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30.04.2026
- → Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitszeitverkürzung steht an
Brasilien: Regierung will die Wochenarbeitszeit senken – bei vollem Lohnausgleich. Eine weitere Reduzierung wird bereits diskutiert
Noch vor ein paar Jahren wurde in Deutschland die Viertagewoche diskutiert. Trotz Überproduktionskrise findet sie im politischen Diskurs mittlerweile nicht mehr statt. Im Gegenteil: Spitzenpolitiker fordern eine Ausweitung der Arbeitszeit. Die brasilianische Regierung hingegen geht einen anderen Weg. Laut den Gewerkschaften habe sie zuletzt 70 Prozent ihrer Forderungen umgesetzt. Dazu gehörten etwa die Angleichung der Löhne zwischen den Geschlechtern und die Erhöhung des monatlichen Mindestlohns – auf umgerechnet etwa 279 Euro. Präsident Lula da Silva, der in den 1980er Jahren selbst gegen die Sechstagewoche demonstrierte, brachte nun am 14. April einen Gesetzentwurf in den Nationalen Kongress ein, der die Arbeitszeit auf 40 Stunden pro Woche senken soll, ohne den Lohn zu kürzen. Gleichzeitig werden Vorschläge für Verfassungsänderungen diskutiert, in denen eine langfristige Senkung der Arbeitszeit auf 36 Wochenstunden vorgesehen ist.
Diese Aussicht ist das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe. Unter anderem der Bewegung für ein Leben jenseits der Arbeit, Movimento Vida Além do Trabalho. Und die betont: »Jetzt ist nicht die Zeit, um aufzugeben!« Unter diesem Motto ruft sie in diesem Jahr zum »größten 1. Mai aller Zeiten« auf.
Sechs Tage die Woche, 44 Stunden. Das ist derzeit der Standard für Vollzeitarbeitende in Brasilien. Die sogenannte Escala 6 × 1 betrifft laut der Bewegung fast 70 Prozent der Lohnabhängigen, insbesondere im Einzelhandel, Service und in der Industrie. Junge, schwarze Menschen und Frauen sind am stärksten betroffen. Gerade Frauen kommt neben dem Sechstagejob auch noch die Reproduktionsarbeit in der Familie zu. Laut Daten des Brasilianischen Instituts für Geographie und Statistik leisten sie im Durchschnitt 21,3 Stunden häusliche Arbeit in der Woche, schwarze Frauen etwa 1,6 Stunden mehr als weiße, während der Durchschnitt der Männer nur bei 11,7 Stunden liegt. Hinzu kommen in 33 Prozent der Fälle mehr als eineinhalb Stunden Fahrzeit zum Arbeitsplatz. Zusammengerechnet ergibt das für schwarze Frauen etwa 84 Arbeitsstunden in der Woche, also zwölf Stunden pro Tag – im Durchschnitt.
Die Folgen für die körperliche und mentale Gesundheit sind schwerwiegend und daher ein zentrales Argument in der Debatte um Arbeitszeitverkürzung. Gegnern der Kürzung, die sich mitunter sogar für eine Steigerung der Arbeitszeit auf bis zu 54 Stunden aussprechen, werden von Befürwortern wirtschaftliche Argumente entgegengesetzt: Die Produktivität könnte gesteigert werden; zusätzliche Arbeitsplätze würden die Arbeitslosigkeit im Land verringern. Die Rede ist von etwa 4,5 Millionen Arbeitsplätzen, so die Ökonomin Marilane Teixeira. Kein Wunder also, dass das Vorhaben laut Befragungen von 73 Prozent der Bevölkerung unterstützt wird.
Die geringe Wertschätzung der Arbeitskraft und ihre Ausbeutung werden immer wieder auch als Erbe einer Wirtschaft bezeichnet, die lange auf Sklavenarbeit basierte. So betonte auch Guilherme Boulos, der leitende Minister des Generalsekretariats der Präsidentschaft, Mitte März, die Gegenargumente ähnelten den Stimmen, die sich im Jahr 1888 gegen das Ende der Sklaverei aussprachen. Demgegenüber steht die organisierte Bewegung der Arbeiter und Arbeiterinnen in Brasilien. Sie versammelte sich am 15. April in der Hauptstadt Brasília zum Marsch der arbeitenden Klasse. Unter ihren 68 Forderungen war auch das Ende der sechstägigen Arbeitswoche. Die Vizepräsidentin des nationalen Gewerkschaftsbundes CUT, Juvandia Moreira, machte deutlich: Lula habe zwar den Gesetzentwurf zur Arbeitszeitverkürzung in den Kongress eingebracht, doch dort hätten die Unternehmen die Mehrheit. Die Mobilisierung sei deshalb so wichtig.
Die Gruppe Movimento Luta de Classes (MLC), die Bewegung für den Kampf der Klassen, rief zur landesweiten Einheit auf: »In einem Moment, in dem der globale Konflikt sich intensiviert und die Ausbeutung zunimmt – aber auch die Gewinnquote der Kapitalisten, der Banker, der Industriekapitalisten – ist es notwendig, dass die arbeitende Klasse sich vereint, um einen großen Generalstreik im Land aufzubauen. Vom Norden bis in den Süden, um die 36-Stunden-Woche zu implementieren und den generellen Anstieg der Löhne voranzutreiben. Wer in diesem Land das Sagen haben sollte über die Arbeit und über die Arbeitenden, ist unsere Klasse!«
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