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Zeche und Zeichen
Vom Hauer zum Schriftsteller. Max von der Grün war der erfolgreichste schreibende Arbeiter der Bundesrepublik
Max von der Grün ist heute etwas in Vergessenheit geraten. Es gibt nahezu keine Neuauflagen seiner Bücher und auch die in dem kleinen Bielefelder Pendragon-Verlag erschienene Werkausgabe ist inzwischen schon fünfzehn Jahre her. In den 1970er und 1980er Jahren aber war von der Grün ein berühmter Autor, einer der wenigen echten »Arbeiterschriftsteller« der Bundesrepublik.
Von der Grün wurde als nichteheliches Kind in Bayreuth geboren und wuchs zunächst bei seinen Großeltern in der Oberpfalz auf. Später kam er zu seiner Mutter, die einen tschechischen Schuhmacher geheiratet hatte. Die Familie lebte im böhmischen Paulusbrunn. Max von der Grün besuchte die Volksschule, dann kurze Zeit das Gymnasium, das er verlassen musste, als sein Stiefvater 1938 von den Nazis als Angehöriger der Zeugen Jehovas verfolgt und in ein KZ verschleppt wurde. So lautete jedenfalls von der Grüns Version der Geschichte. Der Germanist Rüdiger Scholz, Verfasser einer umfangreichen Monographie über den Autor, konstatierte demgegenüber, von der Grün sei bereits ein Jahr vor der Verhaftung des Stiefvaters vom Gymnasium abgegangen, vermutlich aufgrund der Armut seiner Familie. Überhaupt habe es, so Scholz, bei von der Grün eine Tendenz gegeben, die harten Lebensumstände seiner Kindheit im nachhinein zu verklären. Denn in dessen autobiographischen Äußerungen fänden sich immer wieder Ungereimtheiten.
Nach der Volksschule bekam von der Grün eine Lehrstelle bei den Rosenthal Porzellanfabriken, verlor diese aber wegen eines Streichs, der ihm zudem ein paar Wochen Haft einbrachte. 1943 wurde er zum Reichsarbeitsdienst einberufen, meldete sich aber freiwillig zu den Fallschirmjägern. Er geriet 1944 in der Bretagne in US-amerikanische Gefangenschaft. Nach seiner Freilassung 1948 war er in seiner Heimat als Hilfsarbeiter im Baugewerbe tätig.
In zweifacher Nacht
Als er 1951 arbeitslos wurde, folgte er den Anwerbern der Industrie im Ruhrgebiet und arbeitete auf einer Zeche bei Unna als Hauer. Zweimal wurde er verschüttet und nach einem schweren Unfall 1955 zum Grubenlokomotivführer umgeschult. Er begann zu schreiben und beendete eigenen Angaben zufolge 1959 seinen ersten Roman »Männer in zweifacher Nacht«. Das Buch behandelt ein Grubenunglück, bei dem drei Bergleute verschüttet werden, was auf von der Grüns eigene Erfahrungen rekurriert. Einer der drei, Josef Kießling, ist schwer verletzt, ein anderer, »Stacho« Hubalek, ist ein erfahrener Bergmann, der dritte ist der Theologiestudent Johannes Brinkmann, der hier nur als Aushilfe jobbt und im Laufe der Handlung einen Grubenkoller erleidet. Der Roman zeichnet sich durch Fachterminologie und intime Kenntnis der Welt der Produktion aus. Lohn- und Besitzverhältnisse werden ebenso thematisiert wie die harten Arbeitsbedingungen, auch die Glaubensfrage wird über die Figur des Studenten Brinkmann behandelt.
Das Buch erschien 1962, und wie es dazu kam, auch darüber kursieren verschiedene Varianten in von der Grüns Memorabilien. Eine gewisse Rolle dürfte dabei der Dortmunder Bibliotheksdirektor Fritz Hüser gespielt haben, den der Autor 1960 kennengelernt hatte.
Hüser, ehemaliger Stahlarbeiter, war nach einem Unfall zum Werksbibliothekar umgeschult worden. Nach dem Krieg wurde er Leiter der Dortmunder Stadtbibliothek. Bereits vorher hatte er eine Sammlung an Arbeiterliteratur angelegt, die er nun systematisch ausbaute und ab 1958 als »Archiv für Arbeiterdichtung und soziale Literatur« der Öffentlichkeit zugänglich machte. Daraus ist das »Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt« in Dortmund hervorgegangen, das heute von der Grüns Nachlass beherbergt.
Eventuell auch auf Initiative Max von der Grüns hatte Hüser zusammen mit einem Funktionär der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, Walter Köpping, 1961 einen Kreis von Autoren und Publizisten in das Dortmunder Haus der Bibliotheken zu einer Tagung unter dem Titel »Möglichkeiten und Formen moderner Arbeiter- und Industriedichtung« eingeladen. Bei diesem Symposium kam man überein, einen »Arbeitskreis für die künstlerische Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt« zu gründen – so der ursprüngliche Gruppenname, bis man sich auf »Dortmunder Gruppe 61« verständigte. Damit setzte man sich bewusst von der »Gruppe 47« ab, die den Literaturbetrieb jener Tage dominierte.
Max von der Grün war von Anfang an dabei und wurde in der Folge zum wichtigsten Aushängeschild der Gruppe. Der Kreis erweiterte sich rasch und umfasste im Juli 1961 bereits 50 Personen. Man traf sich viermal im Jahr zu internen Arbeitssitzungen sowie zu zwei öffentlichen Tagungen. Das Ziel war, die Literatur für die Welt der Arbeit und ihre sozialen Auswirkungen zu öffnen. Anders als in der DDR, die bewusst an die Traditionen der Arbeiterliteratur in der Weimarer Republik anknüpfte, gab es in der BRD keine solchen Bezugspunkte. Diese Lücke wollte man füllen.
Mitglieder der Gruppe waren neben von der Grün, Hüser und Köpping unter anderem: Willy Bartok, Friedhelm Baukloh, Josef Büscher, Elisabeth Engelhardt, Karlhans Frank, Artur Granitzki, Wolfgang Körner, Angelika Mechtel, Josef Reding, Erasmus Schöfer, Peter Schütt, Günter Wallraff, Hildegard Wohlgemuth und Peter-Paul Zahl.
Die Arbeit zeitigte zahlreiche Ergebnisse. Zwischen 1961 und 1969 erschienen Romane zur Lage der Bergleute von der Grüns und anderer, ein Angestelltenroman, Industriereportagen Günter Wallraffs und Angelika Mechtels, Hör- und Fernsehspiele. Zudem initiierte die Gruppe 61 die Reihe: »Neue Industriedichtung«. Hier erschienen Lyrikbände von Hildegard Wohlgemuth, Artur Granitzki und Josef Büscher, dazu einige Anthologien, zum Teil mit »Gastautoren« wie Dieter Forte, Christian Geissler oder Günther Herburger.
Abgespaltener Werkkreis
1968 kam es zu Konflikten zwischen Fritz Hüsers mehr ästhetisch orientiertem Kurs und der stärker politisch orientierten Tendenz linker Autorinnen und Autoren, teils aus dem DKP-Umfeld, wie Angelika Mechtel, Erika Runge, Erasmus Schöfer, Peter Schütt oder Peter-Paul Zahl. Auf der Herbsttagung der Gruppe 61 im November 1968 forderten die Oppositionellen eine Einbeziehung schreibender Arbeiter. Josef Büscher, eines der Gründungsmitglieder, hatte die Gruppe deshalb bereits 1967 verlassen und eine Schreibwerkstatt für Arbeiter in Gelsenkirchen gegründet, genauso Peter Schütt in Hamburg. Auf der Herbsttagung 1969 verlangte Erasmus Schöfer umfassende Programm- und Satzungsänderungen im proletarischen Sinne, die aber mehrheitlich abgelehnt wurden. So kam es zum Bruch. Im März 1970 gründete sich der »Werkkreis Literatur der Arbeitswelt« als Abspaltung der Dortmunder Gruppe 61.
Von der Grün sah sich durchaus auf seiten der Oppositionellen und identifizierte sich mit ihren Zielen. Allerdings ist nicht bekannt, dass er sich dann tatsächlich in den vom Werkkreis initiierten sogenannten Werkstätten engagiert hätte. So oder so war er längst die auffälligste Erscheinung im Dunstkreis einer Literatur der Arbeitswelt. Nach seinem Erstling, der rege Aufnahme fand, war es vor allem sein zweiter Roman »Irrlicht und Feuer« (1963), der ihn berühmt machte. Es ist auch aus heutiger Sicht wohl sein stärkstes und reifstes Werk.
Von der Grün war zu dieser Zeit noch immer bei der Zeche beschäftigt. Geschildert wird aus Sicht des Bergmanns Jürgen Fohrmann die ungeschminkte soziale Realität: die Härte der Arbeit untertage, die ökonomische Situation der hochverschuldeten Bergleute, die rücksichtslose Profitgier der Unternehmer und ihrer Schergen, die Korruption der Gewerkschafter, die Konsumverfallenheit der Arbeiter. Es sind dichte, eng hintereinander geschachtelte Szenen und Bilder: eine Betriebsversammlung, ein wilder Streik, als die Zechenschließung bekannt wird, intensiv und anschaulich erzählt. Hier spricht jemand, der all das kennt, aber kein Wort zuviel darüber verliert, lakonisch, klar und bitter im Ton. Von der Grün zeichnet nach, wie die tradierten Geschlechterverhältnisse durch die steigende Erwerbstätigkeit der Frauen allmählich ins Wanken geraten (wobei der Autor bis in spätere Bücher hinein nie ganz frei ist von Sexismen – male gaze bis hin zu Bodyshaming). Und er berichtet über schreckliche Unfälle unter Tage, ausgelöst durch einen neuen Kohlehobel, und das, obwohl die Zeche in kurzer Zeit eh stillgelegt wird. 23 Schwerverletzte in vier Wochen, dann wird ein Steiger von der Maschine geköpft, im Grunde alles nur für ein Experiment, weil die Firma das Gerät erproben will, um es nach Südafrika zu verkaufen. Die Bergleute weigern sich weiterzuarbeiten und werden auf der Stelle entlassen. Insgesamt ist das Buch ein interessantes Zeitdokument, das die sozialen Kämpfe der 1960er Jahre ausstellt.
Als der Roman erschien, löste er einen Skandal aus: Der Autor hatte es sich so ziemlich mit allen verscherzt. Indem er die unmenschlichen Arbeitsbedingungen anprangerte, geriet er in Konflikt mit den sogenannten Arbeitgebern. Nach von der Grüns Aussage habe die Klöckner AG ihm 40.000 D-Mark und einen Job als Redakteur der Werkszeitung angeboten, wenn er den Roman zurückziehe. Der Hersteller des besagten Kohlehobels beantragte eine einstweilige Verfügung, um das Buch zu verbieten – das Gericht gab dem nicht statt. Da von der Grün in seinem Werk zugleich die Haltung der Arbeiter und der Gewerkschaften kritisiert hatte, machte er sich auch diese zu seinen Feinden.
Am 3. Dezember 1963 wurde ihm von der Zeche fristlos gekündigt. Niemand in Dortmund wollte ihn mehr einstellen. Von der Grün stand mittellos da und wurde geradezu in die Rolle des Berufsschriftstellers gedrängt. In der Folge veröffentlichte er zahlreiche Kurzgeschichten, Essays, journalistische Texte und Radiobeiträge. »Irrlicht und Feuer« entwickelte sich nach und nach zu einem veritablen Bestseller. Richtig bekannt wurde der Roman, ebenso wie sein Autor, nachdem er 1966 als zweiteiliger Spielfilm des DDR-Fernsehens verfilmt wurde. 1968 wurde der Film auch von der ARD ausgestrahlt. Das Buch erreichte eine Millionenauflage und wurde in vierzehn Sprachen übersetzt. Von der Grün war fortan ein wohlhabender Mann.
»Ich liebe mein Schaltpult nicht«
Erst fünf Jahre nach »Irrlicht und Feuer«, 1968, erschien sein dritter Roman »Zwei Briefe an Pospischiel«. Auch er wurde später verfilmt. Max von der Grün verarbeitet darin Erlebnisse aus seiner Kindheit. Der titelnde Arbeiter Paul Pospichiel ist angestellt in einem Elektrizitätswerk. Es ist vollautomatisiert, Pospichiel sitzt mit einigen Kollegen in einer Glaskuppel und hat den ganzen Tag nicht mehr zu tun, als Knöpfe zu drücken, um damit die Stromproduktion zu regulieren – klassische entfremdete Arbeit. Obwohl sie den ganzen Tag nur herumsitzen, sind Pospichiel und seine Kollegen schlapp und lustlos, etwas, das sie nicht wirklich einordnen oder verstehen können. Dennoch hat sich Pospichiel in seiner Lage eingerichtet und identifiziert sich ein Stück weit mit seiner Tätigkeit: »Ich liebe mein Schaltpult nicht, bin ich aber auf dem Fabrikgelände, sehne ich mich nach meiner Glaskuppel, schließlich muss man wissen, wohin man gehört.«
Ein Brief seiner Mutter bringt die Dinge ins Wanken. Sie hat herausbekommen, wer damals seinen Vater denunziert und als Angehörigen der Zeugen Jehovas ins KZ gebracht hat. Man sieht hier die Parallele zu von der Grüns eigener Geschichte. Dieser Mann, Beierl, habe die Mutter zudem aus dem Hinterhalt erschießen wollen und nur davon abgesehen, weil sie Paul als kleines Kind an der Hand gehalten habe. Sie will Beierl mit seiner Tat konfrontieren und bittet Pospichiel, sie dabei zu unterstützen. Pospichiels Frau Gerda und andere empfehlen ihm dringend, zu ihr nach Bayern zu fahren. Er selbst möchte lieber nicht, doch gerät er immer mehr ins Grübeln und ringt sich allmählich dazu durch. Allerdings hat er keinen Urlaub mehr, bräuchte also eine Sondergenehmigung, die man ihm verweigert, weil er bereits vollkommen »verplant« sei.
Nun gerät alles in Schieflage. Bei der Arbeit ergeht er sich in Allmachtsfantasien und dreht dabei komplett durch: »Ich sah mit einem Mal nur noch Augen, wohin ich auch meinen Kopf wandte, nur Augen (…) die Autos hatten statt der Scheinwerfer Augen, die Straßenbahn, die Häuser, auf der Spitze der Reinoldikirche tanzten Augen, groß wie Sonnen.« Der Betriebsarzt stellt fest: Kein Wunder bei dieser Arbeit. Es dauere gute fünf Jahre, dann käme der kritische Punkt. Bei Pospichiel ist es aber etwas anderes: Die Arbeitsproblematik paart sich mit der Information zu seinem Kindheitserleben. Sie ist ein Trigger, der ihn nicht mehr wie gewohnt funktionieren lässt. Pospichiel bricht schließlich ohne Erlaubnis auf. Er lässt sich treiben, nimmt eine Anhalterin mit, die sich – welch überkommenes Klischee – als sexuell interessiert erweist. Diese ebenso schlüpfrige wie überflüssige erotische Eskapade ist Teil seines Befreiungstrips, der leicht hippieske Züge annimmt.
Trotzdem erreicht Pospichiel sein Ziel. Er spricht mit Beierl, ohne allerdings seine Identität preiszugeben. Dabei stellt sich heraus, dass die freimütige Anhalterin Beierls Enkelin ist. Gemeinsam starten sie eine Racheaktion, köpfen Beierls liebevoll gehegte Malven und fällen einen Baum. Denn Beierl hatte dem Mädchen gesagt, eher werde dieser Baum abknicken, als dass man ihn wegen seiner Taten belange.
Pospichiel kehrt daraufhin nach Dortmund zurück und findet seine Kündigung vor. Er begibt sich ins Werk, um die Verantwortlichen umzustimmen. Dieser Part besitzt stilistisch etwas Traumatisches, fast Surreales. Das ist ästhetisch deutlich interessanter als etwa der Anfang des Romans. Dieser leidet an der eingeschränkten Perspektive des Ich-Erzählers Pospichiel, die der Autor wohl möglichst authentisch als schlichtes, politisch naives Arbeiterbewusstsein darstellen möchte – ein ästhetisches Problem, denn das wirkt, zumindest aus heutiger Sicht, oft ziemlich platt. In den expressiveren, metarealistischen Passagen des Mittel- und Endteils wird der Roman stärker, vermutlich soll Pospichiel durch die Krise eine Bewusstseinserweiterung erfahren. Indes, die Kündigung kann er nicht rückgängig machen – aber die Werksleitung bietet ihm an, ihn zu erheblich schlechteren Bedingungen wieder neu einzustellen. Pospichiel geht letztlich darauf ein, gegen den vehementen Protest seiner Frau, weil ihm die Ohnmacht des einzelnen Arbeiters bewusst ist, mit oder ohne Job, mit diesem oder einem anderen – ausgeliefert ist er stets.
Umständlich und verworren
Auffällig ist jedoch, und es deutet sich in »Zwei Briefe für Pospichiel« bereits an: Je mehr sich von der Grüns eigene Biographie vom unmittelbaren Erleben der Arbeitswirklichkeit entfernte, desto mehr verlor sein Schreiben an Intensität und Stringenz. Sprachlich wie inhaltlich zeigt sich eine Tendenz zum Ausufern, die Handlung mäandert und verirrt sich. Sehr deutlich zeigt sich das etwa im späteren Roman »Flächenbrand« (1979).
Der Ich-Erzähler ist der arbeitslose Maurer Lothar Steingruber. Er leidet zutiefst unter seiner Situation, ist aber auch nur wenig kompromissbereit. Seine Frau, Bibliothekarin und SPD-Mitglied, möchte ihm über ihre Verbindungen eine Arbeit in einer Gärtnerei verschaffen. Das aber verweigert er: »Ich bin Maurer, was habe ich mit Pflanzen und Setzlingen zu tun. In der Gärtnerei wäre ich doch nur wieder Genossen begegnet, die diese Arbeiten wiederum Genossen verdankten.« All diese Leute seien nur »Mitglieder einer Dankbarkeitspartei«. Auf die Sozialdemokraten ist Steingruber nicht gut zu sprechen, denn sie haben ihn einst aus ihren Reihen geworfen. Der Kritik an Vetternwirtschaft und Korruption der Dortmunder SPD gibt von der Grün großen Raum. Das eigentliche Thema ist aber der Rechtsextremismus. Steingruber kommt über Umwege einem Neonazikomplott auf die Spur, in das auch seine eigene Tochter verstrickt ist.
Umwege ist allerdings das Stichwort, denn »Flächenbrand« ist ziemlich umständlich erzählt, auch stilistisch verworrener als die Romane der 1960er Jahre. Es wirkt, als habe sich hier noch mehr eine »inhaltistische« Note durchgesetzt, eine regelrechte Plotfixiertheit. Die Auflösung ist denn auch kompliziert und unbefriedigend, und bestimmte Aspekte wie das Abrutschen von Steingrubers Tochter in rechte Kreise erscheinen soziologisch unglaubwürdig.
Die beiden letzten Romane von der Grüns, »Die Lawine« (1986) und »Springflut« (1990), bedienten sich des Krimigenres, ein weiterer Beleg dafür, dass sein Schreiben plotfixierter wurde – beide Bücher kamen deutlich schlechter an als die früheren Arbeiten.
Für Kinder
Die heruntergeschraubte literarische Ambition eignete sich dagegen gut für effektvolle Jugendliteratur. »Vorstadtkrokodile« (1976) über eine Bande von Jugendlichen im Ruhrgebiet war mit einer Auflage von einer Million Exemplaren von der Grüns zweitmeistverkauftes Buch. Es war in den 1970er und 1980er Jahren ungeheuer populär, besonders weil bereits 1977 ein Fernsehfilm danach gedreht wurde, der, vielfach wiederholt, weithin bekannt war. Noch 2009 folgte eine Kinoverfilmung, der zwei Fortsetzungen folgten, die allerdings nicht mehr auf von der Grüns Vorlage beruhten. Die »Vorstadtkrokodile« sind das einzige seiner Bücher, das in den letzten Jahren Neuausgaben fand und im Schulunterricht behandelt wird.
Es ist ein Roman über Toleranz und Emanzipation. Ungewöhnlich für ein Kinderbuch der damaligen Zeit benennt es soziale Ungleichheit und Armut sehr deutlich. Auch dass ein querschnittsgelähmter Junge eine der Hauptrollen spielt, ist ungewöhnlich. Das Buch stellt sich zudem klar gegen Rassismus. Das ist alles gut gemeint, also pädagogisch wertvoll, literarisch allerdings weniger – »Vorstadtkrokodile« ist zu überdeutlich in seinen Aussagen.
Etwas eleganter ist da schon »Friedrich und Friederike oder Ist das schon Liebe?« (1983) – eine flüssig geschriebene Erzählung über die junge Liebe zweier Arbeiterkinder. Die titelnden Protagonisten stellen alles Mögliche miteinander an, Streiche, Abenteuer, Detektivisches, alles noch weitgehend asexuell (»Im Schlaf umarmten sie sich, als suche einer bei dem anderen Schutz«). Aber sie sind sich doch darüber im Klaren, wie nahe sie sich sind. Rau, aber herzlich im Umgang, offen und arglos sind sie. Das Buch ist ein Plädoyer für jugendliche Selbstermächtigung. Es konstatiert, dass auch die Jugend schon eine eigene Bedeutung besitzt, gleichwertig mit der Welt der Erwachsenen. Auch »Friedrich und Friederike« wurde zur Vorlage einer neunteiligen Serie im WDR-Fernsehen.
Neben diesen größeren Erzählwerken hat Max von der Grün zahlreiche kleinere Publikationen vorgelegt, etwa mehrere Prosabände in der bibliophilen Düsseldorfer Eremitenpresse: In »Urlaub am Plattensee« (1970) schildert der Autor die Begegnung eines Westdeutschen mit einer DDR-Reisegruppe. Mit einem Mitglied derselben freundet er sich an, bis dieser beim Versuch der Republikflucht umkommt, was dessen Reisegefährten dem Ich-Erzähler anlasten – Zeichen für die Verständnisschwierigkeiten zwischen Ost und West. Oder »Am Tresen gehen die Lichter aus« (1972), das sehr schön die Atmosphäre eines damaligen Arbeiterviertels im Ruhrgebiet nachzeichnet, aber auch den Strukturwandel anspricht. Gerade diese kleineren Arbeiten, ebenso wie die vielfältigen journalistischen und essayistischen Beiträge Max von der Grüns sind kaum zu überblicken, zumal sie nicht in gesammelter Form vorliegen.
Beschäftigt man sich heute mit diesem Autor, ist der Eindruck zwiespältig. Dem Werk Max von der Grüns haftet deutlich die Zeit an. Es zeichnet sich durch eine sympathische und moralisch weitgehend einwandfreie Haltung aus, verbleibt aber literarisch und motivisch in seinem Umfeld gefangen. Und dieses hat sich inzwischen radikal verändert. Von der Grüns Frauenbild etwa ist zwiespältig: Die Partnerinnen seiner Protagonisten sind stark und autark, reagieren aber oft irrational. Andere Frauen werden ziemlich übel gezeichnet, Ausdruck eines gestrigen Rollenverständnisses. Dessen ungeachtet lohnt die Lektüre von »Irrlicht und Feuer« auch heute noch – nicht nur aus historischem Interesse.
→ Enno Stahl schrieb an dieser Stelle zuletzt am 15. November 2021 über das Verhältnis der Literatur zu Seuchen: »Chronisten der Plagejahre«.
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Beate Meetz aus Lund/Skåne län; Schweden 27. Mai 2026 um 10:38 UhrDie legendäre DKP-nahe Literaturzeitschrift »kürbiskern« aus dem Damnitz Verlag München mit dem Untertitel »Literatur, Kritik, Klassenkampf« erschien von 1965 bis 1987 zeitweise mit bis zu ca. 10.000 Exemplaren und wurde von Christian Geissler, Friedrich Hitzer, Yaak Karsunke, Hannes Stütz und Manfred Vosz herausgegeben. Ab 1968 waren die Herausgeber auch, bedingt durch einen teilweisen Wechsel, Walter Fritzsche, Klaus Konjetzky, Oscar Neumann und Conrad Schuhler. Sie haben sich große Verdienste bei der Veröffentlichung der Werke von Max von der Grün und den vielfältigsten literarischen Formen der Autoren des »Werkkreises Literatur der Arbeitswelt« aus Deutschland, Österreich sowie der Schweiz erworben. Ich habe das Glück, alle Ausgaben der faszinierenden Zeitschrift zu besitzen, die uns viele wertvolle, hilfreiche, interessante, weiterführende Anregungen und Hinweise während unseres Studiums, der späteren Tätigkeit im Buchhandel, den Bibliotheken, an wissenschaftlichen Einrichtungen, der Arbeit auf den Gebieten Kultur und Kunst, im abendlichen und nächtelangen Meinungsaustausch bei oftmals heißen kontroversen Diskussionen und Debatten lehrreich vermittelt haben. So erhielten wir dann auch breite Berührung mit den verschiedenen Werken von Max von der Grün und waren nicht immer einhelliger Auffassung zu seinen Publikationen. Sie haben uns im Laufe der Jahrzehnte aber immer mehr oder weniger begleitet. Eine marxistische Kulturzeitschrift wie der »kürbiskern« fehlt heute mit seiner damaligen erheblichen Wirkmächtigkeit in kulturell-künstlerischen Kreisen im linken Spektrum im gesamten deutschsprachigen Raum. Insofern habe ich die große Hoffnung, das mit der Wiederherausgabe der Kulturzeitschrift »Melodie & Rhythmus« diese jetzt lange Zeit bestehende Lücke nun geschlossen wird und den immer noch bestehenden linken Kulturbetrieb kritisch-konstruktiv begleitet, denn die auch vom Damnitz Verlag München herausgegebene Zeitschrift für engagierte Kunst »tendenzen« fehlt nun
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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