Selbstverständlichkeit als »Skandal«
Von Leon Wystrychowski
Am Wochenende zeigte die Staatsgewalt in Weimar sichtbare Präsenz. Polizeieinheiten bezogen Stellung in der Innenstadt und fuhren Patrouille. Im Umfeld der Gedenkstätte Buchenwald auf dem Ettersberg standen Einsatzfahrzeuge bereit; Beamte liefen entlang des Stacheldrahtzauns Streife. Hintergrund war, dass neben dem offiziellen Gedenken zum 81. Jahrestag der Selbstbefreiung des ehemaligen Konzentrationslagers in diesem Jahr auch die Kampagne »Kufijas in Buchenwald« (KiB) zu einem eigenständigen Gedenken auf dem ehemaligen KZ-Gelände aufgerufen hatte. Das war jedoch von den Behörden untersagt worden. Eine Eilklage gegen das Verbot scheiterte.
Den Organisatoren war statt dessen »angeboten« worden, in der Weimarer Innenstadt eine Kundgebung abzuhalten. Dagegen wiederum hatte ein proisraelisches Bündnis aus Deutsch-Israelischer Gesellschaft, CDU, FDP, SPD und Grünen mobilisiert. Auf dieses »Spiel« wollte KiB sich nach eigenen Angaben nicht einlassen.
Statt dessen sammelten sich am Sonnabend, dem eigentlichen Jahrestag, früh am Tag mehrere jüdische Aktivisten auf dem ehemaligen KZ-Gelände. Sie trugen T-Shirts mit der Aufschrift »Jews Against Genocide« und »From Buchenwald to Gaza – Resistance until Liberation«. Rachael Shapiro, Nachkommin von Holocaustüberlebenden und aktiv im International Jewish Antizionist Network (IJAN) und bei KiB, erklärte, »so wie die Gefangenen von Buchenwald ihre Befreiung auf diesem Boden erlangten«, glaube sie daran, dass man »die vollständige Befreiung Palästinas« erleben werde. Die Aktion lief ohne Störung friedlich ab.
Im Anschluss fand eine von KiB organisierte Führung über das KZ-Gelände statt, bei der über die Geschichte Buchenwalds und des dortigen Widerstands informiert wurde. Um ein Einschreiten zu vermeiden, wurden dabei keine Kufijas getragen, die nach Angaben der Gedenkstätte am Wochenende verboten waren. Ebenfalls zum KiB-Programm gehörte eine Tagung, die am Nachmittag begann. Das erste Panel umfasste drei Vorträge: zur zionistischen und bundesdeutschen Instrumentalisierung des Holocaust, zu den Kontinuitäten deutscher Kolonial- und Genozidpolitik und zur Aktualität antifaschistischer Politik. Im zweiten Teil wurde die Kampagne selbst vorgestellt. Das Kernanliegen sei die Forderung »Nie wieder Faschismus, nie wieder Genozid«, die universale Geltung haben müsse. Shapiro berichtete, dass diese Forderung von ihren Genossen im Ausland als geradezu langweilig aufgefasst worden sei. Nur in Deutschland könne man mit dieser Selbstverständlichkeit einen »Skandal« auslösen.
Am Sonntag verzichtete KiB auf eine eigene Mahnwache. Allerdings nahmen einige der Aktiven an einer Kundgebung der DKP am Glockenturm teil. Hier war auch der russische Botschafter willkommen, der am offiziellen Gedenken nicht teilnehmen konnte. Als Mitarbeiter der Gedenkstätte intervenierten und behaupteten, er habe Hausverbot, mussten sie darauf hingewiesen werden, dass das nicht für den Bereich am Glockenturm gelte. In mehreren Rede- und Liedbeiträgen wurde Bezug auf den Völkermord in Palästina genommen. Thomas G., aktiv im Verein Jüdische Stimme und Sohn eines Auschwitz-Überlebenden, geißelte den Genozid in Gaza, die israelischen Überfälle auf die Nachbarländer und den Krieg gegen den Iran als »Ausdruck faschistischer Politik«.
Die zweistellige Zahl von Gegendemonstranten war umsonst angereist. Sie schwenkten eine bunte Auswahl aus Israel-, Schah-, US-, Deutschland- und »Antifa«-Fahnen und zeigten unter anderem Plakate mit einem angedeuteten Hitler, der eine Kufija trägt.
Beim offiziellen Gedenken sprachen erstmals keine Überlebenden des KZ. Statt dessen kam Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (CDU) zu Wort. Gegen seinen Auftritt hatte es zuvor Protest gegeben. Gedenkstättenleiter Jens-Christian Wagner hatte sich jedoch offiziell hinter Weimer gestellt. Er wurde allerdings mit »Alerta Antifascista«-Rufen begrüßt, und während seiner Rede stimmten einige Zuhörer das Buchenwaldlied an.
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