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Monat des Tages: Mai

Foto: Paul Zinken/dpa

Mit dem Mai feiern wir den Beginn des Lebens. Und zwar erst mal, indem man am ersten des Monats die Arbeit niederlegt. Paradoxerweise am Tag der Arbeit. Der eigentlich der Tag der Arbeiterklasse ist, der Werktätigen, wie man später sagte, der Arbeitenden, wie man heute sagt. Wenn er Tag der Arbeitenden sei, kann er Tag der Arbeit nicht sein. Arbeit ist Mittel, nicht Zweck des Lebens. Es war an den Nazis, aus dem »Kampftag der Arbeiterklasse« den »Tag der nationalen Arbeit« zu machen, der dann später etwas entschärft im »Tag der Arbeit« aufbewahrt wurde.

Auf den ersten folgen der achte oder der neunte, die Tage der Befreiung oder des Sieges. Wer in Berlin lebt, kann nach Treptow pilgern, wo die Fahne der Sowjet-union zu zeigen mittlerweile verboten ist. Vermutlich, weil die Sowjetunion die Ukraine angegriffen hat. Der Mai zumindest war es nicht. Ungerührt macht er weiter, heißt die Eisheiligen willkommen, lässt die Bäume ausschlagen, Jesus zum Himmel fahren und die Jünger in Zungen reden. Frühling ist die Zeit, in der die Menschheit erwacht. Und der eigentliche Frühling beginnt im Mai, den April, den alten Borderliner, kann man ja nicht dazurechnen. Andererseits ist der Klimawandel munter dabei, das ganze Jahr in den April zu verwandeln.

Man sollte den Mai also feiern, solange es noch Bäume gibt. Ein Gespräch über Bäume war bei Brecht noch Inbegriff des Indifferenten, was sich mittlerweile auch erledigt hat. Apropos Mai und Baum. Der wohl seltsamste Brauch im Mai ist das Verpflanzen eines Baums in den Garten der Angebeteten. Baumraub statt Raubbau. Liebe erweist sich erst dann so recht, wenn ihr Beweis herrlich sinnfrei ist. Die Menschheit also erwacht, während die Welt untergeht. Und sagte nicht Luther schon: Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch einen Baum fällen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.05.2026, Seite 3, Ansichten

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