Zeit durchaus als zuverlässige Quelle erwiesen. Pepe Escobar wurde vor gut zehn Jahren sogar noch zu einem Vortrag im Berliner Haus der Kulturen der Welt eingeladen. Heute würde man dafür vermutlich die zuständige Kuratorin steinigen und die Finanzierung des Hauses überprüfen. Der Rest der Herkunft des Gerüchts bleibt fraglich. Gut möglich, dass es ähnlich wie bei den israelischen Atombomben erst einmal beim Hörensagen bliebe. Und trotzdem würde sich diese Erschütterung auf den weiteren Verlauf der Ereignisse auswirken.
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