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22.04.20261 Leserbrief
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Kein leichtes Leben
Bérengère Cournuts und Jean-Paul Krassinskys Comic »Das Lied der Arktis«
Prähistorische und (andere) indigene Gesellschaften sind ein denkbar schwerer Hintergrund für eine Erzählung. Die Menschen sind nicht Akteure auf der Weltbühne, sondern Teil der beseelten Natur, und ihr Leben wird weit mehr von ihr bestimmt als von Befindlichkeiten, Machtverhältnissen und Intrigen. Nicht die Begegnung mit dem Mitmenschen, sondern die mit dem Hirsch oder Bären muss glücklich verlaufen. Entwicklung ist Erfüllung, denn es gibt nicht Auf- und Abstieg, nur Kreislauf. Das bedeutet nicht, dass man vor bzw. ohne Ackerbau und Viehzucht neben den reproduktiven Tätigkeiten Werkzeugpflege, Jagd, Kochen, Sex nur schlief oder stumm aufs Lagerfeuer starrte, dafür hatten unsere Vorfahren viel zu viel Freizeit, wie Marshall Sahlins in seinem berühmten Buch »Stone Age Economics« gezeigt hat, aber die Spiele, Rituale und Geschichten waren von einer Magie durchdrungen, auf die sich heutige Schreiber und Leser erst einmal einlassen müssen.
Im umtriebigen Verlag mit dem Namen Schreiber und Leser ist jetzt ein wunderbarer Comic aus der fast untergegangenen Welt der Polarmenschen erschienen. Die junge Uqsuralik wird durch ein Unglück von ihrer Familie getrennt. Sie ist allein mit ihren Hunden, einem Fell und einer Pfeilspitze im tiefsten arktischen Winter, aber sie überlebt. Bald stößt sie auf eine, heute würde man sagen dysfunktionale Gruppe von drei Familien, die von einem, wieder Neusprech, toxischen Alphamann dominiert wird, der zu allem Überfluss auch noch ein schlechter Jäger ist und seiner Gruppe Unglück bringt. Er stellt ihr nach, vergewaltigt sie, sie verletzt ihn. Das macht die Stimmung nicht besser. Vielleicht ist es sein böser Zauber, der Uqsuralik danach wiederholt verfolgt. Sie verliebt sich in seinen Sohn, der Sohn verschwindet. Sie ist schwanger, trennt sich von der Gruppe, verliert fast das Kind, wird im Schlaf vom »kleinen Volk« heimgesucht.
Sie trifft auf eine neue Gruppe, eine Alte nimmt sich ihrer an und alles scheint sich zu fügen, da kommt das Ekel wieder. Später überkommt sie etwas wie eine Depression, die natürlich auch nicht so heißt, eine ganz unangemessene Niedergeschlagenheit, Trauer, Todessehnsucht, obwohl doch alles gut sein sollte: Sie lebt in einer neuen Familie, hat Glück und Talent bei der Jagd, ihre Tochter ist quietschfidel. Die Alte bringt sie in einen Unterschlupf in einem Berg, wo sie den Geistern ausgesetzt ist. Der »Mann aus Licht« wird ihr Liebhaber und reißt sie förmlich auseinander. Sie kehrt zurück zur Gruppe, aber trifft sich weiterhin unter dem Sternenzelt mit dem mächtigen Geist, bis er sie im Liebesspiel fast tötet. Danach ist sie geheilt und das Schicksal meint es gut mit ihr. Das Ekel kehrt ein letztes Mal wieder, aber diesmal singt sein jüngerer Bruder in einem lange herangereiften Lied seine Geschichte von Lüge und Verrat. Nach diesem Gericht verschwindet das Ekel im Eis und wird nicht mehr gesehen. Uqsuralik verliebt sich in einen Schamanen, der sein Wissen mit ihr teilt. Sie schenkt ihm zwei Söhne. Die Alte stirbt, ihre Seele wird in Uqsuraliks Enkelin wiedergeboren … der Kreislauf des Lebens.
Bérengère Cournut hat sich für diese schöne Geschichte intensiv mit der Kultur der nordamerikanischen Inuit beschäftigt. Anfang der 2000er hatte sie schon einige Jahre bei Indigenen im US-Staat New Mexico gelebt und 2016 einen ersten »Ethnoroman« aus der Hopi-Kultur veröffentlicht. Der vielseitige Zeichner Jean-Paul Krassinsky hat ihren Arktisroman adaptiert und mit Tuschestift und Aquarell in Bilder voller Atmosphäre und, ja, Magie verwandelt. Die Leserin, die Vergleichbares möchte, muss lange suchen. »Celle qui réchauffe l’hiver« von Pierre Place ist grafisch weniger überzeugend, »Peindre avec les lions« von Fabien Grolleau und Anna Conzatti denkt sich weniger poetisch (und ebenfalls noch nicht auf deutsch) das Leben in der Steinzeit aus, Ulli Lust geht der Stellung der »Frau als Mensch« im Paläo- und Neolithikum wissenschaftlich nach. Zur Not also Cournut/Krassinsky zweimal lesen.
Bérengère Cournut (Text), Jean-Paul Krassinsky (Zeichnungen): Das Lied der Arktis. Verlag Schreiber & Leser, Hamburg 2026, 208 Seiten, 32,80 Euro
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Mario Primavesi/Prima*vero 22. Apr. 2026 um 11:17 UhrIn einer sich als im Marxismus verwurzelt bezeichnenden Zeitung (die ich gerne lese und dringlich weiterempfehle) unter der Quellenangabe »heute würde man sagen« und »Neusprech« zu lesen, dass es laut Welt- und Menschenbild des Autors (und auch der marxistischen Zeitung?) »dysfunktionale Familien« und die Figur des »toxischen Alphamanns« gibt, ist das magisches Denken, Ekelektizismus (sic), »einfach mal Fünfe gerade sein lassen«, »die Postmoderne« oder »ein Generationendings«? Was soll das beides denn sein, könnten Sie das in einem der zahlreichen hervorragend recherchierten Artikel mal ausdeklinieren? Damit daraus Werkzeuge und womöglich sogar Brücken statt wie bisher Waffen (zur »Ausrottung von Bestien«) und Mauern werden?
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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