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Kulturpolitik

Weimers Sorgen

Ein Kulturstaatsminister gegen seine Entlassung

Foto: Carsten Koall/dpa
»Es soll Berliner Bars geben, in die man ohne den Ausruf ›Fuck Weimer‹ gar nicht mehr reingelassen wird.«

Treten kann er. Buchhändler zum Beispiel oder Musiker. Nur zurücktreten, das kann er nicht. Obwohl Wolfram Weimer vermittels Skandalproduktion alles dafür tut. Noch kein Jahr im Amt, hat der Mann seiner Behörde das Gendern verboten, die Filmförderung zugunsten von Streamingkonzernen reformiert, Konzerte von Bands abgesagt, ein Gedenkstättenkonzept installiert, das Faschismus und Sozialismus gleichgesetzt (während er selbst in der Tradition der Zentrumspartei steht, die Hitler seinerzeit den Steigbügel hielt), auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel eine Kontaktbörse für Wirtschaft und Politik eingerichtet, die Leiterin der Berlinale zu schassen versucht und linke Buchhandlungen von der Preisliste streichen lassen.

Das Muster ist so leicht zu lesen wie die Apostelgeschichten. Ein konservativer Extremist – Gründer des Cicero, leitender Redakteur bei Springer und Burda, Verfasser eines Manifests gegen Kulturmarxismus, Multikulti, Atheismus und Vergesellschaftung – überschreitet die Befugnisse seines Amts. Persönliche Meinung wird zur Generallinie. Deutschland soll Weimer werden.

Apropos Bücher. Unlängst wurde bekannt, dass ­Weimer 1986 ein Buch im Selbstdruck veröffentlicht hat, worin der damals 22jährige unter anderem eine Art Vergewaltigung und den folgenden Tod eines ungeborenen Kindes lyrisch beschreibt: »Kopfpilz«, dein Name ist Programm. Eine Jugendsünde, sicher, dennoch wird man bemerken müssen, dass 99 Prozent von Weimers Mitmenschen dergleichen nicht in ihrer Vita haben.

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Forderungen nach seiner Entlassung sind mittlerweile Folklore. Es soll Berliner Bars geben, in die man ohne den Ausruf »Fuck Weimer« gar nicht mehr reingelassen wird. Zwei Verbände der nahe Weimar gelegenen Gedenkstätte Buchenwald legten Weimer nahe fernzubleiben. Bei der Buchmesse in Leipzig wurde der Minister ausgebuht. Zeit für den Kanzler, den Iron Dome anzuwerfen. Am Mittwoch sagte Merz im Deutschen Bundestag, so ein Kulturstaatsminister sei »unvermeidlich« auch »eine umstrittene Person«. Das stimmt natürlich, doch nicht für Weimer, der sich eines Gegenwinds erfreut, den er nahezu vollständig selbst erzeugt. Weimer, so Merz, begebe sich »in schwierige Debatten«. Genau das aber tut er nicht, er administriert weg, was ihm nicht passt. Das Geheul von Linken, die sich von Weimer verfolgt sehen, trifft es nur halb. Indem Weimer linke Kulturmenschen attackiert, attackiert er darin kulturelle Vielfalt und künstlerische Freiheit. Es geht nicht um die einzelne Buchhandlung, es geht darum, dass Politik kulturelle Unbotmäßigkeit aushalten muss.

Merzens Verteidigung übrigens sollte den Minister unruhig machen: »Wolfram Weimer hat mein Vertrauen.« Man kennt solche Sätze aus der Bundesliga. Sie gehen der Entlassung etwa eine Woche voraus.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.03.2026, Seite 10, Feuilleton

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