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Tarifverhandlungen im Handel

»Verdi verhandelt die Tarifverträge wie in den 1950er und 60er Jahren«

Tarifverhandlungen für 5,2 Millionen Beschäftigte im Handel haben begonnen. Die Vorzeichen sind alles andere als günstig. Ein Gespräch mit Orhan Akman

Von Lars Mörking
Foto: HEN-FOTO/imago
Auftaktkundgebung zur Tarifrunde im Handel (Frankfurt am Main, 17.3.2026)

Bis 2023 warst du Leiter der Verdi-Bundesfachgruppe für den Einzel- und Versandhandel. Die Forderungen deiner Gewerkschaft in der bevorstehenden Tarifauseinandersetzung im Handel hast du scharf kritisiert. Warum?

Die Forderungen sind von der Lebensrealität der Beschäftigten weit entfernt. Silke Zimmer, zuständig im Verdi-Bundesvorstand für den Bereich Handel, sagt zwar, dass im Handel »Knochenarbeit« geleistet werde. Doch ein Einkommen, von dem die Beschäftigten leben können, sei aktuell für viele nicht gegeben. Damit spricht Zimmer aus, wofür sie ja die Verantwortung trägt. Selbst mit der Durchsetzung der Verdi-Forderung nach sieben Prozent mehr Lohn wird man den Sorgen und Nöten der Beschäftigten nicht gerecht. Das Problem ist viel tiefgreifender.

Was ist das eigentliche Problem bei den Tarifverträgen?

Eines der zentralen Probleme der Tarifverträge und damit der Tarifverhandlungen im Handel liegt in der Struktur. Denn das Fundament der Verdi-Tarifverträge im Handel ist marode und trägt nicht mehr. Die Tarifverträge sind mittlerweile fern von der Arbeitsrealität und den Tätigkeiten der Beschäftigten. Sie müssen dringend reformiert und modernisiert werden. Aktuell sind mehr als 80 Prozent der Handelsunternehmen nicht mehr tarifgebunden. Dieser Realität muss Verdi ins Auge schauen.

Im Handel gibt es einen enormen Konzentrationsprozess. Weniger als eine Handvoll Unternehmen dominieren den Lebensmittelhandel, den Bereich der Drogerien und den Pharmagroßhandel, um nur einige zu nennen. Verdi verhandelt die Tarifverträge wie vor über 60 Jahren auf regionaler Ebene – und das in 16 Tarifgebieten im Einzel- und Versandhandel, in 20 Tarifgebieten im Groß- und Außenhandel. Hinzu kommen Firmentarifverträge. Während in einigen Tarifgebieten ab April verhandelt wird, starten andere Tarifgebiete erst ab Juni. So kann kaum gemeinsame Stärke und Kampfkraft auf nationaler Ebene entfaltet werden.

Wie kann übergreifende Stärke entstehen?

Ich plädiere für bundesweite Tarifverträge und Verhandlungen. Wir müssen vorausschauend agieren, eigentlich schon internationale Tarifverträge entlang der Liefer- und Wertschöpfungsketten anstreben und zumindest jetzt damit beginnen. Die Kapitalseite ist national und oftmals auch international aufgestellt. Es spricht viel dafür, dass Verdi für den gesamten bundesdeutschen Handel einen Manteltarifvertrag mit den gleichen Arbeitszeiten, Urlaubstagen, Zuschlägen, etc. verhandelt. Auch das Urlaubs- und Weihnachtsgeld kann man für den ganzen Handel einheitlich tarifieren. Das ist auch strategisch überlebensnotwendig. Denn im filialisierten Einzelhandel reichen weder der Organisationsgrad noch die Kampfkraft der Gewerkschaft aus, um den notwendigen Druck auf die gegnerische Seite zu erzeugen. Den kann Verdi eher in der Handelslogistik, in den Lagerbetrieben und in den Versandzentren entfalten und ausbauen. Mit Arbeitskämpfen in diesen Bereichen – inklusive bei den Lieferdiensten – kann man die Kapitalseite enorm unter Druck setzen. Diese Regionalität und Unterteilung nach Einzel- und Versandhandel, Groß- und Außenhandel etc. muss dringend aus dem Weg geräumt werden.

Bei den Entgelten und Eingruppierungen sollten Tarifverträge analog den Anforderungen und den konkreten Tätigkeiten in den jeweiligen Teilbranchen – sprich jeweils separate Entgelttarifverträge (ETV) mit gleicher Laufzeit und bundesweit – verhandelt werden. Etwa ein ETV für Lebensmittelhandel, ein ETV für Versandhandel und Lieferdienste, ein ETV für Baumärkte und Gartencenter usw. Das würde auch den Weg für mehr Tarifbindung ebnen. Wenn es Themen gibt, die dadurch nicht abgedeckt sind, dann können als Ergänzung der bundesweiten Flächentarifverträge Haustarifverträge abgeschlossen werden.

Die Tarifverträge müssten von Grund auf neugestaltet und verhandelt werden. Mit Silke Zimmer ist das nicht zu machen, denn sie ist strukturkonservativ und wagt keinerlei Neuaufstellung des Fachbereichs.

Ist es bei dem niedrigen gewerkschaftlichen Organisationsgrad im Handel nicht illusorisch, mehr als eine Lohnerhöhung in Höhe der Inflation durchsetzen zu wollen?

Unrealistisch und illusorisch ist, dass Verdi rund sieben Prozent Entgelterhöhungen für 12 Monate fordert. Ich prognostiziere, dass es nicht gelingen wird, einen Tarifabschluss für 12 Monate zu erreichen. Den Beschäftigten wird etwas vorgemacht, was am Ende zu viel Frustration führen wird, allen voran bei den streikenden Kolleginnen und Kollegen. Am Ende wird wieder über einen Tarifvertrag mit über 24 Monaten Laufzeit verhandelt. Die Lohnerhöhung von 7 Prozent wird sich – wenn überhaupt – auf diesen Zeitraum verteilen. Und selbst dann müssen unbedingt Nullmonate verhindert werden. Die Unternehmen werden zudem versuchen, Verdi mit einseitigen Gehaltserhöhungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das war in der letzten Tarifrunde schon so.

Die Preise sind nach dem Angriff auf den Iran deutlich gestiegen, vor allem für Energie. Müssen Gewerkschaften Themen wie Rüstungsausgaben, Kriegsmobilisierung und deren Folgen stärker mit in den Blick nehmen, auch tarifpolitisch?

Kriege, Aufrüstung und Militarisierung gehen in einem Staatshaushalt immer zu Lasten der sozialen Sicherungssysteme, aber auch der Einkommen der Beschäftigten. Es war ein fundamentaler Fehler, dass sich auf dem letzten Verdi-Bundeskongress 2023 rund zwei Drittel der Delegierten für Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen haben. Die Zeche zahlen wir jetzt.

Die Bundesregierung hat ein sogenanntes Entlastungspaket beschlossen, wonach Unternehmen eine Entlastungsprämie in Höhe von bis zu 1.000 Euro steuer- und abgabenfrei an ihre Beschäftigten zahlen können. Was bedeutet das für die laufenden Tarifverhandlungen im Handel?

Die Beschäftigten brauchen dringend und schnell Entlastungen. 1.000 Euro sind viel Geld für Beschäftigte im Handel. Verdi wird sicherlich in den Verhandlungen damit konfrontiert werden und nicht drumherumkommen. Die Frage wird sein, welchen Preis Verdi dafür zahlen wird.

Verdi besteht nun seit 25 Jahren. Hast du das Jubiläum gefeiert?

Es gibt nichts zu feiern. Verdi hat seit der Gründung gut ein Drittel ihrer Mitglieder verloren. Allein im Jahr 2025 waren es rund 35.000 Mitglieder, die ihrer Gewerkschaft den Rücken gekehrt haben. Das ist in etwa so viel, wie es Mitglieder in einem durchschnittlichen Verdi-Bezirk gibt. Bemerkenswert ist, dass es keine Selbstkritik und kein Konzept auf seiten des Verdi-Bundesvorstands gibt.

Hast du denn ein Konzept gegen Mitgliederverlust?

In meiner zwölfjährigen Arbeit im Bezirk war ich sehr nah dran an den Betrieben und Mitgliedern. Ich habe gelernt, dass die Gewerkschaft für die Beschäftigten erlebbar sein muss. Sie muss Erfolge organisieren und den Kapitalisten die Stirn bieten. Das hat auch meine Arbeit in Lateinamerika bestätigt, allen voran in Peru und Kolumbien. Die Gewerkschaft ist nichts Abstraktes. Die Beschäftigten und vor allem die Mitglieder verbinden mit ihrer Gewerkschaft eine konkrete Person, sprich einen Ansprechpartner im Betrieb. Wir müssen Verdi aus der Sicht der Mitglieder und aus dem Blickwinkel des Betriebes denken und neu aufbauen.

Wenn Menschen, die die Gewerkschaft vertreten, authentisch, aufrecht und glaubwürdig sind, dann ist schon viel gewonnen. Wer den Beschäftigten Mut macht und sie in Prozessen wie der Gründung von Betriebsräten, Konflikten im Betrieb und Tarifrunden begleitet, kann ihr Vertrauen gewinnen. Dazu muss man sich mit der anderen Seite, sprich den Kapitalisten, auch anlegen können – aber auch nach innen, sprich mit der Gewerkschaftsbürokratie. Man darf Widersprüchen nicht aus dem Weg gehen. Im Gegenteil, man muss sie zuspitzen.

Seit fast fünf Jahren befindest du dich in einer Auseinandersetzung mit dem Verdi-Bundesvorstand, die auch vor Gericht ausgetragen wird. Dir wurde mehrmals gekündigt, bisher ohne Erfolg. Auf dem nächsten Bundeskongress 2027 möchtest du wieder für den Verdi-Bundesvorstand kandidieren. Warum, wenn er dich doch offensichtlich loswerden will?

Der Konflikt zwischen dem Bundesvorstand und mir ist rein politischer Natur – es geht um den Richtungsstreit innerhalb der Gewerkschaft. Der Bundesvorstand greift immer wieder zu arbeitsrechtlichen Mitteln, um mich loszuwerden, weil ich ihn kritisiere, die Krise von Verdi offen anspreche und zugleich mögliche Wege aus der Krise aufzeige. Frank Werneke und der Bundesvorstand tun so, als seien sie die Eigentümer der Gewerkschaft, und vergessen, wofür sie gewählt wurden. Dieser Bundesvorstand kann meines Erachtens unserer Gewerkschaft nicht zum Erfolg verhelfen und muss daher abgewählt werden. Ich stehe für einen radikalen Kurswechsel. Solange ich bei Verdi bin, werde ich meine Kandidatur aufrechterhalten.

Orhan Akman ist Verdi-Mitglied und Kandidat für den ­Verdi-Bundesvorstand

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.05.2026, Seite 15, Betrieb & Gewerkschaft

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