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Psychologie

Auf dem Laufsteg: Me, My Selfie and I

Foto: Westend61/imago
Erkenne dich selbst: Das Selfie ist das neue Delphi

Man hat ja einen ganz falschen Eindruck von sich selbst. So ist es ein großer Moment im Leben eines Menschen, wenn er das erste Mal die eigene Stimme hört. Alle wissen, wie man klingt, und finden das völlig akzeptabel, ja: normal, nur man selbst kann sich lange nicht daran gewöhnen. Keine Freundin, kaum ein Feind hat eine so widerliche Stimme wie ich selbst.

Weniger Beachtung findet der Umstand, dass wir uns auch optisch nicht kennen. Was wir tagtäglich im Spiegel begutachten und für unser Gesicht halten, ist in Wirklichkeit seitenverkehrt. Die echte Visage, die wir täglich unseren Mitmenschen zeigen, sehen wir nur auf dem Foto, und sie gefällt uns nicht. Wer sagt schon, auf Bildern sehe ich besser aus als in echt, oder entspiegelt die Selbstansicht in der Videokonferenz? Angenommen, die Gesichtsanalyse – linke Hälfte: inneres, rechte: öffentliches Selbst – enthält zwei, drei Körnchen Wahrheit, täuschen wir uns damit auch über unser Inneres, was allerdings kein ganz junger Hut ist.

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Am Apollotempel von Delphi steht ja nicht Gnṓthi toùs állous, erkenne die anderen, sondern Gnṓthi seautón, erkenne dich selbst. Mit anderen Worten: Denk bloß nicht, du weißt schon, wer du bist! Die gute Nachricht nun: Die mobilen Endgeräte, über die so viel Schlechtes gesagt wird – Zeitfresser, Monstranz, Prothese, Krankmacher, Isolator, Narzissmusdünger, Spitzelmaschine – konfrontieren ihre Nutzer täglich aufs neue mit ihrer Stimme und ihrem Aussehen. Denn was schauen und hören sich die Menschen an, wenn die Katzenvideos und die Wort- und Bildmeldungen der ganzen »Freunde« durchgekämmt sind? Genau, sich selbst. Höflich die Ausflüsse der anderen wegliken, dann wird gepost und gepostet, denn die Welt ist mein Laufsteg: Mag ich, gefällt mir, aber sieh mal ich! Kommt dazu, dass KI jetzt auch Psychotherapie anbietet. Wir sind uns also immer weniger fremd, schauen mit dem Kommunikationsknochen auf den Grund unserer Seele. Das Selfie ist das neue Delphi. Nicht, dass ich mir am Ende doch noch ein Handy kaufe …

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.04.2026, Seite 11, Feuilleton

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