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04.05.2026
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Edeka – Wir ♥ Union Busting
NRW: Einzelhandelsriese feuert Betriebsratskandidaten mitten im Wahlkampf. Verdi mit Solidaritätsaufruf für Geschassten
Der Kölner Heumarkt ist am 1. Mai 2026 dicht gefüllt. Unter strahlend blauem Himmel flattert ein stilisiertes Gespenst und erklärt die Arbeitsbedingungen im Handel: »Es spukt.« Daneben steht Christine Behle. Die Verdi-Vizebundesvorsitzende nutzt die Gelegenheit im Kundgebungsgetümmel für einen Solidaritätsaufruf: für Paul Rischak. Er ist aussichtsreicher Betriebsratskandidat im Edeka-Lager in Meckenheim bei Bonn.
Edeka geht rabiat gegen ihn vor. Am 10. April 2026 hatte der Einzelhandelsriese eine fristlose Kündigung gegen den Spitzenkandidaten der Verdi-Liste Rischak ausgesprochen – mitten im Betriebsratswahlkampf.
Verdi unterstützt Rischak bei seiner Kündigungsschutzklage. Die Dienstleistungsgewerkschaft half ihm dabei, das Zutrittsrecht zum Betrieb arbeitsgerichtlich zu erstreiten. Das Arbeitsgericht Bonn verpflichtete Edeka per einstweiliger Verfügung, Rischak bis zur Betriebsratswahl für täglich zwei Stunden zwecks Wahlkampf Betriebszugang zu gewähren. Die Wahl findet am 5. Mai statt, wie Verdi-Vertrauensleute am Sonnabend gegenüber jW bestätigten.
Wer ist der Kollege Rischak? Er arbeitet seit 19 Jahren als Lkw-Fahrer im Meckenheimer Lager. Nachdem er sich 2023 im Tarifkonflikt engagiert hatte, baten ihn Kollegen, sich zur nächsten Betriebsratswahl aufstellen zu lassen.
Der bisherige Betriebsrat gilt unter den Kollegen eher als Karrieresprungbrett für angehende Führungskräfte. Eine echte Interessenvertretung der Beschäftigten sehen viele in ihm nicht. Er hatte der Kündigung Rischaks zugestimmt. »Ein Betriebsrat muss schützen, nicht abnicken. So darf es nicht laufen«, sagte Andelina H., Betriebsratsmitglied bei Edeka Logistik in Hamm, am Sonnabend im jW-Gespräch.
In einem aktuellen Solidaritätsvideo von Verdi berichtet der Gekündigte, der Betriebsleiter habe eine Woche vor der Kündigung erklärt, auf dem Gelände keine Gewerkschaft zu dulden. Auslöser soll gewesen sein, dass Rischak und mehrere Kollegen Verdi‑Westen trugen – just zur laufenden Tarifrunde im Groß- und Außenhandel NRW.
Als Kündigungsgrund führt Edeka allerdings angeblichen Arbeitszeitbetrug an. Kritiker sehen darin einen typischen Vorwurf aus dem Werkzeugkasten des Union Bustings – also der gezielten Behinderung von Betriebsratsarbeit durch Unternehmen.
Edeka ist dafür bekannt, betriebliche Mitbestimmung hart anzugehen. Im Frühjahr 2025 erstattete der Betriebsrat des Zentrallagers Lauenau – Teil des Edeka-Verbundes Minden-Hannover – Anzeige wegen Behinderung der Betriebsratsarbeit. Gremiumsmitglieder berichteten von ständiger Beobachtung, einem Klima permanenter Kontrolle. Schulungen habe der Betriebsrat erst einklagen müssen, während die Geschäftsführung Betriebsratsarbeit nicht immer als Arbeitszeit anerkannt haben soll.
Auch in den privat betriebenen Edeka‑Filialen gehen Firmenleitungen gegen Betriebsratsgründer vor. 2020 wollte ein Mitarbeiter der Frischemärkte Bauer e. K., die damals elf Märkte im Raum Konstanz betrieb, den ersten Betriebsrat in einem privat geführten Edeka gründen – und wurde trotz langjähriger Betriebszugehörigkeit mit Mitte 50 gekündigt. Zur Wahl stellte die Geschäftsleitung schließlich eine Liste aus Führungskräften auf. Im Frühjahr 2025 versuchte der südbadische Edeka‑Händler Hieber ebenfalls, einen Betriebsratsgründer loszuwerden. Die privat betriebenen Edeka‑Märkte gelten als tarif- und mitbestimmungslos, während in den Lagern nach dem Tarif des Groß- und Außenhandels bezahlt wird.
Zurück zum Edeka‑Lager Meckenheim: Rund 450 Beschäftigte arbeiten dort, der Logistikstandort feierte im Dezember 2025 sein 50jähriges Bestehen. Von hier aus versorgt Edeka seine Märkte im Süden von NRW und im nördlichen Rheinland‑Pfalz; Betreiber ist Edeka Rhein‑Ruhr, nach eigenen Angaben mit mehr als 1.000 angeschlossenen Lebensmittel- und Getränkemärkten Marktführer in NRW.
Nun steht die Fusion von Edeka Rhein‑Ruhr mit Edeka Nord an, beschlossen von beiden Genossenschaften Ende April, berichtete jüngst der NDR auf seiner Homepage. Die neue Region Edeka Nordwest soll ihren Sitz in Moers haben. Start ist am 1. Juli 2026.
Bis dahin wird längst feststehen, wie die Verdi‑Liste um Spitzenkandidat Paul Rischak in Meckenheim abgeschnitten hat – und ob die Beschäftigten bei der anstehenden Umstrukturierung einen starken Betriebsrat an ihrer Seite haben. Solidarität ist ihm sicher. »Wir stehen alle hinter Paul und verteidigen die Souveränität der Mitbestimmung«, bekräftigte Christian K., Exgesamtbetriebsratsvorsitzender und Betriebsrat bei Edeka Logistik Oberhausen, gegenüber jW. Oder, anders gesagt: Auf dass der Spuk ein Ende hat.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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