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07.05.2026
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Flagranten des Tages: Walretter
Plötzlich war er weg. Wie Keyser Söze, Martin Bormann oder das Corpus Christi. Bizarre Aufzählung? Angemessene. Timmy ist alles, außer er selbst. Er ist der große kleine Andere, Objekt des Begehrens, der Projektion und Aversion. Manche verlangten, das Vieh endlich zu killen, andere tauften es Hope. How telling. Das Tier hinter dem Symbol ist aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr. Diese Hoffnung, sagen praktisch alle Fachleute, wird nicht zuletzt sterben.
Im Zeitalter von Social Media fehlt der Politik die Freiheit, wenigstens hin und wieder rational zu agieren. Die Öffentlichkeit ist Stammtisch geworden. Undenkbar, die Behörden hätten einschreiten können, jene als Tierschützer getarnten Selbstdarsteller daran zu hindern, das todgeweihte Tier über Wochen zusätzlichen Qualen auszusetzen, während sie beim behaupteten Akt tierlieber Humanität nie ihre Selfiesticks vergaßen, alles live bei Insta zu dokumentieren.
Einer Prozession gleich wurde der geschwächte Wal in die Nordsee verbracht. Als sicheres Orcafutter oder – man ist ja nahe Norwegen – Beute für Walfänger. Dem rein symbolischen Akt der Rettung entspricht das rein symbolische Nachspiel. So wahrscheinlich, dass Timmy nicht mehr lebt, so sicher, dass die Hoffnung auch dann nicht sterben darf. Ein dokumentierter Tod wäre ein Desaster für die harsch kritisierten Aktivisten. So bekam das Tier einen Tracker. Der nur nicht tut, was Tracker tun: den Standort senden, dafür tut, was Tracker nicht tun: Vitalwerte übermitteln. Man weiß also nicht, wo Timmy sich befindet, aber dass er lebt, weiß man genau. Wie praktisch. Und natürlich veröffentlichen die Aktivisten die Vitalwerte nicht. Schon fishy – der behaupteten Rettung in der Ostsee folgt das behauptete Fortleben im Ozean. Beides korrespondiert der behaupteten Wirklichkeit, die man Social-Media-Sphäre nennt.
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