Märchen des Tages: Höhere Lebenserwartung
Von Arnold Schölzel
Friedrich Merz will die Rentenhöhe stärker an die Lebensarbeitszeit binden, Lars Klingbeil an die Zahl der Beitragsjahre koppeln. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) behauptete im September, »dass wir angesichts einer höheren Lebenserwartung länger arbeiten müssen«. Die Rente muss runter, und dafür wird gelogen wie im Krieg: Angeblich leben die Leute immer länger und fressen allein dadurch die Rentenversicherung auf.
Stimmt nicht, antwortet nun die Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Sarah Vollath. Laut dpa sagt die Statistik: Das gesetzliche Rentenalter steigt bis 2030 auf 67 Jahre, aber die Lebenserwartung für ältere Menschen liegt heute nicht höher als 2014. Die Daten zeigen demnach zudem deutliche regionale Unterschiede: So haben Männer in Baden-Württemberg mit 65 statistisch gesehen ganze zwei Jahre länger vor sich als in Sachsen-Anhalt, 18,6 Jahre gegen rund 16,6 Jahre. Weil Du Ostdeutscher bist, musst Du früher sterben.
Vollath wollte die Rufe nach einer weiteren Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters kontern und sieht sich bestätigt: »Selbsternannte Rentenexperten fantasieren sich seit Jahren die Erzählung zusammen, dass die Lebenserwartung immer weiter steigt und die Menschen viel zu früh in Rente gehen.« Den Angaben nach hatten 65jährige zuletzt Aussicht auf weitere 19,4 Lebensjahre, das liegt auf demselben Niveau wie zehn Jahre zuvor. Das Renteneintrittsalter ist aber im Vergleich zu 2014 bereits um ein Jahr vorgerückt, der tatsächliche Renteneintritt um 1,3 Jahre. Laut Vollath steigt damit die Regelaltersgrenze zwischen 2012 und 2030 »ungefähr doppelt so schnell wie die Lebenserwartung«. So bleibt das Ableben sozialverträglich, wird die Umverteilung von unten nach oben nicht durch die Renten gefährdet. Kriegstüchtigkeit kostet schließlich was.
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