Aus: Ausgabe vom 20.05.2017, Seite 11 / Feuilleton

Der Zuschauer muss aktiv werden

Oberhausen ist nach wie vor Deutschlands wichtigster Ort für Cinephile: Impressionen von den 63. Internationalen Kurzfilmtagen

Von Michael Girke
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Umgang mit alten Geistestraditionen: »500.000 Years«

Gleich der erste Block des umfangreichen Programms der 63. Oberhausener Kurzfilmtage war ein Ereignis, vor allem Chai Siris’ von Thailands großem Regisseur Apichatpong Weerasethakul mitgeförderter Film »500.000 Years«, der am Dienstag mit dem Hauptpreis des Internationalen Wettbewerbs ausgezeichnet wurde. Er spielt in einer abgelegenen Waldlandschaft und kreist um Themen wie den schonungslosen Umgang der Heutigen mit alten Geistestraditionen. Der Zuschauer muss aktiv werden, muss den Film auf Grundlage der stillen, äußerst subtil inszenierten Szenefolgen mit zusammensetzen. Eben das macht »500.000 Years« so ungemein eindrücklich. Auf diesem hohen Niveau ging es dann weiter. »Me Montage« von dem Afghanen Dawood Hilmandi oder »Terrenal« von Ivan Jose Capriotti und Sofia Lena Monardo (Argentinien) demonstrierten dem für längere Zeiten nicht bei diesem Festival weilenden Verfasser dieser Zeilen: Oberhausen ist nach wie vor Deutschlands wichtigster Ort für Cinephile.

Das traf gut

In Volker Kösters im NRW-Wettbewerb laufenden »Wo Feuer ist, ist auch Rauch« geht es um ein reales Ereignis. Am 18. Mai 2016 wurde im Zuge einer Demonstration in Paris ein Streifenwagen in Brand gesetzt. Einer der aussteigenden Polizisten wurde brutal attackiert, verteidigte sich, ohne selbst aggressiv zu werden und wurde darauf­hin zum Medienhelden. Die Nachrichtenbilder von »über alle Grenzen gehenden Gewaltdemonstranten« hatten ihren Anteil daran, dass die Proteste gegen Arbeitsrechtsreformen zum Erliegen kamen. Köster dekonstruiert diese Bilder, verlangsamt sie, zeigt sie immer wieder, ergänzt sie um andere Aufnahmen der Ereignisse. Und arbeitet so heraus: Einige der Demonstranten verhalten sich eigenartig; nicht so, als würden sie aus dem Moment heraus ein Polizeiauto angreifen, sondern einer Absprache folgen. Gab es eine solche, haben womöglich sogar die von diesem Vorfall profitierenden Behörden mitgemischt?

Etliche im Publikum waren nicht einverstanden: Der Regisseur biete nicht Lesarten an, sondern stelle seine Sympathien und Abneigungen allzu sehr heraus, bediene sich im Grunde genau jener Verfahren, die er bei den von den öffentlichen Medien versendeten Bildern kritisiere. Das traf gut, was an »Wo Feuer ist, ist auch Rauch« problematisch ist. Und doch, alles hat mehrere Seiten, zeigte dieser Film eine Menge: wie in einem ganz konkreten Fall Medienbilder arrangiert, beschnitten, instrumentalisiert worden sind. »Wo Feuer ist, ist auch Rauch« ist trotz seiner offenkundigen Schwächen eine Art Medienarchäologie, ein aufklärerischer Film über andere Filme, wie man sie sich viel häufiger wünschen würde.

Fernsehsteinzeit

In der ersten Veranstaltung der Reihe »Podium« drehte es sich um das von Tilmann Baumgärtel kuratierte Programm »Soziale Medien vor dem Internet«. Regisseur Gerd Conradt, Künstler Benjamin Heidersberger, »Filmvermittlerin« Mahide Lein und Baumgärtel selbst diskutierten über »experimentelle« Sendeformen, die es in der Fernsehsteinzeit einmal gegeben hat. Heidersberger etwa, früher Mitglied des auch in der Popwelt bekannten Künstlerkollektivs »Minus Delta T«, empfing in den frühen 90er Jahren bei 3sat täglich mehrstündig, live und ungeschnitten Gäste aus allen Bereichen der Wirklichkeit. Zuschauer konnten sich per Anruf ins Programm einbringen, und so, medientheoretisch formuliert, von bloßen Empfängern zu aktiven Sendern werden. Bis eines Tages Christoph Schlingensief anrief und dazu aufforderte, Helmut Kohl zu töten, woraufhin der Intendant des ZDF im Kanzleramt vorstellig werden musste. Fortan konnte eine von 3sat installierte Dame jederzeit einen Knopf drücken, so dass Programminhalte, die von »höherer Stelle« als unliebsam erachtetet wurden, nicht mehr bis zu den Zuschauern drangen.

Das Lamento, unsere Fernsehsender würden immer quotengeiler und dadurch flacher, ist so verbreitet wie beliebig. Es braucht Erinnerungen und Erfahrungsberichte wie die von Heidersberger oder Lein, weil sie den Nachgeborenen en détail vermitteln, wie neugierig, frei und öffentlichkeitszugewandt unsere von unserem Geld bezahlten öffentlich-rechtlichen Sender einmal gewesen sind – und also: sein könnten.

Allein Aguilar

Am meisten zu sich kommt das Festival indes bei Werkschauen, die Geneigten helfen, Entwicklungen oder Obsessionen einer Regisseurin oder eines Regisseurs in den Blick zu bekommen. In diesem Jahr widmete man sich neben anderen Sandro Aguilar, einem Portugiesen, dessen Arbeiten Belege für die beeindruckende derzeitige Filmblüte in diesem Land sind. Aguilar meinte nach einer Vorführung im Gespräch mit dem Kurator Olaf Möller, dass er immer dann, wenn seine Filme zu offensichtlich zu werden drohten, das Interesse an ihnen verliere. Ihm ginge es darum, seinen Figuren in (Gefühls-)Bereiche zu folgen, die weder er noch seine Darsteller vorher kennen würden. Die aus dieser Haltung entstandenen Werke sind kinematographische Ereignisse sondergleichen. Die Kontinuität zerfällt in ihnen, der Betrachter bewegt sich durch eine Welt aus ungemein sinnlichen Momenten; Zusammenhänge, Zustände bilden sich heraus, wenn man auf die Details achtet, auf Licht und Schatten, Körper und Dinge. Hätte man in Oberhausen allein Aguilars Filme sehen können, es wäre immer noch ein formidables Festival gewesen.

Kritische Spitzen

Bemerkenswert auch der Eröffnungsabend. Nach den Reden der Lokal- und Landespolitiker trat Festivalleiter Lars Henrik Gass ans Mikrofon, entschuldigte sich dafür, dass seine Manuskriptzettel durcheinandergeraten waren und mäanderte durch diverse Themengebiete. Die Forderung des IWF (»einer bestimmt wieder linken Organisation«) nach höheren Vermögensabgaben und einer endlich spürbaren Lohnsteigerung für Beschäftigte in Deutschland kam zur Sprache. Oder die Digitalisierung alter Filme, für die die Politik inzwischen zwar Geld zur Verfügung stellt, was ihr aber häufig genug als Feigenblatt dient, mit Mehrausgaben verbundene Fragen zu verdecken wie die nach der Erhaltung jener Materialien, auf denen die Filme dereinst gedreht und abgespielt, für die sie ästhetisch konzipiert worden sind. Ob der Festivalleiter etwas zu verlieren hat, wenn er die im Saal nicht nur massiv präsente, sondern das Festival finanziell am Leben haltende Politik mit kritischen Spitzen bedenkt? Jedenfalls erinnerte Gass’ Rede zuweilen an Ausführungen des großen Kinomenschen Jean-Luc Godard. Diese waren niemals wissenschaftlich wasserdichte Vorträge, halfen dafür aber stets, überhaupt Artikulationen für bestimmte Zusammenhänge zu finden, einer immer absurderer Dynamik unterliegenden Öffentlichkeit Denkpausen aufzunötigen. Die Eröffnungsrede des Festivalleiters war ein fulminant kinematographisches Ereignis, Worte wie Filme sozusagen. Über welches andere Festival ließe sich so etwas sagen?

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