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Protest gegen Streamingdienst

Warum boykottieren Synchronsprecher Netflix?

Wir geben unsere Stimme nicht einfach für KI-Trainings her, warnt Anna-Sophia Lumpe den Streamingdienst

Foto: IMAGO/Xinhua
Kein Job, um reich zu werden: Synchronsprechen

Seit Januar 2026 boykottieren deutsche Synchronsprecherinnen und -sprecher den Streamingdienst ­Netflix. Was ist der Grund?

Synchronsprecher:innen sollen in den seit Jahresbeginn verwendeten neuen Projektverträgen mit ihrer Unterschrift ihre Aufnahmen für KI-Trainings von Netflix freigeben. Eine Vergütung ist nicht vorgesehen. Diese Klausel betrifft das Urheberrecht, das Leistungsschutz- und Persönlichkeitsrecht sowie den Datenschutz. Unsere Stimme, Klangfarbe, Artikulation und unser Tempo sind Persönlichkeitsmerkmale. Die gibt man nicht so einfach aus der Hand. Schon gar nicht, wenn man nicht weiß, wozu sie genutzt werden könnten. Zum Beispiel für Deepfakes und Anwendungen, die wir jetzt noch gar nicht kennen können. Denn die Sprecher sollen die Rechteabtretung für 50 Jahre unterschreiben. Als Verband Deutscher Sprecher:innen unterstützen wir deshalb alle Sprecher, die sich dieser Klausel verweigern.

Netflix ist ein sehr prominenter Streamingdienst. Ist eine besonders privilegierte Sprechergruppe betroffen?

Nein. Viele sind ausgebildete Schauspielende. Reguläre Synchronsprecher:innen erhalten pro Film etwa 900 Euro inklusive aller Verwertungsrechte. Es gibt wenige Ausnahmen. Wir sind allgemein mäßig bezahlt, und Netflix macht da normalerweise keinen Unterschied.

Normalerweise?

Netflix reagiert sehr speziell. Plötzlich locken Studios Sprecher:innen, die bisher abgelehnt wurden, mit Jobangeboten. Wir haben das gleiche Anschreiben von verschiedenen Sprechern vorliegen. Jetzt, wo Netflix aufgrund unserer Verweigerung unter Druck gerät, scheinen plötzlich auch höhere Gagen und Reisekosten verhandelbar. Gleichzeitig unterstellt uns der Konzern, als Verband mit Falschbehauptungen zu arbeiten. Die Rechtsabteilung verweigert uns bislang offizielle Gespräche. Aber selbst ein informelles Gespräch ist nach fast drei Monaten noch nicht terminiert.

Über welche Größenordnung reden wir bei dem »Streik«?

Wir gehen davon aus, dass rund 1.000 Sprecher regelmäßig für Netflix arbeiten und dass davon zwei Drittel die neue Klausel verweigern. Unser Verband ist jetzt auf 692 Mitglieder angewachsen. Bis Februar waren es nur 600.

Was genau sind die Befürchtungen?

Wir haben ein Rechtsgutachten bei der Kanzlei Spirit Legal in Auftrag gegeben. Und das rät ausdrücklich davon ab, zu unterzeichnen. Die Klausel zum KI-Training bezeichnet keine klare Nutzungsart. Welche Nutzungsmöglichkeiten es in Jahrzehnten geben wird, kann niemand wissen. Das Widerspruchsrecht nach dem hier geltenden Datenschutz würde verpuffen, da nach jetzigem Stand einmal eingespeiste Stimmen nicht mehr komplett aus der KI gelöscht werden können.

Mehrere Klauseln halten der AGB-Kontrolle nicht stand. Netflix steht aber nicht über deutschem Recht. Dennoch gilt, dass eine Unwirksamkeit nach Unterzeichnung erst von einzelnen erstritten werden müsste. Netflix und Amazon haben Patente angemeldet, die menschliche Synchronstimmen überflüssig machen könnten. Es steht also zu befürchten, dass die Sprecher selbst die KI trainieren, die sie ablösen soll.

Wie verhält es sich mit anderen großen Streaminganbietern?

Netflix übernimmt augenblicklich eine Art Vorreiterrolle. Wir sind uns absolut sicher, dass alle anderen Anbieter den Konflikt sehr genau verfolgen. Derzeit arbeiten sie aber noch mit alten Verträgen, wie sie auch Netflix bisher verwendete.

Das Thema ist für alle Kunstschaffenden und Urheberinnen von Bedeutung. Wir sehen das ja auch beim Streit der Gema gegen den US-amerikanischen KI-Anbieter Open AI, der sein System womöglich mit geschützten Texten trainiert hat.

Wie verhalten sich Synchronsprecher in anderen Ländern?

Wir sind im Dachverband United Voice Artists organisiert, der 42 Sprecher­verbände vereint. In Spanien und Polen arbeitet Netflix bereits mit einem neuen Vertrag. Italien und Frankreich dagegen, die große Synchronsprechervereinigungen haben, verweigern sich. Wir sind guter Dinge, dass wir etwas bewegen und ein Zeichen für Kunst und Demokratie setzen können.

Anna-Sophia Lumpe ist ­Sprecherin und erste Vorsitzende des Verbands Deutscher ­Sprecher:innen

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.03.2026, Seite 3, Inland

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  • Onlineabonnent*in Torsten Andreas S. aus Berlin 12. März 2026 um 23:54 Uhr
    Sie meinen, dass Netflix unter Druck gerät? Oder wird in zwei Jahren sich niemand mehr wer an Ihre besondere Stimme erinnern? Was meinen Sie, Frau Lumpe? - Wie Studiotechnik Marke synchron abläuft, kennen Sie haargenau. Originale sind Auslaufmodelle. Der Lack ist ab. Es ist wie Stummfilm mit Ton und schnuppe, ob oder dass 1 Stimme zum Klang oder zu den Mundbewegungen passt. Falls überhaupt noch wer Interesse an Kino- oder Fernsehfilmen hat. Wer fällt Ihnen da noch ein?
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