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Konflikt in Osteuropa

Esoterik und hartes Geld

Ukraine: Ehemaliger Kanzleichef Selenskijs soll wegen Geldwäsche in U-Haft. Alte Freunde sollen Kaution vorstrecken

Foto: Pierre Teyssot/MAXPPP/IMAGO
Auf dem Weltwirtschaftsforum war Jermak noch munter dabei – danach verließen ihn die Sterne (Davos, 21.1.2026)

Abgesehen vom Kriegsgeschehen, lebt die politische Ukraine derzeit von einem Korruptionsskandal um den ehemaligen Bürochef von Präsident Wolodimir Selenskij, Andrij Jermak. Er muss sich vor dem obersten Antikorruptionsgericht wegen des Verdachts der Geldwäsche von umgerechnet knapp zehn Millionen Euro verantworten. Er soll Geld, das hohe Beamte der Präsidialverwaltung als sogenannte »Kickback«-Zahlungen aus Korruptionsgeschäften mit der ukrainischen Energiebranche erhalten hatten, durch Investitionen in den Bau einer luxuriösen Villensiedlung namens »Dynastie« im Kiewer Umland legalisiert haben. Eine der Villen soll laut Anklage für Präsident Selenskij persönlich bestimmt gewesen sein.

Der Anklage war das Belastungsmaterial stark genug, um gegen Jermak eine Untersuchungshaft von vorerst 60 Tagen anzuordnen. Jermak kann den Gang ins Gefängnis vermeiden, wenn er kurzfristig umgerechnet 2,9 Millionen Euro an Kaution zahlt. Er kündigte vor Gericht an, Freunde und Kollegen aus der Anwaltsbranche zu bitten, das Geld für die Kaution aufzubringen. Er selbst verfüge nicht über entsprechende Mittel. Ob die Kaution zusammenkommt, war am Donnerstag mittag nicht klar.

Dafür war im Laufe des Prozesses bekanntgeworden, dass Jermak während seiner Amtszeit in der Präsidialkanzlei regelmäßig vor wichtigen Personalentscheidungen die Dienste einer Astrologin und Wahrsagerin in Anspruch genommen hatte. Diese hatte ihm laut im Gericht verlesenen Chatprotokollen geraten, sich seiner Feinde zu entledigen, solange er noch die Unterstützung des Präsidenten besitze. Selenskij hatte Jermak im November als vermutlichen Sündenbock für die um sich greifenden Korruptionsskandale entlassen, nachdem einschlägige Audioleaks auftauchten, auf denen seine Stimme zu hören sein soll. Als Begleitmusik dazu veröffentlichte in den USA der ehemalige Fox-News-Moderator Tucker Carlson am Montag ein Interview mit Selenskijs früherer Pressesprecherin Julija Mendel. Darin erhebt sie – übrigens auf russisch – schwere Korruptions- und Diktaturvorwürfe gegen Selenskij und suggeriert, er halte sich vor öffentlichen Auftritten mit Kokain in Form.

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Gerichtsverwertbar sind die Aussagen von Mendel vermutlich nicht, zumal sie aus den Diensten der Präsidialverwaltung bereits 2021 ausgeschieden ist. Gerüchteweise deshalb, weil sie mit Selenskij ein Verhältnis gehabt habe, das Jermak an Selenskijs Ehefrau verraten habe. Dass sich Tucker Carlson trotz dieser eher bescheidenen Beweislage entschloss, das offenbar schon im Februar aufgezeichnete Interview jetzt zu senden, ist wohl eher als Indiz dafür zu sehen, dass Selenskijs Standing zumindest zum Milieu der US-Republikaner stark gelitten hat.

Unterdessen ist der Drohnenkrieg mit neuer Intensität weitergegangen. Nach Angaben Selenskijs hat Russland seit Dienstag nacht über 1.500 Drohnen und zahlreiche Raketen und Marschflugkörper auf Ziele in der Ukrai­ne abgefeuert. Er bezeichnete den Angriff als »Terror« und sprach von dem schwersten Beschuss seit Kriegsbeginn. In Kiew kamen mehrere Personen ums Leben, als in der Nacht zum Donnerstag ein Wohnblock zerstört wurde. Laut Bürgermeister Witalij Klitschko werden noch weitere Opfer unter den Trümmern vermutet. Die russischen Angriffe vom Mittwoch trafen auch Ziele im äußersten Westen der Ukraine, so die an der Grenze zur Slowakei gelegene Stadt Uschgorod und den Bahnhof von Kowel, knapp östlich der Grenze zu Polen. Die polnische Luftwaffe ließ am Mittwoch Abfangjäger aufsteigen, um ein mögliches Einfliegen von Drohnen in den polnischen Luftraum zu verhindern. Es geschah aber nichts dergleichen.

Doch nicht nur feindliche Drohnen sind eine Gefahr. Nachdem vergangene Woche zwei ukrainische Drohnen im Osten Lettlands eingeschlagen waren, ohne dass die Luftabwehr ansprang, hatte die lettische Ministerpräsidentin Evika Siliņa am Sonntag Verteidigungsminister Andris Spruds entlassen. Darauf zog sich dessen Partei »Die Fortschrittlichen« am Mittwoch aus der Regierung zurück. Ohne Mehrheit, warf Siliņa schließlich am Donnerstag das Handtuch.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.05.2026, Seite 6, Ausland

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