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Comic

Viel Geduld und ein großer Papierkorb

Ein Leben für Donald Duck: Vor 125 Jahren wurde der geniale Comiczeichner und Geschichtenerfinder Carl Barks geboren

Foto: Tor Richardsen/Reuters, Everett Collection/IMAGO
Ein humorvoller Mann: Carl Barks (27.3.1901–25.8.2000)

Carl Barks war der mit Abstand bekannteste Disney-Zeichner. Er hat Donald Duck fast von Beginn an begleitet. Nur ein Jahr nach dessen Leinwanddebüt 1934 begann Barks (­­27.3.1901–25­­.­­­ ­­8.2000) in den Disney-Studios als Gagschreiber für Donald-Filme. 1942 zeichnete er den ersten Comic, bald schrieb er auch selbst die Skripte. Barks hat auf rund 6.000 Comicseiten fast das ganze Universum der Ducks erfunden, nicht nur die meisten Familienmitglieder, sondern beinahe ganz Entenhausen mit seinen Bewohnern, darüber hinaus Widersacher wie Mac Moneysac und die Panzerknackerbande.

Barks’ deutsche Übersetzerin Erika Fuchs gilt als »kongenial«, weil sie versucht hat, die US-amerikanischen Orts- und Personennamen, Lieder usw. mit Anleihen aus der deutschen Kultur zu übersetzen; so ist Donald zum Beispiel Exmitglied des – 1896 in Berlin-Steglitz gegründeten – Wandervogels. Trotz seltener Ausrutscher wie dem Panzerknackerchoral »Heute gehört uns die Kohldampfinsel, morgen die ganze Welt«, der in der betreffenden Geschichte um Machtstreben, Weltherrschaft und eine Versteinerungskanone sogar noch vertretbar ist, galt ihr Werk jahrzehntelang als so vorbildlich, dass der Verlag Ehapa sich mit ihr rühmte. Zeichen der Zeit: Neuerdings heißt es auf den Barks-Covern »Mit überarbeiteter Version der Originalübersetzung von Dr. Erika Fuchs«.

Mit Barks (und Fuchs) reisten die Ducks und ihre Leserschaft auf den Grund des Meeres, ins Land der viereckigen Eier, nach Tralla La im Himalaja, in die Arktis und den Dschungel, zum Goldenen Vlies, zu den sieben Städten von Cibola und an viele wundersame Orte mehr. Donald arbeitet als Sheriff, Museumswärter, Abbruchunternehmer, Vertreter, Taucher, Friseur – die einschlägigen Listen zählen mehr als einhundert Tätigkeiten auf. Im »schlauen Buch« der drei Duck-Neffen Tick, Trick und Track, dem Pfadfinderhandbuch des Fähnlein Fieselschweif, steht genau das, was die jeweilige Situation gerade erfordert. Gut, damals gab es noch keine Smartphones, aber die Glotze, und der stand Barks sehr ablehnend gegenüber, »es macht die Menschen wirklich kaputt und vergiftet sie«. Er wollte die Kinder nicht nur unterhalten, sondern sie auch zum Nachdenken bringen.

Dabei war er ein bescheidener Mensch. Auf die Frage, wie er auf all die Ideen kam, sagte er: »Es war weder Genialität noch außergewöhnliches Talent, das die Geschichten gut machte, sondern Geduld und ein großer Papierkorb.« Und die Geschichten waren natürlich gut – aber sind sie noch zeitgemäß?

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Man kann Barks und dem Genre Funny Animals im allgemeinen keinen Rassismus vorwerfen, nicht einmal Speziesismus: Zwar sind Polizisten und Kriminelle wie die Beagle Boys (also die Panzerknacker) Hunde, Richter sind Eulen, Widersacher sind oft Schweine, und Enten und Gänse sind kleiner als die anderen, aber meist die Guten, doch wie der Duckkenner Patrick Bahners in seinem Buch »Entenhausen. Die ganze Wahrheit« (Beck 2013) bemerkt: »Es ist ein unausgesprochenes Gesetz der antirassistischen Idealstadt, dass die Artenunterschiede nicht zur Sprache gebracht werden. (…) Als Donald Duck und seine Neffen beschuldigt werden, (…) einen Waldbrand im Adlergebirge verursacht zu haben, lässt der Oberförster nach einem kleinen Herrn in Matrosenbluse und drei Kindern fahnden, nicht nach vier Enten.«

An anderer Stelle ist die Artentrennung auch wieder sehr konsequent. Die Ducks haben in vielen Episoden einen Bernhardiner, also einen Hund, und verzehren zum Erntedankfest Geflügel, ohne dass der Eindruck von Sklaverei und Kannibalismus aufkommt. Affen, klügere oder zumindest humanoidere Tiere als Laufenten, stehen auch in Entenhausen unter der gefiederten, also eigentlich menschlichen Bevölkerung. Was lehrt uns das? Es sind nur Bildgeschichten.

Allerdings spiegeln viele seiner Comics durchaus ihre Entstehungszeit wider. Daisy ist dümmlich, hysterisch, oberflächlich und manipulativ, oder positiv gewendet emotional, schönheitsbewusst und geschickt im Umgang mit dem anderen Geschlecht, jedenfalls schafft, denkt, arbeitet, »macht« sie nicht, ihre Mission ist Selbstverschönerung und die Ästhetisierung ihrer Umwelt zwecks Wertsteigerung bei der Partnersuche. Das ist das Frauenbild der 1940er und 1950er Jahre mit der nicht unerheblichen Abweichung, dass die Selbstaufhübschung nirgendwohin führen kann, weil es in Entenhausen keine Kernfamilie mit Vater, Mutter gleich Hausfrau und Kind gibt, denn das würde ja Sexualität implizieren, die bei Disney und also auch bei Barks nie über Blumen zum Geburtstag und ein seltenes verschämtes Küsschen hinausgeht.

Nein, die Frauen machen keine gute Figur. Andererseits ist es schwer vorstellbar, dass der Konzernchef damals eine ganzkörpertätowierte Butchlesbe oder einen Lack und Leder liebenden LGBTQIA+-Aktivisten in den Comics aus seinem Hause akzeptiert hätte, und sei es in Tierform, wenn er nachweislich schon Andeutungen von weiblichen Busen retuschieren ließ, und außerhalb des Duckschen Mikrokosmos konnten Frauen – oder eigentlich Weibchen, wir reden ja von Tieren – durchaus auch Rollen abseits von Herd und Häkelnadel einnehmen, ohne gleich Hexe zu sein wie Gundel Gaukeley. Dorette Annette Lisette etwa, genannt Oma Duck, betreibt einen Bauernhof und ist durch ihr Alter aus dem Geschlechterzirkus raus, sie muss keinen Partner für sich gewinnen. Sie hat auch ein Auto, kurioserweise ein batteriebetriebenes Fahrzeug von Detroit Electric. In den 1910er Jahren, vor dem Siegeszug der Verbrennungsmotoren, waren die Modelle dieser Firma recht erfolgreich; Thomas Edison, John D. Rockefeller und sogar Führungs­kräfte von Ford fuhren diese Marke. Bei Carl Barks steht der Karren mit seiner Höchstgeschwindigkeit von 20 Meilen pro Stunde für Gemütlichkeit und Rückständigkeit, aber wer heute wie bei den Rollenbildern bescheuert anachronistisch argumentieren will, kann in Oma Duck auch eine Vorreiterin der Elektromobilität sehen.

Nicht zuletzt ist zu bedenken, dass es die Comics erst einmal geben muss, bevor man sie verteufeln kann. Wenn Carl Barks in den 1990ern geboren worden wäre oder damals, aber mit dem aufgeklärten Geist von heute, wäre sein Werk so nicht entstanden. Umgekehrt ist es nicht schwer, in einigen seiner Geschichten aus den 1940er Jahren Anklänge an Kriege und Katastrophen der damaligen Zeit zu finden. In Barks’ allerletzter Geschichte von 1968 geht es sogar darum, dass Daisy keine Lust mehr hat, für einen möglichen zukünftigen Ehemann Strümpfe zu stricken, und statt dessen einen Beruf ergreift. Na bitte. Mit anderen Worten: Auch zum 125. darf und sollte man die Barks-Comics lesen. Ein Leben ohne ist möglich, aber traurig.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.03.2026, Seite 11, Feuilleton

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