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Bas erstaunt

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Blendwerk ist noch Wertarbeit in den großen Medienhäusern. Einer der Hauptsätze der Ideologieproduktion in kapitalistisch verfassten Gesellschaften lautet: Interessen des Kapitals werden als die Interessen aller beziehungsweise als die Interessen der Nation ausgegeben. Kommt dann und wann aber mal vor, dass ganz eigene Interessen artikuliert werden, die quer zur genannten Behauptung stehen, muss der korrigierende Meinungsbildungsapparat angeworfen werden. Das ließ sich jüngst in Reaktion auf den DGB-Kongress beobachten.

Verhalten geht’s da noch beim Tagesspiegel zu, wo aus der Kampfansage des DGB gegen Angriffe auf den Achtstundentag ein Problem für die SPD abgeleitet wird: »Das macht die Sache für die Sozialdemokraten so schwierig: Sie kann es sich in ihrer derzeit verzweifelten Lage nicht leisten, die Gewerkschaften als Bündnispartner zu verprellen. Aber am Koalitionsvertrag kommt sie eben nicht vorbei. ›Was sollen wir denn bitte machen?‹, fragen Sozialdemokraten.«

Tja, was bloß? Den fatalistischen Hinweis auf den Koalitionsvertrag, den auch Bärbel Bas auf dem DGB-Kongress vorgebracht hat, will man in der Taz, die hier tatsächlich den Standpunkt der Lohnabhängigen vertritt, nicht gelten lassen: Die Arbeitsministerin tritt unversehens »als beflissene Staatsnotarin« auf, »die kleinlich darüber wacht, dass die Punkte des Koalitionsvertrags auch ordentlich abgearbeitet werden«. Die Unterwerfung unter den angeblichen Sachzwang könnte das Ende für die Partei bedeuten: »Wenn die SPD nicht das Ende des Achtstundentags verhindert, dann ist ihr wirklich nicht mehr zu helfen.«

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»Bas ohne Courage« findet auch die FAS, allerdings vom entgegengesetzten Klassenstandpunkt: »Die Aufgaben, die vor diesem Land liegen« – das ist es wieder, das behauptete gemeinsame Interesse – »sind so groß, dass sie nur durch einen gemeinsamen Kraftakt erledigt werden können.« Doch Bas – stellvertretend für alle anderen Politiker des Landes – scheint »Angst vor ihrer eigenen Courage zu haben«. Dabei wisse sie doch ganz genau, »was getan werden muss, aber lässt sich einklemmen von Parteilinken und Gewerkschaftern«.

Und die sind schließlich die allerschlimmsten, weiß final der allerfreieste Mitarbeiter von Welt,Ulf Porschardt: Völlig »kaputt«, der »DGB-Laden von Yasmin Fahimi«, »feist und bürokratisch«. Gewerkschaften »sind strukturkonservative bis reaktionäre Institutionen des ökonomischen Niedergangs«. Dagegen hilft nur eins: »Die Weltfremdheit der Gewerkschaftsbonzen erfordert einen Aufstand der Arbeiter«, nötig wäre, dass die »gegen die Gewerkschaften streiken«. Arbeiter, die gegen ihre eigenen Interessen marschieren, der feuchte Traum eines drittklassigen Blendwerkers. (brat)

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 18.05.2026, Seite 2, Ansichten

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