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Aus: Ausgabe vom 08.04.2026, Seite 10 / Feuilleton
Theater

Komm mit in den Dolphin Club

Schmerz, Sehnsucht, gute Laune: Bastian Kraft adaptiert Andersens »Kleine Meerjungfrau« am Thalia-Theater Hamburg
Von Eileen Heerdegen
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Im Reich der weiblichen Schwänze: Arielle

You leave in the morning with everything you own in a little black case / Alone on a platform, the wind and the rain on a sad and lonely face.« (Bronski Beat, »Smalltown boy«)

»Die kleine Meerjungfrau« von Hans Christian Andersen, die für die Hoffnung auf Erfüllung ihrer Liebe Zuhause und Stimme opfert, furchtbare Qualen erträgt und am Ende scheitert, und der mehr als 100 Jahre nach Andersens Tod 1875 entstandene »Smalltown boy« von Bronski Beat – ein Song kann ein ganzer Soundtrack sein. Soviel Schmerz und Sehnsucht. Victoria Trauttmansdorff trägt im Hamburger Thalia-Theater ihre Version vor, dunkle Stimme statt Jimmy Somervilles Falsett, weniger verzweifelt, kraftvoll und wütend zum treibenden Beat.

Zunächst aber wird sie vor dem Schminkspiegel zur Großmutter der Mermaid, danach zum Bademeister, später zum Dragking. Verwandlung, nicht Verkleidung, ist das Thema des Abends. Deshalb singen, tanzen und erzählen neben Trauttmannsdorff Moné Sharifi und Julian Greis aus dem Theaterensemble, Gast Elias Arens und die Berliner Dragqueens Olympia Bukkakis und Judy Ladivina, sowie Hamburger Jung’/Deern Leona London entlang des Märchens todtraurige Geschichten von Transformation und Selbstfindung.

Neben dem Zinnsoldaten, dem kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern und dem sterbenden Weihnachtsbaum ist die kleine Meerjungfrau eine der traurigsten Erfindungen des traurigen Dänen. Doch Regisseur Bastian Kraft bewahrt uns vor der Depression. Die klassischen Theater-Yin und -Yangs, die fröhliche Thalia und die Dramaqueen Melpomene, sind auf der Bühne permanent als siamesische Zwillinge für mannigfaltige Emotionen zuständig. Die »Fantasy« im Untertitel »A fluid fairy fantasy« dieser Andersen-Adaption (eine Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich) darf man wörtlich nehmen: Bühne, Kostüme, Lichtdesign bieten phantastische Welten, vom blauen Unterwasserambiente mit lustwandelnden Quallen bis zur Tanzperformance per Videoinstallation mit einem mehrfach multiplizierten Elias Arens, der Bonnie Tylers »Holding Out for a Hero« lipsynct, oder einem durchgeknallten Pink Dolphin, dem Julian Greis seine hervorragende Stimme leiht.

»Mother will never understand why you had to leave / But the answers you seek will never be found at home / The love that you need will never be found at home« (»Smalltown boy«).

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»Hohe Hacken, Kopf in’n Nacken«

Judy Ladivina aus Tel Aviv war 16, als ihre Mutter ihr sagte, sie wünschte, ihr Kind wäre tot statt schwul. »Es war einmal eine Mutter, deren größtes Ziel es war, ihr Kind vor allem Schmerz zu bewahren.« Olympa Bukkakis aus Melbourne wurde in Berlin zusammengeschlagen, ihr gebrochener Kiefer brauchte anderthalb Jahre, um zu heilen. Smalltown queen Leona London, heute in der Olivia-Jones-Familie, erzählt bewegend von Ausgrenzung und Zusammenbruch beim Begräbnis des Großvaters, der sie verstoßen hatte. »I know you want a different kind of grandson, but girls, they wanna have fun!«

Neben dem Schmerz gibt es im Reich der Meerjungfrauen – »im Reich der weiblichen Schwänze« – jede Menge Fun. Ella Salmonella, Mascara Wilde, Astra Abriss und Gina Tonic stehen für »Hohe Hacken, Kopf in’n Nacken«, während Fluida Kahlo und Elphy Harmonie (eins mit Sternchen für diese Namen!) bekennen: »Ich kann mich nich’ mal für ’ne Netflix-Serie entscheiden, wie soll ich mich da für’n Geschlecht entscheiden?!?«

Mit der großen begeisterten Queer-Community im Saal einigt man sich auf »Was reimt sich auf Wochenende? Prosecco!« und lässt es zum Finale im »Pink Dolphin Club« so richtig krachen. Ich hätte auf ein paar Kalauer (»Heidi Kabeljau«) und das rhythmische »Hier ist Ihre ZDF-Hitparade«-Klatschen vor den kaum enden wollenden Standing Ovations verzichten können und mir die schönste Szene des Abends als krönenden Abschluss gewünscht: Leona mit einer Bur-lesque am Trapez, goldschimmernd, dazu im kalten Spotlight Olympia Bukkakis mit einer grandiosen Version von Arcade Fires »My Body is a cage«.

Ich bin eben eine rettungslos in die Melancholie verliebte kleine Meerjungfrau.

Nächste Vorstellungen: 14.4., 4.5. und 19.5.

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