Könnte sich die Linke gegen die Ultrarechten vereinen?
Interview: Thorben Austen
Bei den Präsidentschaftswahlen deutet sich ein Einzug der rechten Kandidaten Keiko Fujimori und Rafael López Aliaga in die Stichwahl an. Wer sind die beiden, und wie lief die erste Runde ab?
Fujimori und López Aliaga sind ultrarechte Kandidaten. Fujimori ist die Tochter von Alberto Fujimori, der Peru von 1990 bis 2000 regierte und wegen Menschenrechtsverletzungen in Haft saß. Bei den Wahlen am Sonntag konnten rund 63.000 Wähler in mehreren Stadtteilen von Lima nicht abstimmen. Deshalb wurde die Wahl bis Montag verlängert. Auf Platz drei kommt aktuell Jorge Nieto, ein interessanter Kandidat, heute eher der politischen Mitte zuzuordnen, aber als junger Mann in linken Organisationen aktiv. Roberto Sánchez von der linken Partei Juntos por el Perú (Zusammen für Peru, JP) hat deutlich aufgeholt und liegt bei Auszählung von 80 Prozent der Stimmen am Dienstag abend (Ortszeit) mit über elf Prozent nur knapp hinter einem Platz für die Stichwahl. Das liegt daran, dass die Stimmen in den ländlichen Regionen, in denen JP viel Zuspruch hat, vor allem im Süden des Landes, zuletzt ausgezählt werden.
Aber alles in allem scheint die Rechte zu gewinnen.
Das stimmt, Abgeordnetenkammer und Senat sind zwar auch noch nicht komplett ausgezählt, aber hier deutet sich die Tendenz nach rechts noch deutlicher an: Etwa die Hälfte der Abgeordneten gehört voraussichtlich zu ultrarechten Parteien, die andere Hälfte von Mitte-rechts bis links. Die Leute suchen Sicherheit und Ordnung. Eine skandalös hohe Kriminalitätswelle sucht vor allem den Großraum der Hauptstadt Lima heim. Die Rechte verspricht hier Sicherheit, daher bekommt sie auch viele Stimmen aus den ärmeren Volksschichten. Der zweite Grund ist die weitverbreitete neoliberale Ideologie in der Gesellschaft und zuletzt die Repression, die es in den Jahren nach dem Putsch gegen Pedro Castillo gegen die sozialen Bewegungen gegeben hat. Es gibt eine gesellschaftliche Haltung, die diese Wahlerfolge begünstigt hat.
Können Sie das näher erläutern?
Es tut mir als Peruaner weh, dies zu sagen, aber wir sind eine korrupte Gesellschaft. Das bezieht sich nicht nur auf die große Politik. Die meisten Bürger haben das verinnerlicht und leben nach dem Motto »Die Maschine muss geschmiert werden«, bei der Polizei, bei Behörden, überall im täglichen Leben. Dies setzt sich fort in der Politik, vor allem bei rechten Parteien und Politikern. Aber auch die Linke hatte ihre Korruptionsskandale. In gewisser Hinsicht ist dieses Verhalten Ausdruck der kreolischen Kultur, die aus Europa kam. In meinen Augen ist dagegen die indigene Bevölkerung eine moralische Reserve des Landes, sie achtet das kommunale und kollektive Leben, wird aber genau deswegen gehasst, diffamiert und angegriffen.
Nach dem Putsch gegen Pedro Castillo Ende 2022 waren soziale Protestbewegungen sehr aktiv, vor allem im Süden des Landes. Welche Rollen spielen sie heute?
Die sozialen Bewegungen sind weiter ein wichtiger Faktor. Zentral ist die einflussreiche Gewerkschaft der Lehrer im öffentlichen Dienst, SUTEP, der auch der ehemalige Präsident Pedro Castillo angehörte, als er selbst ein Dorfschullehrer war. Andere wichtige Bewegungen sind die indigenen Bewegungen gegen Bergbau und Großprojekte, Bewegungen indigener Frauen und die Bewegungen der nichtindustriellen Minenarbeiter. Vertreter einiger dieser Bewegungen haben auch den Sprung ins Parlament geschafft.
Sie sagten einmal, die Linke in Peru sei gleichsam traditionell uneinig. Könnte es eine Einheit vor der drohenden rechten Gefahr geben?
Das ist schon möglich, dass es zum Beispiel gegen Keiko Fujimori eine Einheit geben könnte, zumindest taktisch. Ich persönlich stehe der Allianz Venceremos nahe, die die modernere Linke repräsentiert. Viele haben aber taktisch für die JP gestimmt, weil sie bei den Wahlen die größeren Chancen hat. Roberto Sánchez von JP steht eher für die traditionelle Linke, die zum Teil ein konservatives Gesellschaftsbild hat.
Eland Vera ist Journalist und Soziologe und lehrt an verschiedenen Universitäten in Peru
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