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04.04.20261 Leserbrief
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Märchen des Tages: Höhere Lebenserwartung
Friedrich Merz will die Rentenhöhe stärker an die Lebensarbeitszeit binden, Lars Klingbeil an die Zahl der Beitragsjahre koppeln. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) behauptete im September, »dass wir angesichts einer höheren Lebenserwartung länger arbeiten müssen«. Die Rente muss runter, und dafür wird gelogen wie im Krieg: Angeblich leben die Leute immer länger und fressen allein dadurch die Rentenversicherung auf.
Stimmt nicht, antwortet nun die Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Sarah Vollath. Laut dpa sagt die Statistik: Das gesetzliche Rentenalter steigt bis 2030 auf 67 Jahre, aber die Lebenserwartung für ältere Menschen liegt heute nicht höher als 2014. Die Daten zeigen demnach zudem deutliche regionale Unterschiede: So haben Männer in Baden-Württemberg mit 65 statistisch gesehen ganze zwei Jahre länger vor sich als in Sachsen-Anhalt, 18,6 Jahre gegen rund 16,6 Jahre. Weil Du Ostdeutscher bist, musst Du früher sterben.
Vollath wollte die Rufe nach einer weiteren Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters kontern und sieht sich bestätigt: »Selbsternannte Rentenexperten fantasieren sich seit Jahren die Erzählung zusammen, dass die Lebenserwartung immer weiter steigt und die Menschen viel zu früh in Rente gehen.« Den Angaben nach hatten 65jährige zuletzt Aussicht auf weitere 19,4 Lebensjahre, das liegt auf demselben Niveau wie zehn Jahre zuvor. Das Renteneintrittsalter ist aber im Vergleich zu 2014 bereits um ein Jahr vorgerückt, der tatsächliche Renteneintritt um 1,3 Jahre. Laut Vollath steigt damit die Regelaltersgrenze zwischen 2012 und 2030 »ungefähr doppelt so schnell wie die Lebenserwartung«. So bleibt das Ableben sozialverträglich, wird die Umverteilung von unten nach oben nicht durch die Renten gefährdet. Kriegstüchtigkeit kostet schließlich was.
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Istvan Hidy aus Stuttgart 6. Apr. 2026 um 21:49 UhrDie Lebenserwartung stagniert, während das Renteneintrittsalter weiter steigt – das bedeutet faktisch: Die Zeit, in der Renten ausgezahlt werden, verkürzt sich. Die »goldenen Zeiten« der Bonner Republik oder der DDR sind längst vorbei, und sichere, gut bezahlte Arbeitsplätze gibt es heute kaum noch, vor allem in der Privatwirtschaft. Doch genau hier liegt ein entscheidender Punkt: Die Diskussion konzentriert sich auf die gesetzliche Rente, während die üppigen Beamtenpensionen weitgehend ausgeklammert werden. Beamte genießen sichere Arbeitsplätze, umfassende medizinische Versorgung – als Privatpatienten – und eine deutlich höhere Lebenserwartung. Ihre Pensionen, die ursprünglich bescheiden kalkuliert waren, überschreiten mittlerweile häufig die maximale Rente, die in der Privatwirtschaft erreichbar ist. Diese finanziellen Lasten belasten die Staatskasse erheblich, während die gesetzliche Rentenversicherung weiterhin als Hauptproblem dargestellt wird. Politiker, Juristen und Architekten, die nicht gesetzlich versichert sind, profitieren zusätzlich von diesem System – die Umverteilung läuft zu Lasten der Allgemeinheit. Kurz: Wer übersteigendes Rentenalter und »zu lange Rente« diskutiert, darf die ungleichen Bedingungen zwischen gesetzlich Versicherten und Beamten nicht verschweigen.
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