Der große Chairman
Von Theo Wentzke
Im Herbst 2025 präsentiert Trump der Region und der Welt die ultimative Lösung für den seiner Zeitrechnung nach »thousands of years« alten nahöstlichen Kernkonflikt zwischen Israel und den palästinensischen Arabern sowie allen anderen drumherum. Jenseits aller üblichen Beschwörungen des Rechts der Palästinenser auf einen eigenen Staat oder Israels Recht auf Sicherheit vor dem drohenden Holocaust nimmt der Plan seinen Ausgangspunkt schlicht bei der hergestellten Lage in Sachen Zerstörung des Gazastreifens bis an den Rand der Unmöglichkeit, dort überhaupt noch irgendwie hausen zu können, und in Sachen Dezimierung der Hamas bis an den Rand ihrer Unfähigkeit, sich überhaupt noch irgendwie organisatorisch, technisch und militärisch erhalten, geschweige denn den eigenen politischen Staatsgründungsanspruch aufrechterhalten und praktizieren zu können.
Also wird der Hamas großzügig die totale Kapitulation angeboten. Das heißt für die Hamas als Körperschaft: Eingeständnis ihrer totalen Niederlage, Erfüllung aller Verpflichtungen, die der Plan vorsieht, Verzicht auf jeden weiteren Widerstand und auf jeden Einfluss auf die vom Trump-Plan vorgesehenen Etappen bezüglich zunächst Waffenstillstand und dann Frieden und Wiederaufbau.
Für die verbliebenen Individuen, die das hierarchisch gegliederte Personal der Hamas ausmachen, ist Verschonung vorgesehen für den Fall, dass sie ihre Waffen niederlegen und alle sonstigen als terroristisch und obstruktiv definierten Tätigkeiten unterlassen, außerdem Freilassung aus israelischer Gefangenschaft gemäß dem vom Plan vorgesehenen Prozedere des Austauschs von x lebendigen oder toten Geiseln und y als Hamas-Mitglieder inhaftierten Palästinensern.
Der restlichen Masse der arabischen Menschen, die im Gazastreifen leben bzw. vegetieren, gesteht der Plan zu und bringt ihnen bei, dass sie nicht vom absurd-aussichtslosen Widerstand für eine autonom erkämpfte Autonomie gegen Israel leben, sondern statt dessen Essen, Trinken, medizinische Betreuung, Strom und dergleichen brauchen, ohne dass ihnen die Versorgung mit dem Lebensnotwendigsten garantiert würde. Soweit sie sich dazu bereitfindet, darf die Weltgemeinschaft in Form von UNO und anderen Organisationen sich laut Plan dafür hergeben, und die entsprechenden Mittel sollen freiwillige Spender bereitstellen. Vertreiben lassen müssen sich die Gazabewohner nicht, aber zum Dableiben verdonnert sie fürderhin auch niemand mehr.
Und überhaupt: Der Gazastreifen als solcher braucht einen unpolitischen – »apolitical« – Wiederaufbau. Den soll eine Körperschaft administrieren, die sich aus palästinensischen und sonstigen Experten zusammensetzt, denen man glaubt, dass sie keinerlei politische Ambitionen haben. Überwacht werden soll diese Technokratenverwaltung von einem »Board of Peace«, dessen Charta – die wird eine Weile später in Davos verabschiedet – vor allem die eine in mehrfacher Ausführung gegebene Bestimmung enthält: Ihr »Chairman« heißt Donald Trump, und der regelt von seiner eigenen Nachfolge über die Frage, welche Staaten mitmachen dürfen, bis hin zur Lebensdauer dieser neuen Institution alles, worauf es ankommt. Und wenn die Palästinensische Autonomiebehörde sich am Riemen reißt und die von ihr verlangten Reformen durchführt, darf Schritt für Schritt auch sie irgendwie mitspielen, die nötigen Details gibt’s später.
Dafür, dass der Frieden auch hält und die Palästinenser für ihre von nun an wundervolle Zukunft auch die Gewaltaufsicht bekommen, die sie auch und gerade angesichts der Niederlage des von der Hamas verkörperten Anspruchs auf autonome Gewalt schließlich brauchen, soll eine »International Stabilization Force« sorgen. Die sollen interessierte Staaten stellen, nicht zuletzt solche, die sich nach Trumps Ansicht schon bisher positiv hervorgetan haben bei der Unterstützung der US-amerikanischen Friedensbemühungen.
Zwar sieht der Plan grob ein paar Etappen in Sachen Waffenstillstand, Entwaffnung der Hamas, Rückzug der IDF etc. vor, aber zugleich ist niedergelegt, dass in all diesen Hinsichten Pragmatismus zu walten hat: Wenn es hier und dort Verzögerungen bei der Umsetzung gibt, wenn zum Beispiel doch wieder militanter Widerstand gegen Israel aufflammt, der – davon geht der Plan schlicht aus – die IDF dazu nötigt, ihrerseits ihren Rückzug zu verzögern, dann sollen die nächsten Schritte eben erst einmal in den Arealen stattfinden, die schon komplett von allen Gegnern bereinigt sind.
Imperialistischer Gehalt
Woran sich mit Blick auf Trumps Friedensplan die Gemüter vor allem erhitzen, das ist die Vision, die der Welt in Form von kitschigen Grafiken und KI-animierten Videosequenzen präsentiert worden ist: Gaza als Mischung aus Mar-a-Lago und Dubai-City »on steroids«: architektonischer Futurismus zum Weglaufen, Golfplätze für reiche Fettsäcke aus aller Welt, ein riesiges Gewerbegebiet für Startups, also alles in allem ein Paradies kapitalistischen Geldscheffelns, das schon von außen so schön aussieht, wie sich die US-Dollars anfühlen, die dann dort zu machen sein werden …
Das ist aber nur die vergleichsweise unwichtige, anders als in Form von Optionen und Planspielen ja bisher auch gar nicht existente Seite der wirklichen, weltpolitischen Substanz von Trumps Plan. Die besteht schlicht darin, dass es seine, Trumps »Vision« ist, die jetzt zur alternativlosen politischen Perspektive für den Gazastreifen erklärt und gemacht wird. Und das wiederum – man erinnert sich: Trump ist der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika – bedeutet, dass die USA alle vor Ort mit Gewalt durchgefochtenen politischen Ansprüche, die sich auf Territorium, Menschenmaterial, weitergehende »Sicherheit« richten, für relativ (un-)gültig erklären – relativ zu dem Anspruch, dass nun der Präsident der Weltmacht auch für den Gazastreifen unmittelbar das Kommando übernimmt. Das ist der harte Kern des neuen Friedens.
Bisher schon haben die USA sich das letzte »Wort« zu allen laufenden Gewaltaffären auch in dieser Weltgegend vorbehalten – gemäß ihren jeweiligen strategischen Prioritäten für die Region und für den von den USA dominierten Globus überhaupt: vom Bemühen um die proamerikanische Auflösung der alten westlichen Kolonialbesitzungen unter dem übergeordneten Gesichtspunkt der Weltkriegsfront gegen den Sowjetkommunismus über die exemplarische Durchsetzung einer »New World Order« nach dessen Ende bis hin zum globalen »War on Terror«. Und nicht zuletzt haben besagte Gewaltaffären es zu der bekannten Geschichte überhaupt nur dadurch gebracht, dass die USA nicht bloß übergeordnet-vorbehaltlich zu ihnen gestanden, sondern sie mit der Ausstattung insbesondere ihres israelischen Verbündeten massiv befeuert und mittels eigener Militäreinsätze bis hin zu großen Kriegen immer wieder mit neuen praktischen Vorgaben versehen haben.
Auf die Resultate davon blickt Trump und entdeckt nur das eine: Die USA haben die Region ihrem machtvollen Zugriff entgleiten lassen, statt sich durchzusetzen und sie in jeder Hinsicht und in bezug auf jeden einzelnen Akteur zu dominieren. Dies tut er darum exemplarisch in genau der Weise, die sich für seine imperialistische Selbstkritik gehört. Mit einem kombinierten israelisch-amerikanischen Großangriff auf den letzten großen Gegner der Dominanz der USA in der Region, den Iran, führt Trump vor, dass die USA über allen Gewaltdingen im Nahen Osten stehen und entschlossen sind, sich die Region von dieser Warte aus komplett neu anzueignen, und nur mehr dieses »Datum« gelten lassen: die eigene, jederzeit aktivierbare totale Übermacht, deren Einsatz dann im Prinzip überflüssig ist, wenn alle, auf die es ankommt, endlich verstehen, dass sie der US-Macht nichts entgegenzusetzen haben.
Das ist der wirkliche, gewaltsame Ausgangspunkt für die Realisierung von Trumps Friedensplan für den Gazastreifen. Dieser Plan ist nichts anderes als das ungeschönte, für alle gleichermaßen gültige Diktat US-amerikanischer Vormacht, das darum für alle Beteiligten am bzw. Betroffenen vom bis dato laufenden Gazakrieg ziemlich Unterschiedliches bedeutet.
Fanatiker mit Realitätssinn
Trump bekommt von den beiden sich bekämpfenden Kriegsparteien die Zustimmung zu seinem Friedensplan, und das feiert er schon als den eigentlichen Erfolg – »We have peace in the Middle East«. Weil für ihn die Hauptsache tatsächlich geleistet ist, nämlich die förmliche Unterwerfung beider Kriegsparteien unter sein Friedensdiktat, braucht es ihn auch nicht zu stören, dass weder die Hamas noch Israel bei ihrer Zustimmung in seinen Jubel einstimmen. Grund dazu haben sie ja auch nicht.
Die Hamas ist diejenige Kriegspartei, die dem Deal noch am entschiedensten zustimmt. Der israelische Militärapparat hat sie als militärische und politische Kampforganisation für das Recht auf eine palästinensische Staatsgründung tatsächlich entscheidend dezimiert – je nach Quelle knapp 10.000 ihrer Kämpfer sind getötet, zahlreiche Führer exekutiert worden – und den Gazastreifen als ihre militärische und zivile Operationsbasis nachhaltig zerstört. Das letzte entscheidende Faustpfand für ihr Überleben hat sich in dieser Eigenschaft ziemlich blamiert: ihre Verfügung über israelische Geiseln, tote und lebendige. Das etwas unscharf verfasste Subjekt »Weltgemeinschaft« mit seinen zahlreichen teils mächtigen, teils ohnmächtigen Mitgliedern hat sich ebenfalls in keiner Weise als taugliches Mittel dafür bewährt, das Anliegen der Hamas voranzubringen und die so gewagte wie zynische Rechnung aufgehen zu lassen, mit einem israelischen Krieg gegen die Palästinenser der »palästinensischen Sache« wieder wirksame und erfolgsträchtige Unterstützung im Sinne des von der Hamas vertretenen Standpunkts zu verschaffen. Einzig die verhassten USA erweisen sich als fähig und willens, dem israelischen Krieg überhaupt irgendeine Schranke zu setzen – womöglich sogar eine, die eine Lage schafft, auf die sich die Hamas anders beziehen kann als mit dem selbstmörderischen Überlebenskampf gegen die israelische Übermacht.
Zugleich verlangt Trumps Businessplan für ein endlich befriedetes Heiliges Land, Unterabteilung Gaza, dass die Hamas sich organisatorisch selbst aufgibt, entwaffnet und die menschliche Basis ihres Staatsgründungsanliegens denen überlässt, die dann das Kommando übernehmen sollen. Das ist viel verlangt: Denn es ist ja der Kern der politischen Räson der Hamas und ihrer Überzeugung von der eigenen Existenzberechtigung, dass der von ihr als Palästinenservolk definierte Menschenschlag sie unbedingt verdient und alternativlos braucht – gegen den widerstreitenden Anspruch Israels, gegen alle innerpalästinensischen Alternativangebote und so gegenüber dem Rest der Welt. Die doppelte Gewissheit, dass die Palästinenser kollektiv das Recht auf eine autonome Staatsgewalt verkörpern, dessen Verwirklichung entweder mit der Hamas oder gar nicht zu haben ist, ist seit jeher der politische Leitfaden ihres gesamten Handelns und die politische Substanz ihrer grimmigen Entschlossenheit zu allem, was sie den als ihr Volk Beanspruchten antut oder sehenden Auges mit ihnen geschehen lässt.
Und doch zeigt die Hamas sich beeindruckt – zwar auch von der anhaltenden Kompromisslosigkeit Israels, vom Verlust bzw. von der Beschädigung wichtiger Verbündeter, vom Stand der Berechnungen dritter und vierter Mächte, aber vor allem eben von der Eindeutigkeit, mit der Trump klarmacht, dass die einzige Alternative zur Zustimmung zu seinem Friedensplan die unerbittliche Fortsetzung der längst begonnenen Vernichtung durch Israel ist. Und die Hamas findet tatsächlich einen Weg, sich mit ihrem Palästina-Anspruch in der schönen neuen MAGA-Welt einzufinden, ohne einfach nur zu kapitulieren: Sie stimmt dem Plan zu, räumt sogar die Perspektive ihrer freiwilligen Entwaffnung ein, aber nur unter der Bedingung, dass diese Teil einer zu verhandelnden Zweistaatenlösung sein müsse. Die Verwirklichung der vorherigen Etappen des Friedensplans soll mit ihr zu haben sein – wenn Israel sich seinerseits an die verabredeten Verpflichtungen hält. Dabei setzt sie darauf, dass es nicht nur ein anhaltendes Interesse solcher Mächte wie Katar oder der Türkei an ihr gibt, sondern zugleich und vor allem darauf, dass Trumps Feindschaft gegen sie sich demselben Frieden-ist-wenn-mein-Machtwort-gilt-Standpunkt verdankt, mit dem er auf alles und alle losgeht, dass sie sich diese Feindschaft also auch gemäß der Logik dieses Standpunkts vom Halse schaffen oder sie zumindest relativieren kann. Denn Trump ist eben kein erbitterter Gegner eines Palästinenserstaates – das wäre unter dem Niveau, von dem aus er die Welt und die Region betrachtet und neu in den Griff nimmt –, sondern eines Anspruchs auf einen solchen, der sich als Gegnerschaft zur Unterwerfung unter die Weltmacht USA versteht. Also tauscht die Hamas wie vorgeschrieben die noch lebenden Geiseln aus, sogar ohne Propaganda-Tamtam und ostentativ geräuschlos geschäftsmäßig.
Freunde werden Trump und die Hamas wohl nicht mehr, und vielleicht lässt Trump ja demnächst Israel, das er ungeniert als sein regionalpolitisches Vehikel präsentiert, »die Tore zur Hölle öffnen«. Aber klar wird auch, dass der traditionsreiche und tapfere palästinensische Staatsgründungsnationalismus auch in seiner radikalsten noch bestehenden Variante dazu in der Lage ist, sich berechnend dem supermächtigen Unilateralismus der USA anzupassen. So macht sich die Hamas in aller Feindseligkeit gegen Trump zum Teil der neuen regionalen Gewaltverhältnisse, die in MAGA ihren Ausgangs- sowie Dreh- und Angelpunkt haben. Für Palästina zu kämpfen heißt für die Hamas jetzt eben, sich in Trumps Frieden einzufinden, in diesem Frieden irgendwie zu überleben und ihm mit der für echte und Möchtegernstaatsleute sowieso stets ins Programm gehörenden Mischung aus gewalttätiger Prinzipienfestigkeit und politischer Flexibilität den Fortbestand der eigenen Staatsgründungsambition abzuringen. Alles in allem: An ihr soll Trumps Vision eines friedlichen Nebeneinanders von Israel und Palästinensern unter der Oberhoheit der USA nicht scheitern. Darum bemüht sich schon jemand anderes.
Das Recht des Stärkeren
Auch Israels Führer stimmt dem Friedensplan schließlich zu – wenn auch deutlich weniger entschieden als die Hamas, außerdem erst nachdem er und seine Emissäre vergeblich versucht haben, Trump zu einem Verzicht auf den Plan zu bewegen, und unter heftigsten Protesten seiner radikalen zionistischen Landsleute und Regierungskoalitionäre, die sich um das Recht auf eine Endabrechnung mit allem Palästinensischen betrogen sehen.
Denn zwar stellen Trumps 20 Punkte für Israel ein paar entscheidende Errungenschaften dar, derer sich Benjamin Netanjahu denn auch nach Kräften vor seinen unzufriedenen Landeskindern brüstet: Israel wird ausdrücklich zugestanden, auch mit Bodentruppen im Gazastreifen stationiert und militärisch aktiv zu bleiben, solange wie bzw. überall da, wo sich Hamas-Kämpfer bemerkbar machen, die per definitionem ein Anschlag auf seine Sicherheit sind. In jeder Frage liegt die Nachweispflicht bzw. Beweislast in Sachen Einhaltung bzw. Nichteinhaltung der 20-Punkte-Verabredungen bei der Hamas. Komplementär dazu wird Israel durch den Friedensplan die Doppelrolle der auf Einhaltung der Regelungen verpflichteten Partei und der zur Mitbeaufsichtigung berechtigten Instanz zugesprochen. Vor allem aber kann Israel für sich ganz außerordentlich positiv vermerken, was in dem Plan alles nicht enthalten ist: Von einem Palästinenserstaat ist da nur noch in der unverbindlichst möglichen Form die Rede – von irgendwelchen angestammten Territorial- oder Rückkehransprüchen der Palästinenser gar nicht mehr. Und die liebe internationale Staatenfamilie kommt überhaupt nur noch als Erfüllungsgehilfe bzw. Sponsor der Umsetzung von Trumps Friedensdiktat vor, als irgendwie anerkannte Instanz einer Friedensordnung, mit der sie das kleine tapfere Israel seit acht Jahrzehnten aus allen Himmelsrichtungen traktiert, ist sie von Trump per Nichterwähnung entlassen.
Israels Langzeitführer darf sich zugute halten, dass die Zukunft dessen, was manche Unbelehrbare immer noch »Palästina« nennen, ausschließlich zwischen Israel und den USA ausgemacht wird. Mit Trumps Wiederwahl siegt insgesamt in Washington Netanjahus trumpistischer Standpunkt, dass nicht international anerkanntes Recht den nationalen Ansprüchen Stärke verleiht, sondern dass ausschließlich die autonom praktizierte, absolut überlegene Stärke das Recht setzt, das alle sich gefallen lassen müssen. Und also lässt sich festhalten, dass Trumps Friedensplan die von Israel gegen die Palästinenser und gegenüber dem Rest der Staatenwelt bisher herbeigebombten Fortschritte umfassend ratifiziert. Trotzdem aber handelt sich Netanjahu bei einem erklecklichen Teil seiner Mitregenten wegen seiner Zustimmung zu den 20 Punkten den Vorwurf des Hochverrats ein; und er selbst gibt sich alle Mühe, heraushängen zu lassen, wie schwer es ihm fällt, seinen Truppen ein Ende ihres Dauerumpflügens des Gazastreifens zu befehlen. Analog zur Hamas hat das auch bei Israel seinen Grund in dessen Kriegsräson. Die erschöpft sich nämlich in besagten Fortschritten keineswegs.
Freiheit zum Krieg
Das betrifft nur einerseits die unmittelbaren Kriegsziele – totale Vernichtung von Hamas, also von allem, was Israel als deren Personal und Strukturen definiert, sowie die Heimholung aller Geiseln. Dass es von diesen Zielen keine Abstriche machen darf, will und wird, hat die israelische Führung ihrem großen US-amerikanischen Verbündeten immer wieder klargemacht. Im Zusammenhang damit hat sie ebenfalls immer wieder deutlich werden lassen, dass sie eine Realisierung dieser Kriegsziele durch Stellvertreter und im Rahmen eines Friedens, der das ersatzweise besorgt, ebenfalls nicht dulden kann: Die Verwirklichung des erklärten Hauptziels des Krieges – Vernichtung der Hamas und überhaupt jeder Gegnerschaft bzw. gegnerischen Gesinnung gegen Israel – und die Sicherung dieser Errungenschaft per »Deradikalisierung des Gazastreifens« müssen das Werk israelischer Gewalt sein; alles andere wäre, in den Worten israelischer Politiker, gleichbedeutend damit, die israelischen Opfer des 7. Oktobers und des seither laufenden Krieges noch im nachhinein ihres guten nationalen Sinnes zu berauben. Das ist der an den Opfern ausgedrückte Standpunkt der totalen Kompromisslosigkeit, den Israel in diesem Krieg praktiziert: Es hat die »Al-Aksa-Flut«-Aktion der Hamas zum Anlass genommen, seine bis dato gepflegte Art, den Palästinensern das Recht auf ihren Staat irgendwo zwischen Fluss und Meer dauerhaft und wirksam zu bestreiten und alle seine möglichen Grundlagen abzuräumen, zu einem einzigen für die Existenz Israels potentiell tödlichen Kompromiss zu erklären. Als einzig mögliche Alternative hat es die wirkliche und vollständige Vernichtung alles Antiisraelischen ausgerufen. An der Maßlosigkeit dieses Anspruchs wird die Qualität israelischer Kriegsräson deutlich: eben der abstrakte Anspruch auf Durchsetzung ohne jeden Kompromiss. Und in exakt dieser Logik liegt es auch, dass Israel sich darin nicht nur auf die tatsächlich aktiven oder potentiellen palästinensischen Gegner bezieht, sondern auf sein gesamtes nahöstliches Umfeld.
Damit ist – andererseits – Trumps Beharren auf »Peace for the Middle East« eben nicht nur ein Einspruch gegen die Kriegsräson Israels. Es steht auch im Widerspruch dazu, dass bzw. wie dieser Krieg praktizierte israelische Staatsräson ist. Zu der gehört es, dass sich dieser Staat als westlich-bürgerlicher Fremdkörper in der Region vormodern verfasster und sittlich funktionierender Völker und ihrer kongenialen Autokraten definiert, der sein Existenzrecht, also die unbedingte Pflicht zu seiner Verteidigung, daraus ableitet, dass ohne ihn die Juden dort und überhaupt auf der ganzen Welt ihrer Vernichtung preisgegeben wären. Das schließt ein, dass er sich als im Prinzip unabgeschlossenes Projekt der Gründung und Versammlung der Juden auf ihrem – gemäß allem, was die Bibel so zu berichten weiß – angestammten Land versteht und aufführt; das schließt also ein, dass er die bloße Anwesenheit von Arabern im Kernland westlich des Jordans schon als die eine entscheidende große Gefahr für sich als Staat der Juden behandelt. Und das schließt eben auch ein, dass Israel im Verhältnis zu seiner restlichen mehr oder weniger staatlichen Umwelt seine kriegerische Durchsetzung als den Normalfall und Dauerzustand definiert und handhabt – und darum gar nicht nur gegenüber den wirklichen Gegnern, sondern gegenüber jedem möglichen Gegner, also gegenüber allen anderen auf der Freiheit zum Krieg als Lebensgrundlage besteht, die bei allen inneren Widersprüchen den entscheidenden Kitt zwischen dem Volk und seiner Herrschaft darstellt. Von der Freiheit zum Krieg Abstriche zu machen, bedeutet in dieser Logik, die so definierte Existenz zu gefährden. Genau diese Bedrohung sieht Israel in Trumps Friedensdiktat, weil es diese ist.
Das sorgt für die aktuelle Fassung des Widerspruchs, der in die von beiden Seiten gern als »unique« gefeierte Allianz zwischen den USA und Israel sowieso eingebaut ist – und zwar von beiden Seiten dieses Widerspruchs her. Trump besteht auf seinem Absolutismus der neuen Unterwerfung aller am Gazakrieg unmittelbar Beteiligten und aller sonstigen Interessierten unter sein Kommando. Er besteht auf der Neuaneignung des Gazakriegs, des Gazastreifens und überhaupt der leidigen Kriegsregion als Material seiner Machtworte; die dulden keine Relativierung an irgendeinem Anspruch auf souveräne – und darin als legitim Anerkennung beanspruchende – Gewalt anderer. Das bekommt Netanjahus Israel in allen möglichen Formen zu spüren, und das muss Israels Netanjahu also in Rechnung stellen dafür und dabei, dass er seinerseits vom israelischen Absolutismus der autonom per Krieg zu gewährleistenden Existenzsicherheit Israels keinesfalls abzurücken gedenkt. Und zugleich – dies die andere Seite des Widerspruchs dieser Allianz – benötigen sich die beiden einzigartigen Alliierten in einer neuen Weise für die praktische Geltung ihrer miteinander unverträglichen Unverrückbarkeiten: Trump macht in bis dato nicht gekannter Art den israelischen Kriegswillen gegenüber allen tatsächlich oder potentiell Betroffenen offen als seinen Erpressungshebel geltend. Und Israel ist für seine aktualisierte Fassung von nur durch einen dauerhaften Regionalkrieg zu gewährleistender Staatsexistenz sowieso mehr denn je auf die USA angewiesen. Dass in diesem Programm Gaza nur eine Etappe ist, darüber lassen beide inzwischen mit ihrer ausgreifenden Gewalt keine Zweifel aufkommen.
Mehr zum Thema im Heft 1/26 der Zeitschrift Gegenstandpunkt und auf der Webseite: gegenstandpunkt.com
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Aber hat nicht die Wahl zum palästinensischen Legislativrat 2006 gezeigt, dass der Souverän, das Wahlvolk, das politische Mandat der Hamas erteilte? Die Hamas errang damals einen spektakulären Wahlsieg. Und meines Erachtens wird an verschiedenen Reaktionen aus der Bevölkerung deutlich, dass sie die Hamas bis in die jüngste Zeit als ihre ernst zu nehmende Vertreterin betrachtet hat. Die Hamas hat die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und darin speziell die Fatah als maßgebende Widerstandskraft abgelöst. Aufschlussreich ist zum Beispiel die breite Beteiligung am »Marsch der Rückkehr«, als Tausende vom März 2018 an monatelang an der Grenze zum israelischen Kerngebiet gegen ihre Vertreibung und ihre Gefangenschaft im Freiluftgefängnis protestierten. Durch den Unterhalt von Gesundheitseinrichtungen und anderen sozialen Diensten war die Hamas permanent im Alltagsleben der Bevölkerung anwesend und erwartungsgemäß akzeptiert, ohne dass die meisten die islamistische Doktrin teilten. Das lässt vermuten, dass sich die Hamas-Kämpfer ebenso wie die des Islamischen Dschihad entsprechend dem Lehrbuch für subversiven Widerstand wie Fische im Wasser bewegen konnten. Für Wentzke war der Hamas-Angriff, der den Israelis Anlass zum Vernichtungskrieg gab, sinnlos, zumal die Hamas seines Erachtens ihre Kampfkraft verloren hat. Durch ihre Zugeständnisse an Trumps »Friedensplan« werde sie »zum Teil der neuen Gewaltverhältnisse«. Chris Hedges, als Auslandskorrespondent guter Kenner der Region, meint dagegen: »Die Hamas kann diesen Konflikt nicht verlieren.«