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Aldi-Nord und -Süd

Die Aldis vereint in Gewerkschaftsfeindlichkeit

Jessica Reisner und Elmar Wigand kommentieren Behinderung von Gewerkschaftsarbeit

Von Jessica Reisner und Elmar Wigand
Foto: jW

Reden wir über Aldi. Eine westdeutsche Institution, die Millionen proletarischer Familien über Jahrzehnte mit günstiger Nahrung versorgt hat. Dafür zunächst einmal: Danke! Reden wir weiter über einen Abnehmeroligopolisten, der Bauern und andere Produzenten mit schierer Marktmacht erpressen kann. Der viele ruinieren und wenige reich machen kann – wie den Schweinebaron Tönnies. Dessen Kassiererinnen das Wechselgeld schon passend in der Hand hatten, als du noch nicht einmal wusstest, welchen Schein du zücken würdest. Dessen Gründer selbst unfassbar reich geworden sind und – auch das typisch westdeutsche Eigenart, die wir womöglich der Roten Armee Fraktion und anderen Entführern der 1970er Jahre verdanken – unglaublich anonym blieben. Hier unterschied sich die BRD von den USA, dem gelobten Mutterland der Discounteridee und »No frills«-Philosophie (kein Schnickschnack), wo obszöner Reichtum als Gnade Gottes galt und frech zur Schau gestellt wurde, wo gottbegnadete Unternehmergenies inzwischen persönlich nach der Weltherrschaft greifen, den Mars besiedeln und gottgleich, nämlich unsterblich, werden wollen.

Zur Wesensart westdeutscher Unternehmerdynastien gehörte wohl auch, dass sie sich regelmäßig bis aufs Blut zerstritten und böse trennten. So wie Adidas und Puma, also die Gebrüder Dassler. So kommt es, dass Deutschland heute immer noch geteilt ist – 36 Jahre nach der deutschen »Wiedervereinigung« und 2017 Jahre nach der Varusschlacht. In Aldi-Nord und Aldi-Süd. Die Grenze verläuft zwischen Essen und Mülheim an der Ruhr. In der Wirtschaftspresse kursierten jüngst Gerüchte einer Vereinigung. Aber die gibt es auch um Nord- und Südkorea immer mal wieder. Allerdings machen Aldi-Nord und -Süd doch größere Fortschritte: Man schaltet schon seit geraumer Zeit gemeinsam Werbung (ein Zeichen der Krise und tiefen Verunsicherung). Tatsächlich nutzen beide Aldis seit Jahrzehnten dieselbe Union-Busting-Kanzlei. Sie heißt SOH und residiert mit 40 Anwälten in Essen. Sie wurde mit und durch die Aldi-Brüder groß, welche die Kanzleigründer Karl Ronkel und Gerhard Schmidt am Essener Großmarkt kennenlernten, und vertrat auch nach der Trennung beide Imperien mit unterschiedlichen Union-Busting-Strategien.

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Wie der Zufall es will, soll am 31. März der Anstoß für den größten Aldi-Süd-Betriebsrat der Menschheitsgeschichte ausgerechnet in der Essener Grugahalle erfolgen, also in den Nordlanden. Jahrzehntelang war Aldi-Süd betriebsrats- und gewerkschaftsfrei, während der Norden Betriebsräte zwar gehörig drangsalierte und mit der AUB eine gelbe Gewerkschaft gegen Verdi stellte, Betriebsräte und Gewerkschaften prinzipiell aber duldete. Nicht so in Süd. Doch seit einiger Zeit breitet sich das Betriebsratsvirus auch bei Aldi-Süd aus. Genauer seit dem 14. April 2022. Damals gab es unschöne Szenen in einem Kölner Festsaal: Ein Mob aus aufgepeitschten Filialleitern verhinderte eine Versammlung zur Wahl eines Wahlvorstands. Ein Polizeieinsatz verhinderte eine Massenschlägerei und Panik. Doch der Betriebsrat gründete sich trotzdem – misslingt die Wahl, kann ein Arbeitsgericht den Wahlvorstand einsetzen. Ausgehend von der Region Dormagen wurden offenbar auch Langenfeld, Mönchengladbach, Rheinbach und Oberhausen vom Betriebsratsvirus angesteckt. Nun auch die Zentrale in Mülheim, genauer der firmeninterne IT-Dienstleister Aldi DX. Vermutlich hat auch ein Aktionstag gegen Union Busting bei Aldi am Freitag, den 13. Mai 2022 dazu beigetragen, Aldi-Süd Respekt zu lehren und die Gefahr des Imageverlustes ernster zu nehmen. Unser Motto damals: Aldi-Management-Diktatur beenden! Betriebsratsfreie Zonen schließen! Top-Union-Buster war der SOH-Anwalt Till Wegmann. Wir mahnen ihn: Sire, geben Sie Vereinigungsfreiheit! Sonst kaufen wir bei Lidl – schweren Herzens und wohl wissend, dass es dort nicht besser ist …

Unsere Autoren gehören zur »Aktion gegen Arbeitsunrecht« und moderieren den Podcast »Arbeitsunrecht FM«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.03.2026, Seite 15, Betrieb & Gewerkschaft

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→Leserbriefe
  • Roland Winkler aus Aue 27. März 2026 um 10:57 Uhr
    Das Danke an die Aldi-Brüder dürfte wohl kaum ernst zu nehmen sein. »Millionen proletarischer Familien über Jahrzehnte mit günstiger Nahrung versorgt« zu haben, hat jedenfalls in den Jahrzehnten nie dazu geführt, dass die Aldis vom kapitalistischen Handelsmarkt verschwunden sind. Mit großer Sicherheit ist demzufolge auch anzunehmen, sie haben auch nie auf die erforderliche Profitabilität ihres Geschäftes verzichtet und nie Geschenke an ihre Kunden verteilt, wenn das auch der Eindruck sein mag. Wettbewerbsfähig am Markt, profitabel sein, das geht auf vielen Wegen der Ausbeutung, was der Beitrag andeutet. Lesen wir von »proletarischen Familien«, darf der Gedanke einer Zweiklassengesellschaft schon mal gedacht werden. An Solidarität zwischen Kunden und dem Aldi-Unternehmen können nur die denken, die von kapitalistischen Markt- und Spielregeln noch nie etwas begriffen haben.
    Ganz simpel, einfach und brutal direkt hat es vor vielen Jahren schon die Mutter der Aldi-Brüder im Mangermagazin auf den Punkt gebracht: »Je schlechter es den Leuten geht, desto besser geht es uns!« Noch Fragen? Den proletarischen Familien und Kunden bei den Aldis für deren wachsenden Reichtum zu alledem noch eine demokratisch legitimierte Interessenvertretung zu behindern, passt in das Ausbeutungskonzept. Sich der unseligen Dialektik eines Dankes an die Aldis bewusst zu werden, das wäre wünschenswert. Mit dem Wechsel zu Lidl und Co. ist damit jedoch nicht viel zu bewirken.
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