Agnelli-Clan stößt Blätter ab
Von Gerhard Feldbauer
Die einst blühende Branche der Tageszeitungen in Italien steckt in der Abwärtsspirale. Der Strudel der dramatischen Abstürze – täglich werden nur noch 1,3 Millionen Tageszeitungen, Digitalabos inklusive, verkauft – erfasst jetzt mit La Repubblica und La Stampa gleich zwei der renommiertesten Blätter. La Repubblica, die in den 1990er Jahren täglich 700.000 Exemplare absetzte, war trotz sinkender Verkaufszahlen auf gut 100.000 noch immer eine der meistgelesenen Publikationen. Bisher gehörte die linksliberal ausgerichtete römische Zeitung über den Turiner Medienkonzern Gedi Gruppo Editoriale zum Firmenimperium des Familienclans Agnelli-Elkann (Ferrari/FIAT). John Elkann ist Chef der Investmentgesellschaft Exor, der Gedi gehört, und Enkel von Giovanni Agnelli, dem Patriarchen der Familie. Jetzt hat das Traditionsblatt einen neuen und dazu noch ausländischen Besitzer: den griechischen Medienkonzern Antenna, ein Reederkonglomerat mit saudischem Einfluss. Die Griechen gaben sich mit der Zeitung nicht zufrieden und übernahmen auch andere Bestandteile des Gedi-Konzerns: zwei Radiosender sowie das Nachrichtenportal HuffPost Italia. Ein Kaufpreis wurde nicht genannt. Die Rede ist von etwa 110 Millionen.
Gedi gehörte bis vor kurzem auch die Turiner Tageszeitung La Stampa (Die Presse), die an den italienischen Verlag SAE (Sapere Aude Editori) abgestoßen wurde. Bisher war SAE der Herausgeber von sechs Lokalzeitungen, die auch von Gedi übernommen worden waren, und profiliert sich damit nun zentral in der Branche. Nachdem Gedi seit 2019 Verluste von 360 Millionen Euro eingefahren hat, zieht sich Agnelli-Elkann aus dem Mediengeschäft im Land zurück. Die Anteile am einflussreichen Wochenmagazin The Economist in London behält er allerdings. Gegen die Veräußerung hatten die Journalisten beider Zeitungen in den vergangenen Monaten mehrmals gestreikt. Der Chef der Agnelli-Holding vertröstete sie damit, dass sich an der journalistischen Freiheit der beiden Blätter nichts ändern werde.
Am 14. Januar erst hatte La Repubblica das Erscheinen ihrer ersten Ausgabe vor 50 Jahren gefeiert. Gründer war der linke Sozialist Eugenio Scalfari, von 1968 bis 1972 Parlamentsabgeordneter, bis 1996 Chefredakteur. Danach blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 2022 Kolumnist. 1955 hatte er mit dem Schriftsteller Arrigo Benedetti auch den Mailänder L’Espresso gegründet. Unter Scalfari stieg La Repubblica zu einem führenden linken Medium auf, das die faschistischen Putschpläne der »bleiernen Jahre« (anni di piombo) entlarvte. Außerdem förderte La Repubblica die Zusammenarbeit von PCI-Generalsekretär Enrico Berlinguer mit dem Vorsitzenden der Democrazia Cristiana (DC), Aldo Moro. Sie machte die Aktivitäten der CIA und deren italienischen Komplizen, die Moro als einen »Allende« Italiens verketzerten, oder die Unterwanderung der Roten Brigaden durch Geheimdienstagenten publik. Zu ihren Sternstunden gehörte, dass sie bereits am 18. März 1978 berichtete, dass zwei Tage zuvor das Begleitkommando Moros bei dessen Entführung durch die Roten Brigaden von Militärspezialisten umgebracht worden war.
So klar war die Linie von La Stampa zwar nicht, aber sie beförderte in den 1960er und 70er Jahren immerhin die politische Einflussnahme des FIAT-Konzerns, der zur Sicherung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit Italiens von den USA Verträge mit der UdSSR abschloss. Auch dass FIAT mit den ultrarechten Regierungen unter Medientycoon Silvio Berlusconi nichts am Hut hatte, spiegelte sich in La Stampa wider. Mit solcherlei Haltungen dürfte unter den neuen Besitzern in beiden Zeitungen jetzt Schluss sein.
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