junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Montag, 23. März 2026, Nr. 69
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 07.02.2026, Seite 12 / Thema
Ukraine-Krieg

Der Algorithmus des Krieges

Moskau ist in der Ukraine nicht auf Entscheidungsschlachten aus, sondern sieht Frontverläufe als Messgrößen eines Abnutzungsprozesses. Über Russlands kybernetische Kriegführung
Von Lars Lange
12_1.jpg
Die Drohnenproduktion wird zunehmend kriegsentscheidend (russischer Soldat an einem unbekannten Ort, 26.12.2025)

Westliche Analysten messen den Ukraine-Krieg in Metern pro Tag. Nach neuen Berechnungen des Center for Strategic and International Studies bewegen sich russische Streitkräfte seit Anfang 2024 mit durchschnittlich 15 bis 70 Metern täglich vorwärts.¹ Das sei langsamer als die Schlacht an der Somme 1916, heißt es in der Analyse. Der britische Telegraph sekundiert: »Russlands Streitkräfte rücken langsamer vor als jede andere Armee im letzten Jahrhundert.« (30.1.2026) Die Washingtoner Denkfabrik schließt daraus: Russland zahle einen außerordentlichen Preis für minimale Geländegewinne und entwickle sich daher zu einer Macht zweiten oder dritten Ranges. Diese Resultate verfehlten Moskaus Ziel, die Ukraine militärisch zu erobern, in entscheidender Weise.

Doch dieser Befund beruht auf einem kategorialen Fehler. Seit dem Frühjahr 2023 lässt sich an keiner Stelle der Front ein dokumentierter russischer Versuch erkennen, einen klassischen Durchbruch in die Tiefe des gegnerischen Raumes zu erzielen. Weder massierte Panzerbewegungen noch eine operative Phase der Erfolgsausnutzung sind zu beobachten. Das System ist offenbar nicht auf Offensive im westlichen Sinne ausgerichtet, sondern auf Kontrolle über das Kräfteverhältnis und das Schaffen von Ermüdungsräumen.

Was westliche Beobachter als fehlende Offensive interpretieren, ist möglicherweise ein anderes Verständnis von Effizienz: Es gibt keine »Winteroffensive«, sondern eine fortlaufende Regulierung der eigenen Wirkung. Russland betrachtet Frontverläufe nicht als Zielgrößen, sondern als Messgrößen eines Abnutzungsprozesses. Der Krieg wird als kontinuierlicher, kybernetischer Regelkreis geführt, in dem Verlust- und Wirkungskurven wichtiger sind als Raumgewinn.

Sollte diese Lesart zutreffen, ist der Krieg nicht auf Sieg durch Eroberung angelegt, sondern auf Sieg durch Systemresilienz: Es geht nicht darum, Territorium zu nehmen, sondern darum, welches System länger durchhält. Russland hält den eigenen Druck unterhalb jenes Kippunktes, an dem das eigene System instabil würde, während es versucht, das gegnerische System systematisch zu überlasten – bis dessen Logistik, Rekrutierung, Wirtschaft oder Kommandostruktur kollabieren. Der Krieg endet nicht durch Durchbruch, sondern durch Systemversagen der einen Seite.

Der Nebel lichtet sich

Diese Form der Kriegführung lässt sich als kybernetische Kriegführung bezeichnen: ein selbstregulierendes System, das durch Rückkopplung lernt und sich anpasst. Die konzeptionelle Grundlage dieser Kriegführung lässt sich auf den sowjetischen Militärtheoretiker Aleksandr Swetschin zurückführen. Für Swetschin war Strategie kein Plan, sondern ein dauerndes Reagieren auf die Veränderung der Gesamtlage. Wo Clausewitz die Entscheidungsschlacht ins Zentrum stellte, entwickelte Swetschin das Konzept eines Adaptionssystems. Krieg als kontinuierlicher Prozess strategischer Anpassung. In diesem Sinn ist die russische Kriegführung heute eher Swetschinisch als Clausewitzisch – Swetschin plus Digitalisierung.

Die theoretische Brücke dazu bildet Norbert Wiener, der Begründer der Kybernetik. Wiener definierte Kybernetik als Wissenschaft von Steuerung und Regelung durch Rückkopplung: Ein System beobachtet seine Umwelt, wertet Daten aus, passt sein Verhalten an. Kybernetische Kriegführung bedeutet: Der Krieg wird regelkreisbasiert geführt, um mit minimalem eigenem Einsatz maximale gegnerische Systemschäden zu erzeugen.

Der Unterschied zu früheren Versuchen, Krieg zu rationalisieren, ist fundamental. Während der damalige US-Kriegsminister Robert McNamara im Vietnamkrieg versuchte, militärischen Erfolg nachträglich zu mathematisieren – etwa durch Bodycount-Statistiken –, hat Russland den Krieg operativ algorithmisiert. Vom statistischen Bodycount zum Echtzeit-Datenfeedback. Man kann diese Kriegführung als digitalisierten, industriellen Destruktionsprozess beschreiben: Russland betreibt Krieg wie eine Fabrik – standardisiert, datengetrieben, seriell. Das Ziel ist nicht primär Territorium, sondern die planbare Erschöpfung gegnerischer Systeme. Diese Form der Kriegführung ist abstrakt und prozessual, deshalb oft unverständlich für westliche Beobachter, die Erfolg in Kilometern messen. Die russische Kriegführung operiert auf einer anderen Abstraktionsebene: Der Westen konzentriert sich auf Bestandsgrößen – etwa die Konkretion von Gebietskontrolle –, Russland hingegen auf Flussgrößen, das heißt auf das Verhältnis von Einsatz zu Wirkung über Zeit.

Das technische Rückgrat bildet ESU-TZ, ein russisches netzwerkbasiertes Führungssystem, das Einheiten, Aufklärungsmittel und Feuerwirkung in einem gemeinsamen Informationsfeld zusammenführt – vergleichbar westlichen C2-Systemen, aber auf Rückkopplung und Echtzeitanpassung optimiert. Sensoren füttern ein einheitliches Informationsfeld, Algorithmen und Modelle unterstützen die Priorisierung von Zielen, Feuerkräfte wirken mit deutlich verkürzter Latenz. Es bildet das computerbasierte Herz der kybernetischen Kriegführung.

Eine der präzisesten Selbstbeschreibungen dieser neuen Kriegsform stammt aus Russland selbst. Juri Balujewski, ehemaliger Generalstabschef der russischen Streitkräfte (2004–2008), und Ruslan Puchow, Direktor des Zentrums für Analyse von Strategien und Technologien, veröffentlichten im Dezember 2025 einen Aufsatz mit dem Titel »Digitaler Krieg – neue Realität«. Darin beschreiben sie, was sich in der Ukraine vollzieht.²

Die wichtigste Veränderung sei die vollständige Transparenz des Gefechtsfelds. Der »Nebel des Krieges« habe sich aufgelöst. Durch allgegenwärtige Drohnen, Satellitenkommunikation und vernetzte Sensoren entstehe eine einheitliche Informationsumgebung, die taktische, operative und strategische Ebenen funktional miteinander verschmelze. Die Grenzen zwischen diesen Ebenen würden verschwimmen. Die zweite fundamentale Veränderung: Das taktische Gefechtsfeld und die Tiefen des Raums bis zu vielen Dutzend Kilometern verwandeln sich in »Zonen totaler Vernichtung«. In diesen Zonen sei jede Bewegung, jede Konzentration von Kräften sofort sichtbar und angreifbar. Die Folge: extreme Zerstreuung und sehr niedrige Dichte der Kampfverbände.

Als Katalysator dieser Entwicklung nennt Balujewski die Einführung global verfügbarer Satellitennetze wie »Starlink«. Erstmals existiert damit eine durchgängige, skalierbare Informationsinfrastruktur, die eine Rückkopplung bis auf die unterste taktische Ebene ermöglicht. Die kybernetische Logik dieser Kriegführung ist kein theoretisches Konstrukt, sondern lässt sich empirisch beobachten. Beispielhaft seien hier drei Elemente genannt: die massenhafte Nutzung der »Geran«-Drohnen, der industrialisierte Einsatz von Gleitbomben und die Organisationsform der russischen Drohneneinheit Rubicon.

Neuer Typus Drohne

Die organisatorische Verkörperung kybernetischer Kriegführung ist die Drohneneinheit »Rubicon«. Sie wurde im August 2024 auf Anweisung von Verteidigungsminister Andrej Beloussow gegründet und ihm – anders als bei den für herkömmliche Drohnen zuständigen Verbänden – direkt unterstellt. »Rubicon« kombiniert Kampfführung, Entwicklung, Produktion und Erprobung in einem integrierten Modell mit Rückkopplungsschleifen. Das Zentrum der Einheit verfügt über eine eigene Entwicklungsabteilung, ein Trainingszentrum, eine Analytikabteilung und eigenständige Kampfeinheiten. Ein wesentlicher Teil der technologischen Entwicklungen stammt aus der sogenannten Volksverteidigungsindustrie – Einzelpersonen oder kleine Firmen, die auf eigene Initiative Technologie für die russische Armee entwickeln. »Rubicon« gibt diesen Entwicklern direktes Feedback zu aktuellen Bedürfnissen und Problemen. Bewährte Lösungen werden skaliert und in Massenproduktion überführt.

Das markanteste Beispiel sind Glasfaserdrohnen, die gegen elektronische Störmaßnahmen immun sind. Diese Systeme wurden zunächst in Kursk getestet und innerhalb weniger Wochen zum frontweiten Einsatz gebracht. Der entscheidende Unterschied zu klassischen Militärstrukturen: »Rubicon« experimentiert wie ein Startup – schnelle Tests, direkte Feedbackschleifen von der Front zur Entwicklung – kann aber erfolgreiche Lösungen mit staatlicher Autorität sofort über das gesamte Militär skalieren. Während die Ukraine innovativ von unten nach oben arbeitet, aber anscheinend Schwierigkeiten hat, Innovationen zu systematisieren, kann Russland bewährte Lösungen schnell über das gesamte Militär und die Rüstungsindustrie ausdehnen. »Rubicon« schlägt die Brücke zwischen beiden Ansätzen.

Alte Technik weiterentwickelt

Diese organisatorische Innovation entfaltet ihre Wirkung jedoch erst durch konkrete Waffensysteme, die in die kybernetische Logik eingebettet sind. So ist der massenhafte Einsatz russischer Gleitbomben eine funktionale Weiterentwicklung einer alten Waffe. Denn im Kern handelt es sich weiterhin um klassische Fliegerbomben sowjetischer Bauart, die mit vergleichsweise einfachen Gleit- und Steuerungssätzen versehen werden. Ihre industrielle Herstellung ist unkompliziert, die Produktionslinien existieren seit Jahrzehnten, die Stückkosten liegen deutlich unter jenen moderner Marschflugkörper. Entscheidend ist jedoch: Die Präzision dieser Waffen hat sich in den letzten Monaten deutlich erhöht. Anhand der Einschlagsmuster lässt sich erkennen, dass die Gleitbomben gezielt entlang definierter Verteidigungsstrukturen eingesetzt werden. Einschläge folgen Grabenverläufen, Unterständen, bekannten Sammelpunkten und rückwärtigen Verbindungsachsen. Ganze Frontabschnitte werden systematisch abgearbeitet – nicht flächig, sondern strukturiert.

Diese Präzision entsteht nicht allein aus der Technik der Bombe, sondern aus ihrer Einbettung in ein sensorisches Gesamtsystem. Drohnenaufklärung, Gefechtsfeldüberwachung und Rückmeldung aus vorherigen Einschlägen ermöglichen eine fortlaufende Anpassung der Zielparameter.

Die funktionale Rolle der Gleitbomben ist dabei klar umrissen. Sie dienen der gezielten Ausschaltung tief gestaffelter, befestigter Verteidigungsstellungen. Die ukrainische Verteidigung ist vielerorts jahrelang ausgebaut worden – mit Grabensystemen, Betonunterständen, gedeckten Wegen und rückwärtigen Stützpunkten. Genau diese Strukturen werden durch präzise Serien von Gleitbomben systematisch zerstört oder funktionslos gemacht.

Das Ergebnis ist eine Entwertung der Stellung, nicht zwingend ihre sofortige Aufgabe. Deckung verschwindet, Unterstände werden unbrauchbar, Logistikwege brechen zusammen. Die angreifende Infanterie wird dadurch mit einem qualitativ veränderten Gefechtsraum konfrontiert: Vorstöße erfolgen in eine bereits entkernte Verteidigung, mit deutlich reduzierten eigenen Verlusten.

In der Logik der kybernetischen Kriegführung ist die Gleitbombe damit kein grobes Instrument, sondern ein präzises Regelglied. Sie verbindet niedrige Kosten, hohe Einsatzfrequenz und zunehmende Treffgenauigkeit mit schneller Rückmeldung aus dem Gefecht. Wirkung wird nicht einmalig erzielt, sondern schrittweise optimiert. Die Gleitbombe steht exemplarisch für den Charakter dieses Krieges: alt in ihrer Grundform, hochpräzise in der Anwendung, eingebettet in einen kontinuierlichen, datengetriebenen Abnutzungsprozess. Sie ist kein Zeichen technologischer Rückständigkeit, sondern Ausdruck einer Kriegführung, die Effizienz über technische Perfektion stellt.

Kollaps als Ziel

Während die Gleitbombe gegen befestigte Strukturen wirkt, zielt ein zweites System auf die Infrastruktur dahinter. Die »Geran«-Drohne – die russische Variante der iranischen »Shahed-136« – verkörpert das Prinzip industrieller Kriegführung. Nach ukrainischen Angaben wurden seit 2022 bis zu 120.000 dieser Systeme eingesetzt. Im Laufe des Jahres 2025 durchlief die »Geran« mehrere technologische Evolutionsstufen. Seit dem Sommer stattet Russland die Drohnen serienmäßig mit chinesischen Mesh-Netzwerk-Modems und Frontkameras aus. Diese Technologie ermöglicht erstmals Angriffe auf bewegliche Ziele – etwa Lokomotiven und Eisenbahnzüge. Was ursprünglich als strategische Waffe für statische Ziele konzipiert war, entwickelt sich zur vielseitigen Waffenplattform.

Noch aufschlussreicher ist die taktische Verwendung. Im Juni 2025 änderte Russland seine Angriffsstrategie fundamental. Statt unregelmäßiger Wellen etablierte Moskau ein kontinuierliches Grundrauschen von 50 bis 100 »Geran«-Drohnenflügen pro Tag, ergänzt durch wöchentliche Massenwellen von über 500, teilweise über 800 kombinierten Angriffen aus Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern. Diese Kombination aus ständiger Belastung und periodischen Übersättigungsangriffen ist keine improvisierte Taktik, sondern kontrollierte Systemsteuerung.

12_2.JPG
Die Zerstörung der Infrastruktur soll den Gegner zermürben (Kraftwerk in Kiew nach russischem Drohnenangriff, 4.2.2026)

Die drastische Wirkung dieser seriellen Destruktion zeigte sich besonders Anfang Februar 2026. Nach monatelangen systematischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur erlebte die Ukraine einen landesweiten Stromausfall, der sogar Teile des benachbarten Moldau lahmlegte. Selbst die Kiewer Metro stand still. Die Situation wurde als »apokalyptisch« beschrieben.

Der Kollaps ist kein Zufall, sondern das vorhersehbare Resultat industrieller Kriegführung. Die Ukraine verfügt nur noch über elf Gigawatt Stromkapazität, benötigt im Winter aber 16 bis 18 Gigawatt. 70 bis 90 Prozent der verbleibenden Energie stammen aus Atomkraftwerken, die bei dem Blackout teilweise heruntergefahren werden mussten.

Die »Geran« ist also keine Raumwaffe. Sie dient nicht der Eroberung von Territorium, sondern der serienmäßigen, skalierbaren Erzeugung von Wirkung gegen gegnerische Systeme bis zu deren Kollaps. Das ist kybernetische Kriegführung in ihrer klarsten Form: permanenter Druck, kontrollierte Intensität, messbare Zermürbung, systemisches Versagen. Doch die »Geran« operiert primär im strategischen Raum – gegen Industrieanlagen, Kraftwerke und Stromnetze, städtische Infrastruktur. Zwischen dem unmittelbaren Gefechtsfeld und dieser strategischen Tiefe blieb lange eine Lücke. Diese will Moskau nun schließen.

»Zonen totaler Vernichtung«

Denn mit der Einführung einer neuen Drohnenkategorie mittlerer Reichweite verschiebt sich die Geometrie des Gefechtsfelds fundamental. Die russische »Shahed-107« mit 300 Kilometer Reichweite füllt die Lücke zwischen taktischen FPV-Drohnen (FPV steht für First Person View, Drohnen mit Kameras, die aus einer Ich-Perspektive gesteuert werden, jW) und strategischen Langstreckenwaffen. Sie ist extrem einfach gebaut, kostet vermutlich deutlich unter 10.000 Euro und zielt auf Versorgungsdepots, Kommandoposten und bewegliche Ziele in einer Tiefe von 100 bis 300 Kilometern hinter der Front.

Damit können Balujewskis »Zonen totaler Vernichtung« weit in das ehemalige Hinterland verschoben werden. Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man zwischen zwei Formen militärischer Gewaltanwendung unterscheiden: Stoßwelle und Druckwelle. Eine Stoßwelle ist ein kurzzeitiger, konzentrierter Gewaltimpuls. Hoher Einsatz von Feuerkraft in kurzer Zeit, Fokus auf lokalem Durchbruch, deutlich erhöhte Eigenexposition. Ziele sind dabei die schnelle Änderung der Lage, Raumgewinn und Exploitation. Das ist klassischer Manöverkrieg. Eine Druckwelle dagegen wirkt über längere Zeit und große Fläche. Statt konzentrierter Explosion entsteht ein permanenter, steuerbarer Druck. Die Angriffe verteilen sich über einen weiten Raum, jeder einzelne Schlag bleibt dosiert, wird wiederholt und moduliert. Große Verbände exponieren sich nicht. Das Ziel ist nicht Durchbruch, sondern Zermürbung: Die gegnerischen Ressourcen werden Schritt für Schritt aufgezehrt, seine Reaktionsfähigkeit getestet und erschöpft.

Die »Zonen totaler Vernichtung« entstehen nicht durch Stoßwellen, sondern Druckwellen.

Das Gefechtsfeld lässt sich mittlerweile in konzentrische Ringe permanenten Drucks unterteilen. Der innerste Ring, null bis 30 Kilometer von der Frontlinie, ist zur absoluten Todeszone geworden. In diesem Bereich ist Fahrzeugbewegung kaum noch möglich. Der mittlere Ring, 30 bis 300 Kilometer tief, wird durch Systeme wie »Shahed-107«, »Molnija« oder »Italmas« beherrscht. Diese Zone galt bisher als sicherer rückwärtiger Raum für Kommandoposten, Logistikzentren und Truppensammlungen. Der äußere Ring wird durch strategische Waffen wie die »Geran-2« abgedeckt, die Ziele in weit über 1.000 Kilometern Entfernung erreichen.

Das Entscheidende: Diese Zonen erzeugen keinen Raumgewinn. Sie erzeugen Systemdruck. Der klassische Grundsatz, dass Führung durch räumliche Distanz geschützt werden kann, funktioniert nicht mehr. Das Konzept des rückwärtigen Raums löst sich auf. Damit wird der gesamte Raum bis 300 Kilometer hinter der Front zu einer kontinuierlichen Druckzone – sie wird nicht erobert, aber durch permanente Bedrohung funktional kontrolliert.

Stärke durch Entkopplung

Diese räumliche Durchdringung des Gefechtsfelds bleibt nicht ohne Konsequenzen für bisher übliche militärische Konzepte. Die Auflösung des klassischen Gefechts der verbundenen Waffen ist eine der am wenigsten verstandenen Konsequenzen kybernetischer Drohnenkriegführung. Das zeigt sich exemplarisch an einer Aussage des britischen Militäranalysten Jack Watling vom Royal United Services Institute. Im vergangenen Jahr schrieb Watling in einer Studie: »FPVs sind besonders effektiv, wenn sie mit anderen Waffengattungen kombiniert werden.«³

Die russische Eliteeinheit »Rubicon« zeigt jedoch, wie Drohnen tatsächlich am effektivsten wirken: nicht kombiniert, sondern entkoppelt. »Rubicon« operiert eigenständig, führt eigene Aufklärung durch und wählt eigene Ziele aus – ohne jede taktische Bindung an eine Brigade, ohne Manöverziel, ohne Verbindung zu »kombinierten Waffen«. Die Wirkung entsteht genau aus der Entkopplung, nicht aus Integration. Dezentralisierung, Masse statt Koordination, permanente Bedrohung 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. »Rubicon« ist ein autonomes Vernichtungscluster.

Dabei beruht das Gefecht der verbundenen Waffen auf Schwerpunktsetzung, Bewegung, Überraschung, zeitlicher Koordination und gegenseitiger Deckung. Panzer schützen die Infanterie, die Infanterie sichert die Panzer, die Artillerie bereitet vor, alle Elemente wirken synchronisiert. Doch genau diese Prinzipien funktionieren auf dem transparenten Gefechtsfeld nicht mehr, denn jeder Schwerpunkt wird sofort entdeckt. Bewegung jeglicher Art zieht Drohnen an, ein Überraschungsmoment existiert nicht mehr. Koordination bedeutet Massenansammlung, und Massenansammlung wird zum Ziel für FPV-Clusterangriffe. Panzer sind primäres Jagdobjekt, Infanterie kann sich kaum bewegen. Das Gefecht der verbundenen Waffen löst sich in seine Einzelteile auf, weil die Voraussetzung – begrenzte Sichtbarkeit – nicht mehr existiert.

Watlings Fehler ist symptomatisch für westliches Denken: Er versucht, neue Technologie in alte Konzepte zu pressen. Doch Drohnen funktionieren nicht als Ergänzung zum Gefecht der verbundenen Waffen. Sie ersetzen es.

Sind Panzer überholt?

Auch die Krise der Panzer wird im Westen meist als Problem mangelnden Schutzes interpretiert. Das ist falsch. Das Problem ist struktureller Natur. Panzer wurden als geschützte Plattformen für »Feuer in direkter Sicht« entwickelt. Der Panzer muss das Ziel sehen, um es zu bekämpfen. Drohnen dagegen benötigen keine direkte Sicht mehr – sie operieren über Distanz, gesteuert aus Dutzenden Kilometern Entfernung, gegen Ziele, die der Operator nur über einen Videofeed sieht. Diese Asymmetrie ist entscheidend: Auf dem transparenten Gefechtsfeld wird der Panzer gesehen und angegriffen, bevor er selbst in Feuerreichweite ist.

Im August 2025 entdeckte die ukrainische Aufklärung innerhalb von 70 Kilometern von der Frontlinie nur 23 russische Panzer, verglichen mit 470 Panzern auf der südlichen Achse allein im Mai 2023. Panzer sind nicht verschwunden, weil sie verwundbar sind – sie sind weitestgehend verschwunden, weil sie für einen industriellen Destruktionsprozess zu teuer und zu exponiert sind. Der gleiche Effekt – Zermürbung gegnerischer Kräfte – lässt sich mit kleineren, besser steuerbaren Mitteln erzielen. Panzer sind primär Werkzeuge des Manöverkriegs. Für die kybernetische Kriegführung sind sie ungeeignet.

Die Obsoleszenz der Panzer ist nur das deutlichste Symptom eines umfassenderen Paradigmenwechsels. Westliche Militärdenker verstehen diesen Wandel nicht, weil er ihre grundlegenden Kategorien in Frage stellt. Kybernetische Kriegführung, molekulare Gefechtsfelder, autonome Vernichtungscluster, Auflösung der operativen Tiefe und Sensor-Effektor-Netze als Primärwaffe sind im Westen unverstandene Begriffe und Konzepte.

Der Krieg in der Ukraine ist kein Schlachtfeld im klassischen Sinn mehr. Er ist ein regelbasierter Prozess, in dem Intensität, Frequenz und Wirkung fortlaufend justiert werden. Entscheidend ist nicht der maximale Einsatz von Gewalt, sondern ihre Steuerbarkeit. Die Kämpfe in der Ukraine könnten dabei Teil eines längerfristigen Lern- und Anpassungsprozesses des russischen Militärs sein. Der eigentliche Bruch mit der bisherigen Kriegführung liegt daher nicht nur in einzelnen Waffengattungen oder Taktiken, sondern im Übergang von einer auf Schlachten fokussierten Kriegführung hin zu einer prozessualen. Wer den Ukraine-Krieg weiterhin in Kilometern misst, verfehlt seine Logik.

Anmerkungen

1 Vgl. »Russia’s Grinding War in Ukraine«, https://www.csis.org/analysis/russias-grinding-war-ukraine, 7.1.2026

2 Vgl. https://globalaffairs.ru/articles/czifrovaya-vojna-baluevskij-puhov/

3 »Emergent Approaches to Combined Arms Manoeuvre in Ukraine«, https://www.rusi.org/explore-our-research/publications/­insights-papers/emergent-approaches-combined-arms-­manoeuvre-ukraine, 23.10.2025

Lars Lange schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 25./26. Oktober 2025 über den ­militärischen Gebrauch KI-gestützter Systeme: »Tod auf vier Beinen«

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

  • Leserbrief von Joachim Fröhlich (17. Februar 2026 um 11:42 Uhr)
    Vorab entschuldige ich mich bei allen Freunden der Strategiespiele Schach und Go, die seit jeher mit ihrer magischen Vielfalt und Tiefe faszinieren. Aber so ist es nun mal: Schach trägt den Geist klassischer Manöverkriege in sich, in denen feindliche Truppen unterschiedlicher Gattungen in Stoßwellen übereinander herfallen, um gegnerische Linien zu durchbrechen und Kommandozentralen auszuschalten, eine Schlacht wie eine Schachpartie nach der anderen. Auf moderne, kybernetische Kriegsformen, die in Druckwellen verlaufen, lässt sich das Schachmodell nicht übertragen. Hier bietet sich das Go‑Modell als eine Art gegenseitige Regulation zweier kybernetischer Systeme an. Diese versuchen auf dem gesamten Feld über Eingriffe mit gleichwertigen Spielsteinen eigene Gruppen zu verbinden und in raumgreifenden, globalen Gebietsmustern zu stabilisieren. Gegnerische Gruppen hingegen sollen geschnitten und destabilisiert werden. Ziel ist der Gewinn von kontrolliertem Gebiet. Dabei geht es um Leben (生, sei) und Tod (死, shi) der Spielsteine in komplexen, zirkulären und daher nichtlinearen Zusammenhängen. Die wettstreitenden Systeme bilden im Verlauf eines Go‑Spiels langsam ein stabiles Verhältnis an Gebietspunkten aus.
    Wahrhaftige Go‑Meister spielen nicht, um den Stärkeren zu bestimmen, und schon gar nicht, um den Schwächeren zu vernichten. Sie spielen, um die Schönheit des Go‑Spiels und die Ausbildung von Gebietsmustern in Balance zu genießen. Und das wiederum hat nichts zu tun mit einer Form kybernetischer Kriegsführung, die auf langwirkende Druckwellen, großflächige Zerstörungen und Systemresilienz setzt, falls diese Lesart des Vorgehens von Russland in der Ukraine zutrifft. Dafür sprechen allerdings viele Anzeichen und gute Argumente von Lars Lange.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (9. Februar 2026 um 12:10 Uhr)
    Der Ukraine-Krieg verdeutlicht eine klassische Erkenntnis der Militärgeschichte: Staaten brechen selten in einem einzigen Gefecht zusammen. Entscheidend ist vielmehr, ob ihre ökonomischen, gesellschaftlichen und politischen Systeme die Dauerbelastung tragen können. In solchen Konflikten wird militärische Stärke untrennbar mit wirtschaftlicher Resilienz und politischer Durchhaltefähigkeit verbunden. Letztlich geht es weniger um spektakuläre Offensiven als um die nüchterne Frage der Nachhaltigkeit. Wer Ressourcen besser regenerieren, Verluste schneller ausgleichen und gesellschaftliche Stabilität bewahren kann, verbessert seine strategische Position – selbst bei geringen täglichen Geländegewinnen. Der Ukraine-Krieg ist daher nicht nur ein Kampf um Territorium, sondern ein Wettbewerb der Systeme. Ob daraus eine Entscheidung, ein eingefrorener Konflikt oder eine neue europäische Sicherheitsordnung entsteht, hängt maßgeblich davon ab, welche Seite die Logik der Erschöpfung länger aushält.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Enrico Mönke aus Ottenhagen (8. Februar 2026 um 23:07 Uhr)
    Wenn es bei der »kybernetischen Kriegsführung« nicht mehr primär um Raumgewinn geht, sondern darum, dass der Gegner den Kampf vor Erschöpfung aufgibt, so ist am Ende die ökonomische Potenz ausschlaggebend für den Ausgang des Krieges. Zum Zusammenhang von Wirtschaftskraft und militärischem Erfolg hat Lars Lange aber kein einziges Wort verloren. Darum sei hier an Paul Kennedys überzeugende Studie über 500 Jahre Krieg (»Aufstieg und Fall der großen Mächte«) erinnert: Jede militärische Macht ist existentiell mit der eigenen Nationalökonomie verbunden. Je länger ein Krieg dauert, umso mehr kämpft ein BIP x gegen ein BIP y. Industrie, Rüstung und militärischer Erfolg hängen eng zusammen. Russland kämpft bekanntlich nicht gegen die Ukraine, die ist schon lange pleite, sondern gegen den wie auch immer versammelten »Westen«. Von dem hat nur allein die BRD das doppelte BIP von Russland (ca. 4,6 Bill. versus ca. 2,2 Bill. USD). Der Bundeshaushalt beträgt ca. 500 Mrd. Euro versus ca. 400 Mrd. Euro. Während in Deutschland schon bei 5 Prozent Rüstung der soziale Frieden beschworen wird, belaufen sich die Rüstungsausgaben in Russland auf sage und schreibe 40 Prozent! Wie lange kann eine Nation diesen Aderlass verkraften? Lars Lange mag über den russischen Einsatz von ESU-TZ, Geran, Rubicon etc. beeindruckend referieren. Aber gerade die »Erschöpfungsstrategie« scheint mir bei diesem verheerenden ökonomischen Kräfteverhältnisse für Russland eine bedrohliche Sache. Genau auf diese Karte scheint mir auch, von Lange unerwähnt, der europäische Teil vom »Westen« zu setzten, mag er auch sonst an »unverstandenen Begriffen und Konzepten« kranken. Der »Königsfrieden« von 386/387 v.u.Z. war im Übrigen auch ein Erschöpfungsfrieden – für alle Beteiligten: Das erschöpfte Sparta suchte bei den erschöpften Athen, Argos, Korinth und Theben um einen den ergebnislosen Krieg beendenden Frieden. Wie aber kann Russland den ganzen »Westen« erschöpfen wollen?
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Wolfgang Pätzold (9. Februar 2026 um 11:37 Uhr)
      Vielen Dank für den Literaturhinweis und Ihre Einschätzung zum Zusammenhang von Wirtschaftskraft und militärischem Erfolg, die als Planspiel sicherlich auf dem Tisch läge, wenn der »europäische Westen« – wie Oberst Marcus Reisner in zahlreichen Wortmeldungen, auch in den Öffentlich-rechtlichen, vorgerechnet hat – »all in« gehen würde. Dies ist, gottlob, noch nicht der Fall. Die Geschichte der Jahre 1812 und 1941ff zeigt aber auch, dass Kriege mit Russland mindestens die Variablen Tiefe des rückwärtigen Raums und Klima zu bedenken haben, die bei entsprechenden militärischen Versuchen für kriegsentscheidende Erschöpfung gesorgt haben. Eine Literaturempfehlung dazu? Theodor Plievier: Stalingrad.
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Michael Meier von Rouden aus Berlin (9. Februar 2026 um 13:51 Uhr)
        Bessere Literaturempfehlung: Wilhelm Adam: Der schwere Entschluß. (Oberst a.D. Wilhelm Adam war 1. Adjutant der 6. Armee gewesen)
    • Leserbrief von eastgermannative aus Lichtenau (9. Februar 2026 um 11:17 Uhr)
      Vergleiche zwischen realem BIP, d. h. realer industrieller Produktion in den entscheidenden Sparten wie Stahl-, Energie-, Maschinenbau-, Antriebssysteme, incl. nicht kompromittierter Chips sind entscheidend. Da sieht das Kräfteverhältnis schon anders aus. Beachten sie auch bitte den Drachen (China) im Hintergrund, der noch – da gebe ich ihnen recht – noch viel zu wenig Feuer spuckt. Eine finanzialisierte Wirtschaft verliert gegen eine reale Industriemacht. Und noch etwas kommt hinzu: die Bandera-Ukraine hat bis jetzt die über eine Million (!) KIAs verkraftet, kein Staat in der EU wird das im Inneren überleben, keiner, es ist einfach unvorstellbar. Deshalb besteht die bittere Erkenntnis darin, dass die Ukrainer als eigentlich russischer Staat die einzige Macht waren, die es überhaupt von der Mentalität her mit Russland aufnehmen konnte, und in dieser Sichtweise auch wird mehr als deutlich, dass die angelsächsische Finanzoligarchie es geschafft hat, die russische Welt zu spalten. Deshalb ist die Einschätzung, dass dieser Krieg auch ein Bürgerkrieg ist, korrekt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in André Möller aus Berlin (7. Februar 2026 um 09:38 Uhr)
    Klasse Analyse! Wer das hier verstanden hat, manövriert jeden »Militärexperten« des Mainstreams aus und kann eigenständig den Kontext des Kriegsverlaufs deuten. Für mich schließen sich mit diesem Text ein paar Lücken im Verständnis zum Kriegsverlauf. Die Ukraine hat militärisch und damit politisch keine Chance. Jeden Tag schwindet ihre Perspektive, noch eine günstige Entwicklung zu erreichen. Außerdem ist meines Erachtens Russland letztendlich dazu »verurteilt«, nach dem Zusammenbruch der Ukraine bis Odessa und Transnistrien vorzudringen und die Restukraine auf Galizien zu beschränken. Insbesondere Odessa kann nicht bei der Restukraine bleiben, ich halte das für völlig ausgeschlossen. Der Krieg wird so lange dauern, bis die Ukraine kollabiert oder einsieht, dass sie politisch handeln muss.

Ähnliche:

  • Denis Kapustin spricht nahe der Front in der nördlichen Ukraine ...
    31.12.2025

    Neonazi »White Rex« getötet

    Durch eine russische Drohne: Der für die Ukraine kämpfende Kommandeur des »Russischen Freiwilligenkorps«, Denis Kapustin, ist in Saporischschja gestorben
  • Das Netz hat nicht gegen die Drohnen genützt: Zerstörter ukraini...
    17.11.2025

    Vormarsch im Nebel

    Ukraine: Russische Armee verzeichnet neue Geländegewinne. Korruptionsskandal weitet sich aus, Selenskij vereinbart Gaslieferungen
  • Polen macht auf Ernst: Premier Donald Tusk spricht am Donnerstag...
    12.09.2025

    Drohnenvorfall zieht Kreise

    Warschau schließt Grenze zu Belarus und schickt Truppen. Kiew bietet NATO Expertise an